Container vom 28. Juli 2009 von
Spaghetti antiquata
Daniel Kehlmann gegen das Regietheater
Der nach Diedrich Diederichsen bekannteste Fan der Simpsons im deutschsprachigen Raum, Daniel Kehlmann, hat sich in seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele gegen das Regietheater, das er mit Videowänden und Spaghettiessen auf der Bühne assoziiert, ausgesprochen. Er hat dabei auch kulturelle Fronten aufgemacht, die von unserer Seite schon lange exklusiv unterlaufen werden: Cargo "liest Romane, geht ins Kino, kauft DVD-Boxen mit den intelligentesten amerikanischen Serien", nimmt Theater aber deswegen nicht "als fernen Lärm wahr, als Anlass für wunderliche Artikel im Feuilleton, als Privatvergnügen einer kleinen Gruppe folgsamer Pilger, ohne Relevanz für Leben, Gesellschaft und Gegenwart", sondern als kulturelles Teilsystem, in dem Brillanz und Blödsinn nicht viel anders verteilt sind als in allen anderen auch. Eine, die entscheidende Frage hat Daniel Kehlmann übrigens zu beantworten vergessen: Was ist das eigentlich, eine "historisch akkurate Inszenierung eines Theaterstücks"? Er wird doch nicht am Ende so etwas meinen wie zuletzt Der zerbrochene Krug mit Klaus Maria Brandauer in der Einrichtung durch Peter Stein?



2 Kommentare. Kommentar hinzufügen
Ekkehard Knörer, 28.07.2009 15:31
Es trifft sich, dass man sich zum Tod von Merce Cunningham auch an jenes legendäre erste "Happening" von 1952 im Black Mountain College erinnern kann, das das Theater des 20. Jahrhunderts auf Pfade führte, von denen einem Kehlmann nichts schwant. Mit Cunningham ist übrigens jetzt der letzte Teilnehmer dieses Schlüsselmoments der Avantgarde gestorben.
Hier fasst Nancy Perloff das Geschehen zusammen: "The experimental performance or "Happening" which Cage created and staged in the dining hall at Black Mountain College placed the performers in the aisles among the audience and presented a range of simultaneous but unrelated events: John Cage on a ladder reciting either his Meister Eckhart lecture, lines from Meister Eckhart, a lecture on Zen Buddhism, the Bill of Rights, or the Declaration of Independence; Merce Cunningham dancing around the chairs; Rauschenberg standing in front of his paintings or playing scratchy Edith Piaf recordings at double speed; David Tudor playing a prepared piano and a small radio; and M.C. Richards and Charles Olson perched on a different ladder and reading from their poetry. No narrative unfolded. But the events witnessed by the audience were staged and could be enhanced and refined by the performers, in the course of performance. (Harris, 1987, pp. 226; 228) In both respects, Cage’s "Happening" was a new form of theater."
http://www.ubu.com/papers/perloff_nancy.html
Ekkehard Knörer, 02.08.2009 07:46
Kehlmann im Spiegel-Interview auf die Frage, was ihm zuletzt im Theater denn gefallen habe:
"Zuletzt "Der Gott des Gemetzels" von Yasmina Reza am Burgtheater. Ich halte das nicht für ein bedeutendes Stück, aber es ist eine wunderbare Vorlage für Schauspieler, wie die Aufführung beweist. Auch Peter Steins "Zerbrochnen Krug" mit Klaus Maria Brandauer am Berliner Ensemble fand ich sehr gut."
Tja.