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Neue Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 40
vom 14. Dezember 2018

CARGO 40 Cover, CARGO 39 Cover,

Thema/Reihe Iran
Container vom 3. Juli 2009 von Ekkehard Knörer

Mohammad Shirvani
Kleine Materialsammlung.

president mir ghanbar

Die letzte Einstellung: Der alte Mann schiebt sein Fahrrad vor steil in die Höhe ragenden Bäumen von links nach rechts. Hinten auf dem Rad die rote Fahne, die Gottes Hilfe und den Sieg verspricht. Mit dem versprochenen Sieg allerdings ist nicht zu rechnen. Mir Ghanbar ist 74 Jahre alt, er lebt weit weg von Teheran im iranischen Norden und er unternimmt im Jahr 2004 nicht den ersten Versuch, sich zum Präsidenten des Iran oder wenigstens ins Parlament wählen zu lassen. Mehr als ein paar Stimmen waren ihm bisher nicht beschieden; mehr als ein paar mehr als die paar, die er bisher gewann, werden es ganz sicher auch diesmal nicht.

In seinem Film mit dem nicht ganz unironischen Titel President Mir Ghanbar beobachtet Mohammad Shirvani seinen Helden beim Wahlkampf. Und nicht diesen Helden allein, sondern auch dessen Freund und Helfer, den ausgesprochen netten, leicht spastisch behinderten Seifollah, der Zettel verteilt und Werbung macht für Mir Ghanbar, wo er nur kann. Der Film ist dokumentarisch im Ansatz, aber an cinema verité glaubt Mohammad Shirvani, wie so viele seiner iranischen Kollegen, nicht. Die rote Fahne zum Beispiel war seine Idee und immer wieder werden die Personen, die er zeigt, von ihm sehr bewusst im statisch gehaltenen Bild platziert.

Im Vordergrund sitzt Mir Ghanbar. Im Schneidersitz. Er blickt frontal in die Kamera, links weit im Hintergrund in der Ecke kauert schwarz verschleiert seine Frau, die er liebt und rumkommandiert. Der Film fragt sein Wahlprogramm ab und Mir Ghanbar antwortet mit mehr oder minder heiligem und jedenfalls durchweg sehr frommem Ernst. Wenn man das sieht, stellt sich die ethische Frage: Wie verhält sich der Film, wie verhält sich der Regisseur zu seinem Protagonisten? Führt er ihn vor, nutzt er ihn aus? Und wie ist es mit Sollfeitah, dem behinderten Helfer? Unweigerlich muss man, sieht man die beiden zusammen, an Don Quijote und Sancho Pansa denken, wie sie auf der Grenze zwischen wundersamer Entschiedenheit und lächerlicher Verblendung durch die Landschaft reiten. (Einmal fällt Mir Ghanbar vom Esel. Sollfeitah richtet ihn wieder auf.)

Eine Antwort auf die Frage nach seiner Haltung gibt Shirvani bereits in der allerersten Einstellung. Aus beträchtlicher Distanz sieht man ein paar Figuren auf einem Feldweg in freier Natur. Sehr klar zu hören sind ihre Stimmen. Es fällt der Vorwurf: Ihr nutzt mich doch nur aus. Man begreift schnell: Diesen Vorwurf macht Mir Ghanbar den Filmemachern, die hier sogleich mit im Bild sind. Es gibt ein Hin und Her, vielleicht ist die Szene gestellt, vielleicht nicht. Dann steigt Mir Ghanbar auf den Wagen, man kooperiert, er fährt mit den Filmemachern mit. Frontal also stellt sich der Film die entscheidende Frage, wie er seine beiden Helden präsentiert. Oder auch: Er stellt sich und seinem Film diese Frage als Aufgabe. Er löst sie, kurz gesagt: bravourös. In seinen großartig kadrierten Bildern gibt er der Seltsamkeit dieser beiden erstaunlichen Halt. Er geleitet sie, als Macher des Films immer wieder - wie der Tonmann - auch selbst im Bild, an ein Ende, das eine Würde, die die beiden anfangs nicht zu haben scheinen, nach und nach zielsicher herstellt.

Das Schöne ist: Dieser hoch interessante, wirklich ausgesprochen sehenswerte Film ist völlig legal online zu sehen. Bei cultureunplugged.com - man kann ihn sogar anderswo einfach einbetten. Hier etwa:

 

Bei Link.TV, einem US-amerikanischen Kleinstsender, gibt es eine Programmreihe mit dem Titel "Bridge To Iran". Da war - wie der bereits vorgestellte Tehran Has No More Pomegranates - auch President Mir Ghanbar zu sehen. Der Sender produziert für die von ihm ausgestrahlten Filme auch Interviews mit den Regisseuren - das aufschlussreiche Gespräch mit Mohammad Shirvani findet sich hier. Ein weiteres Gespräch gibt es auf der Website Persian Mirror, darin äußert sich der Regisseur zur Frage nach dem Verhältnis von Fiktion und Dokumentation so:

I feel that feature films are too contrived and contain in a way, too many lies. Documentaries on the other hand have very little imagination. Ideally, I would like to see us strike a medium between the two, which I like to call a manipulated reality, what Tarkovsky so aptly coined the “second reality”.

Mohammad Shirvani hat eine Website, darauf findet sich die folgende biografische Information:

Born in 1973 in Tehran, Mohammad Shirvani grew up in a religious family who did not permit their children to enter the world of cinema. His father forced him to join the army. Shirvani had to be there for 10 years, instead of his 2-year military service. In the meantime, he started to study painting at a college but fell in love with cinema there! <br>He longed to make films so he deserted the army after 7 years and made his 1st short film The Circle, which was among the 7 short films selected by International Critics’ Week in Cannes in 1999. <br>He has made 8 short fiction films and 6 documentary and experimental feature films, which have been screened in more than 200 festivals around the world and won prestigious awards. His first long feature film will be released in 2009. At present, he is the president of the independent Iranian Short Film Association (ISFA).

Auch die anderen Filme klingen alle sehr interessant. Nicht zuletzt sein jüngster von 2008, der den Titel 7 Blind Women Filmmakers trägt. Es ist in gewisser Weise gar nicht sein eigener Film, sondern der von Sara Parto, Mahdis Elahi, Shokoofe Davarnejad, Narges Haghighat, Banafshe Ahmadi, Naghmeh Afiat, and Neda Haghighat. Und zwar deshalb:

After a dream in which he lost his vision, Iranian filmmaker Mohammad Shirvani sought to explore the role of sight in cinema and organized filmmaking workshops for blind women. In this episodic compilation, seven Iranian women armed with digital cameras create intensely personal stories about their passions, familial bonds, and daily challenges. Together, they present new ways of observing blindness.

Seven Blind Women

Besonders hübsch finde ich, dass der Film im Walker Arts Center von Minneapolis im März diesen Jahres in der Reihe "Women With Vision" gelaufen ist. Appell an die zuständigen Stellen: Mohammad Shirvani bitte entdecken!


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