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Neue Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 41
vom 22. März 2019

CARGO 41 Cover, CARGO 40 Cover,

Film
Container vom 9. Januar 2009 von Ekkehard Knörer

Holz Schnee Dunkelheit Stifterdinge
Was ist eigentlich mit Philippe Grandrieux' neuem Film "Un Lac"?

philippe grandrieux un lac making of

Seltsam wenig habe ich bisher über Philippe Grandrieux' neuen Film "Un Lac" gehört. Der lief in Venedig in der Nebenreihe "Orizzonti" und wurde immerhin mit einer "besonderen Erwähnung" ausgezeichnet, einem der üblichen Ratlosigkeitspreise, die Filme dann bekommen, wenn sie auf faszinierende, aber irgendwie nicht ganz geheure Weise sui generis sind. Aber Kritiken, ausführlichere Reaktionen: Fehlanzeige, meines Wissens. Dabei gibt es doch viele, die Grandrieux für einen der ganz großen Gegenwartsregisseure halten, die französische Filmwissenschaftlerin Nicole Brenez nur zum Beispiel - ein Interview, das sie mit Grandrieux für das Filmmagazin Rouge geführt hat, 2003, ist hier nachzulesen.

philippe grandrieux un lac

(Eine Anekdote, ohne genaue Gewähr, weil ich mich nicht mehr sehr genau erinnere: Zum 60. Geburtstag Harun Farockis in Berlin vor ein paar Jahren hatte jemand einen Film von Grandrieux - war es "Sombre"? ja, es war "Sombre" - ausgewählt. Viele sind, dem Anlass der Vorführung zum Trotz, geflohen und kamen nicht wieder. Alle, viele jedenfalls waren sauer, Farocki angeblich auch. Bei new filmkritik habe ich mal aufgeschrieben, warum ich bei aller Faszination große Probleme habe mit Grandrieux. Johannes Beringer hat dann weiter gedacht und Kluges aufgeschrieben, auch bei new filmkritik.)

philippe grandrieux un lac

Über den neuen Film "Un lac" hatte ich nur irgendwann noch gehört, er habe etwas mit Stifter zu tun oder jedenfalls sei Philippe Grandrieux ein großer Stifter-Fan und wenn man auf seiner Website die Synopsis zum Film nachliest, dann stimmen die Rahmenbedingungen jedenfalls, wenngleich es keinen direkten Stifterbezug gibt. Aber die Familie, der Schnee, das Haus, die Isolation. Das sind Stifters Dinge.

SYNOPSIS

The story takes place in a country about which we know nothing: a country of snow and dense forests, somewhere in the North.

A family lives in an isolated house near a lake.
Alexi, the brother, is a young man with a pure heart. A woodcutter.
An ecstatic, prey to epileptic fits, he is entirely opened to the nature that surrounds him.

Alexi is terribly close to his younger sister, Hege. Their blind mother, their father, and their
little brother are the silent witnesses to their overwhelming love.

A stranger arrives, a young man barely older than Alexi…

philippe grandrieux

Ein paar Kurzkritiken gibt es übrigens doch. In der von David Cox beim Film Comment heißt es: "This fable-like tale of a woodchopper, his beautiful sister, their blind mother, and a young interloper takes place largely in either swirling snow or complete blackout, with only Grandrieux’s painstakingly constructed soundscape—creaking trees, chopping wood, cracking ice—to guide us." Und Jonathan Romney schreibt im Programmheft fürs Londoner Filmfest: "Grandrieux doesn't make events easy for us to follow, often shooting in near-darkness, with sparse dialogue sometimes pitched barely above a whisper. But narrative apart, the film is distinctive for the unique, self-enclosed world that Grandrieux creates with a palette reduced almost to monochrome: a world of stillness and near-silence, of forbidding yet alluring landscapes whose affinities are as much with the Romantic paintings of Caspar David Friedrich, as with the cinematic ilk of Alexandr Sokurov, Bela Tarr and Fred Kelemen." Vielleicht war was in den Cahiers, das weiß ich nicht. 

philippe grandrieux un lac

Auf der verdammt unhandlich navigierbaren Homepage von Grandrieux gibt es auch einen kurzen Auszug aus dem Drehbuch, aus dem ich hier wiederum einen Auszug zitiere:

SCREENPLAY (extract)

The next day.
Alexis is alone with the horse in the forest.
He chops away with his axe, attacking the base of a tree.
He knows his job.
His face is without shadows. Of pure heart.
The camera is near him.

Heute habe ich, was eigentlich nichts zur Sache tut, auch einen gesehen, der immer mit seiner Axt hieb, aber nicht auf den Stamm eines Baums, sondern auf schon gefälltes Holz. Das war in Götz Spielmanns sehr schönem Film "Revanche", aber der Unterschied zwischen einem, der den Baum an der Wurzel fällt und einem, der das Holz, das schon nicht mehr lebt, kleinhackt, ist der Unterschied zwischen dem Kino des Spielmann (und auch der Berliner Schule, hier darf man kurz einmal verallgemeinern, und dem Kino, das Philippe Grandrieux will, dem Kino, das Nicole Brenez dann auch bei Abel Ferrara erkennt. Das war eine Abschweifung.)

Ebenfalls auf der Homepage ein Auszug aus dem Film selbst, sehr kurz nur, und den hat jemand auch bei Dailymotion reingestellt, auf Wunsch von Grandrieux oder auch nicht, mit seinem Wissen oder auch nicht. In Frankreich startet "Un Lac" am 18. März in den Kinos. Was immer "den Kinos" in diesem Fall heißt. 

 

Was es auch noch gibt, auf der Website, aber auch bei Youtube ist ein Video, das Philippe Grandrieux gedreht hat, 2007, für Marilyn Manson:

Update: Und hier noch, mit Dank an Volker Pantenburg für den Hinweis, englisch untertitelte Gespräche mit Philippe Grandrieux und der oben erwähnten Nicole Brenez:


2 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • FB, 10.01.2009 14:27

    Als ich vor eingen Jahren Grandrieux' Sombre von einem Freund auf DVD bekam, ohne etwas über den Filmemacher zu wissen, da hatte ich irgendwie das Vorurteil im Kopf, der schwimme so im Fahrwasser einer damals modischen Provo-Attitüde im Sinne Gaspar Noés et al. Und auf den Trichter konnte man m.E. auch bei bloß kursorischer Lektüre kommen. Das macht aber jetzt doch alles sehr viel Lust, sich auf den Film einzulassen. Danke für die vielen schönen Hinweise!

  • Antje Ehmann, 17.01.2009 18:23

    Damit das hier nicht zum Gerüchte-Blog wird: Christian Petzold hatte den Film damals als Überraschung ausgewählt. Harun hatte ihn das erste Mal in Locarno gesehen, und war von dessen Ästhetik so angetan und verstört, dass er sich den Film am nächsten Tag gleich nochmals ansah.
    Er war keineswegs sauer über die Auswahl.
    Es waren etwa 80 Leute im Kino und -
    bis auf Christa Blümlinger, Bettina Böhler, Marion und Olga Lange - ist das gesamte weibliche Publikum aus dem Film geflohen; und es gab heftigste Diskussionen im Vorraum des Kinos, sogar Tränen.
    Solche Effekte sind wohl äußerst selten. Ein Kino der Düsternes.
    Beste Grüsse, Antje