Leere Beweise
Fußnote zu Soderbergh.
Jetzt erst habe ich ein schon etwas älteres Interview mit Steven Soderbergh gelesen; es ist aus dem Mai. Michael Sicinski hat einen entscheidenden Punkt getroffen, als er ihn im letzten CARGO-Heft als das Paradox eines neoliberalen Auteur beschrieben hat. Das folgende ist nicht viel mehr als eine Fußnote, ein kurzer Materialanhang zu Sicinskis These. (Das englische Original von Michael Sicinskis Text, etwas ausführlicher als die deutsche Heft-Fassung, ist jetzt online.)
Zunächst fragt sich ja noch, wie ein solches Paradox überhaupt möglich wird - jenes Paradox, das darin besteht, seine Seele in etwas hineinzulegen, für das man keine Leidenschaft hat. Oder auch: Aus ganzer Überzeugung etwas zu tun, an das man nicht glaubt. Ein Faktor: Man muss als Filmemacher den Eindruck haben, in einer postfilmischen Situation zu leben. Die beschreibt Soderbergh so:
[Movies] are more influential than they've ever been and less important than they've ever been. They're influential in terms of how people act and how they dress, and also what they laugh at. But in terms of importance? In terms of what they can do for us, how they can enhance us? I think they've never been less important than they are right now. There was a period of time when that wasn't true, but that time has passed. I think it's still the dominant art form, but I don't think it's an important art form anymore.
Mal abgesehen davon, ob das nun stimmt oder nicht - etwas Wichtiges gehört dazu, von dieser Einsicht her auf der Soderbergh-Position zu landen: Man muss sich mit dieser Lagebeschreibung als Rahmenbedingung abgefunden haben. Man kann dann immer noch Großes, sogar Maßloses (Che) wollen, aber nicht um die Welt zu verändern, sondern um sich und allen zu beweisen, was in einer Situation wie der gegebenen noch möglich ist. Der Filmemacher Soderbergh setzt darum nichts Eigenes, sondern ringt nur der Lage, so bedauerlich sie sein mag, ab, was er ihr an Eigenem abringen kann. Auteur sein heißt in diesem Fall aber: das Eigene wird formal und lässt sich auf den Satz bringen: Ich habe das unter den gegebenen Umständen Bestmögliche möglich gemacht.
Warum aber tut man etwas, das der eigenen Einsicht nach so recht nicht mehr wichtig ist? Wenn das Motiv nicht darin besteht, einfach nur abzukassieren. Oder sich als bloßer Handwerker zu begreifen. Wie kann man denn, Teufel noch mal, sich einverstanden damit erklären, nicht das Unmögliche, sondern nur das Bestmögliche zu wollen? Nun, da hilft ein Weltbild, das über das prozedurale Basisprinzip der "Fairness" hinaus nichts erwartet und auch nichts zu fordern erlaubt:
Everybody is trying to get what they want all the time. And I don't think there's anything wrong with that. My whole criteria is 'is everybody getting what they want?' That's how I judge fairness or morality -- parity. Not by the act itself, but by 'is everybody getting what they want?'
Das klingt, erst recht, wenn es dann um Sex, Liebe, Prostitution geht, nach einem Pennäler, der seine Nietzsche-Exaltationen gerade hinter sich hat und jetzt die Mitwelt mit seinem pseudo-abgeklärt-achselzuckenden Radikalpragmatismus in allen Dingen, die anderen wichtig sind, provoziert:
The cultural meaning of it is so blurry and could be used in so many contexts that, as you said, it's almost meaningless. If the definition of being a whore is that you're doing something that you wouldn't ordinarily do in order to make money, that's 95 percent of the people I know. Most of the people I know do not like their work, or they wish they were working somewhere else. Somebody pays me for my time, that's my job. That's what I do. Two people reaching an agreement that doesn't involve theft or assault is really none of my business. And I don't view the [sex] act as sacred. It's just not an exalted activity to me. That's really the crux of it. There is no evidence I can see that there's anything special about it.
Filmemachen ist, postfilmisch, Prostitution. Das ist aber, wie Prositution, nicht weiter schlimm, das Einverständnis aller Beteiligten vorausgesetzt, und da man nichts machen kann, kann und sollte man sich auch gleich damit einverstanden erklären. Die Protest-Energie richtet sich so nicht gegen die Verhältnisse, sondern, mit einer selbst schon ermüdeten Geste, gegen jene, die sich nicht abfinden. Die die Leere nicht affirmieren wollen. Und offenkundig ist es genau das, was Soderbergh umtreibt: Hochtourige, handwerklich oft formvollendete Affirmation der Leere.
Heraus kommt etwas wie Che, ein Film, der beweist, dass so etwas wie dieser Film möglich ist. Der aber nicht mehr ist als nur dieser Beweis. Eben darum wird doppelt egal, was genau einer tut. Jeder Film ist ein rein formaler, quasi-mathematischer Beweis. Strahlend und hermetisch zugleich - und in dieser Gleichzeitigkeit seltsam uninteressant. Die Filme von Steven Soderbergh haben nichts zu sagen, sie geben nichts, das über sie hinauswiese, zu denken und die Leidenschaft, die in ihnen steckt, ist in dem Moment erschöpft, in dem sie als Film existieren. Auch die Haltung zu allem, was Diskurs wäre, ist darum nur konsequent:
Also, I'm not a result person, I'm a process person. What I really like is making them and I'm content to judge them by my own criteria later. But at the time I just want to make them. I want to make them for the amount of money and time that I've been given to make them and then I just want to move on to the next thing without agonizing.
Man kann der Ansicht sein, dass es keinen zeitgemäßeren Filmemacher als Steven Soderbergh gibt. Man muss das aber nicht freundlich meinen.


6 Kommentare. Kommentar hinzufügen
Christoph Hochhäusler, 19.07.2009 18:27
Ich bin wahrscheinlich der falsche, um Soderbergh zu verteidigen. Deine Analyse deckt sich in vielen Punkten mit meiner Seherfahrung. Trotzdem finde ich es bemerkenswert, in einer Box Office-hörigen Industrie auf den Spaß am Prozess zu bestehen. Und auch wenn ich keinen von Soderberghs Filmen liebe, ist die Leichtigkeit (oder Leere?) mancher seiner Filme - ich denke zum Beispiel an THE LIMEY - ansteckend in einem positiven Sinn. Es ist ein bisschen wie im Sport: ich sehe lieber einen Athleten, der für sich selbst läuft, als einen, der nur das Ergebnis vor Augen hat. Ich weiß, das ist eine arg demokratische Botschaft („Just do it”), aber die war dem amerikanischen Kino noch nie fremd. Ich finde ja, dass Soderbergh in dieser Hinsicht große Ähnlichkeiten mit Steven Spielberg hat. Der hat zwar in den letzten 20 Jahren immer wieder „Inhalt” simuliert, aber letztlich ist ihm noch jeder Gegenstand fremd geblieben. Konsequenter Weise hat sich Spielberg immer als Anti-Auteur gesehen - er wolle ein "Unterhaltungsprofi" wie Fleming sein, hat er einmal gesagt, ein Regisseur verwechselbarer Handschrift...
neuronal, 19.07.2009 22:37
Weil wir grade bei "The Limey" waren, wo die Tragödie in Terence Stamps von den LA-Bewohner als unangemessen empfundener Intensität liegt- vielleicht ist ja Soderbergh immer dann interessant, wenn er die Leere (die natürlich erstmal vor allem die eigene sein kann) auch zum Thema macht statt sie nur in Film zu verwandeln? Allein der entweder völlig stumpfe oder gefaked ironisch amüsierte Augenausdruck von Sasha Grey in "Girlfriend Experience" erzählt ja schon was.
Ekkehard Knörer, 20.07.2009 08:35
@christoph: Ich schwanke zu Soderbergh. Und vieles, was ich schreibe, kann man mit einem sanften Stupser auf die positive Seite kriegen. Also zum Beispiel die Freude am reinen Prozess, es liegt ein kühner Verzicht auf größere und oft unangenehme Prätention darin.
Das Interessanteste ist aber eher, dass alles an Soderbergh paradox ist: Ich finde nicht, dass seine Handschrift verwechselbar ist - nicht zuletzt macht er ja auch immer wie ein Über-Auteur alles selber: Kamera, Schnitt, Buch wenigstens massiv umschreiben; zugleich ist es ganz schwer, auteuristisch "Themen" zu finden, die sich durchziehen. (Klar, kann man bestimmt hinkriegen, aber es legt sich nichts nahe.)
Oder: Er ist zugleich der Super-Profi, der alle Industrienormen zu erfüllen versteht. Und der Super-Indie, der auch mal einen Film für verschwindende und verschwundene Zielgruppen dreht - und es zufrieden ist.
Oder: Er arbeitet völlig manisch, aber nicht so, dass er, wie ein Studioregisseur einfach jeden Auftrag annimmt. Sondern eher wie einer, der pathologisch fast die Abwechslung sucht; der glücklich ist über sehr spezielle Herausforderungen.
Oder: Er ist einerseits ein Intellektueller, der - siehe dies Interview - sehr präzise und ohne Geschwurbel über seine Arbeit, die Gesellschaft, alles mögliche nachdenkt. Und zugleich will er über seine Filme nicht sprechen, hasst Interviews, liest keine Kritiken, sucht nicht den Diskurs.
Und ganz subjektiv: Es gibt Filme von Soderbergh, die ich großartig finde. Gleichzeitig interessieren sie mich im Grunde auch wieder nicht.
@neuronal: Das leuchtet ein, auch "Solaris", den ich für seinen unterschätztesten Film halte, scheint mir aus der Perspektive noch mal anders lesbar.
Christoph Hochhäusler, 21.07.2009 11:36
Es wäre wirklich interessant, die Parallelen zwischen Steven Soderbergh und Mike Figgis, aber auch Regisseuren wie Dominik Graf oder Michael Winterbottom zu untersuchen. Bei aller Unterschiedlichkeit alles Autoren, die auf eine sehr moderne Weise im Konflikt mit der Autorenposition stehen...
Ekkehard Knörer, 21.07.2009 11:53
Die Reihe leuchtet mir sehr ein. Auch Leute wie (vielleicht) Nicolas Roeg und (ganz sicher) Claude Miller scheinen mir da reinzupassen. Und es gibt bestimmt noch ein paar, die mir jetzt nicht gleich einfallen. Regisseure, die weder Arthouse- noch Festival- noch Industrie-kompatibel sind. Oder, was wohl die eigentliche Crux ist: alles davon irgendwie, aber nicht so richtig. Sie sind innerhalb unserer Ordnungsgewohnheiten seltsam "sui generis". Es würde sich lohnen, einmal eine kleine Phänomenologie dieser extrem eigensinnigen Nicht-Auteurs zu schreiben. Weil es weder im engeren Sinn Kunst (von der Festivalfraktion abgenickt) noch nur professionell durchgezogenes Handwerk ist (von der Klassikerfraktion abgenickt), heißt es dann ja gerne: Kunsthandwerk. Aber das ist eigentlich Denkfaulheit, auf diese doch immer pejorativ gemeinte Kategorisierung zu verfallen. Oder die Pointe müsste sein, das als unabhängige und eigensinnige Position, die sehr Ungewöhnliches möglich macht, zu begreifen.
neuronal, 21.07.2009 13:08
Aber auch da kriegt man Soderbergh nicht richtig einsortiert. Graf und Winterbottom (beides Leute, deren Filme ich mir allein aufgrund des Namens anschaue) kriegt man zwar nicht in die gängigen Vermarktungskategorien platziert, aber die besetzen schon sehr spezifische Schnittstellen dazwischen - auch wenn man sich im Einzelfall Mühe geben müsste, diese Schnittstellen zu beschreiben.
Winterbottom ist natürlich ein Genrespringer, aber er fährt nicht Fahrstuhl zwischen allen möglichen Ausformungen von Kommerz und Extremindie, wie es Soderbergh macht. Glaube nicht, dass Auswertungsformen und Einspielergebnisse von Winterbottom-Filmen stärker variieren als -sagen wir mal- Woody-Filme.
Graf hat IMO ein eindeutiges Heimgenre, von dem er manchmal halt kleine Ausflüge unternimmt.
Aber wenn wir die Kategorie schon haben, möchte ich Richard Linklater nominieren. :)