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Neue Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 31
vom 23. September 2016

CARGO 31 Cover, CARGO 30 Cover,

Thema/Reihe Filmkritik
Container vom 12. Dezember 2009 von Ekkehard Knörer

Blick in den Abgrund
Verbandstagung.

filmkritikIch hatte versprochen, von der gestrigen Tagung des Verbands der deutschen Filmkritik zum Thema "Flüchten oder Standhalten" zu berichten. Ich war da, viele andere waren es nicht. Die Fox hatte, an der Tagung des Verbands offenkundig komplett desinteressiert, die der Allgemeinheit der Berliner Filmjournalisten zugängliche Avatar-Pressevorführung auf Freitag halbelf gelegt (am Montag war schon eine für die Prominenz bzw. die Interviewjournalisten) und damit das Vormittagsprogramm ganz überschattet. Dass dann, nachmittags, post Avatar, der Andrang spürbar größer gewesen wäre, wird man nicht sagen können.

Es begann mit einem Blick von weit oben und von den konkreten Problemen des Filmjournalismus auch recht weit weg. Von Leif Kramp bekam man eine Tour d'Horizon über die Lage der Dinge zwischen der Malaise von Print und den geringen Anlässen zu ökonomischer Hoffnung, die die Online-Zukunft so bietet. Powerpoint, 15 Thesen, schon okay, aber für niemanden, der sich ein bisschen für die Zusammenhänge interessiert, etwas Neues. Es folgte ein Podiumsgespräch, bei dem sich Freitag-Verleger Jakob Augstein nicht zum ersten Mal durch seinen Chefredakteur-Avatar Philipp Grassmann vertreten ließ, der freilich erzählte, was Augstein bestimmt auch erzählt hätte.

Die für mich interessanteste, weil mir bislang unbekannteste Tatsache im Zusammenhang war: um ein Exemplar einer Zeitung am Kiosk zu verkaufen, druckt man im Schnitt (also für alle Zeitungen!) sechs bis acht. Der erkleckliche Rest endet als ungelesene Makulatur. Weiter teilte Grassmann mit, dass der Freitag trotz vergleichsweise eifriger Community nicht im Traum daran denken kann, sich über die minimalen Werbeeinnahmen im Netz zu finanzieren. Eine realistische Refinanzierungsaussicht sieht er doch: In den nächsten fünf Jahren müsse die Zahl der Abonnements von derzeit 10.000 auf dann rund 30.000 steigen. Ich habe gewisse Zweifel an der Plausibilität dieser Aussicht, aber vielleicht verstehe ich einfach nichts von diesem Geschäft.

Rüdiger Suchsland erklärte, anspruchsvolle Filmkritik sei nun einmal ein Minderheitenprogramm. Mehrfach wurde die Klage laut, es erschiene, weil das Kino so populär sei, den übergeordneten RedakteurInnen wirkliche Expertise auf diesem Gebiet am ehesten noch verzichtbar. Es würde darum nicht etwa bei den, wie jede Leserbeobachtung erweise, von viel engeren Kreisen nur rezipierten Kritiken zu Theater und Oper gespart und gestrichen, sondern beim Film, weil da immer auch fachfremde Redakteure bereit stehen, etwas zu einer Sache zu sagen, die die ihre bei näherem Hinsehen dann eben nicht ist. Gerhard Midding machte die Berliner Zeitung namhaft für diese Tendenz. Beklagt wurde auch der Raubbau am Platz, den die Umstellung der Frankfurter Rundschau aufs Tabloid-Format für die Texte bedeutet.

Am Nachmittag gab es Berichte zum ökonomischen und institutionellen Stand der Dinge für die deutsche Filmkritik. Zusammenfassend lässt sich sagen: Es klang alles schauderhaft deprimierend. Eine Umfrage unter Verbandsmitgliedern brachte zutage, dass die Lage für Freie - nur ein fest angestellter Redakteur schickte den Fragebogen zurück - seit einem Jahrzehnt nicht besser wurde, sondern, und ganz rasant seit dem Herbst 2008, immer schlechter. Wenige leben vom Schreiben über Film. Einer arbeitet bei der Post, der kam mehrmals vor. Viele andere schlagen sich durch, so oder so, und blicken mit gehörigem Pessimismus in die Zukunft. Einzig, wer sich beizeiten ein Haus gebaut hat auf dem Gebiet der Öffentlich-Rechtlichen, hat, so schien es, keinen Grund zu vergleichbarer Klage.

Florian Vollmers, langjähriger Freier für Filmthemen beim Bremer Monopolblatt Weser-Kurier, gab Einblick in die Vorgänge in Regionalzeitungs-Kulturredaktionen. Auf breiter Front werden Stellen gestrichen, Freien die Türen zugeschlagen, redaktionell erstellte Texte durch in den Pauschalen inbegriffenes Agenturmaterial ersetzt. Das sei, meinte in der anschließenden Podiumsdiskussion Andreas Kilb von der FAZ, ja professionell, aber steril. Gerade das Unerwartete in Herangehen, Textform, Ideen mache doch aber Kritiken aus. Da finde man im Netz inzwischen mehr als im Print. Nun da er als Nicht-Mehr-Film-Redakteur seiner Zeitung (Kilb ist inzwischen Kulturkorrespondent aus Berlin) nicht mehr souverän die von ihm zu besprechenden Filme aussuchen könne, denke er ernsthaft daran, dies dann eben in einem Blog zu versuchen. Er sei hiermit ermutigt.

Sascha Westphal, der im Ruhrgebiet arbeitet und lebt, machte auf die schlichte Tatsache aufmerksam, dass nur ein Bruchteil der in den überregionalen Feuilletons besprochenen Filme in Dortmund oder Bochum je anläuft. Die Lage der Programmkinokultur in der Breite sei längst katastrophal. Dietmar Kammerer hatte, was die Freiheit zur Themenwahl und Komplexität seiner Texte betrifft, bei seinen hauptsächlichen Auftraggebern Standard und taz nicht den mindesten Grund zur Klage. Leben freilich könne man von den Honoraren wiederum nicht - darum bewege er sich stets schon zwischen Filmjournalismus und Universität. Die Diskussion führte nirgendwo hin. Zum optimistischen Ausblick reichte die Kraft aller Beteiligten nicht.

filmkritik2


4 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • kai, 12.12.2009 12:52

    Das ironische (oder zynische?) am umgang mancher auftraggeber (seien es redaktionen oder institutionen) mit den "freien" ist, dass sie da eine neoliberale/neokapitalistische "friss-oder-stirb"-haltung an den tag legen, gegen die sie bei anderen unternehmen brandartikel verfassen würden. Das betrifft natürlich nicht alle, aber erschreckend viele. (Ich spiele inzwischen wieder lotto, da sind die chancen größer...)

  • Christoph Hochhäusler, 12.12.2009 13:38

    Schade, dass sich Verbände längst nicht mehr als politische Kampfeinheiten verstehen. Aus der Defensive wird man jedenfalls nichts erreichen können. Ich will nicht behaupten, dass die Verleger zittern würden, wenn die Filmkritiker „auf die Straße” gingen, aber es geht ja längst nicht mehr um die Filmkritik allein. Ein Aufstand des „Qualitätsjournalismus” würde die Republik durchaus erschüttern können. Ein Streik in welcher Form auch immer müsste sich natürlich mit sehr konkreten Zielen verbinden. Zum Beispiel könnte man fordern, was die Zeitungen nur zu gerne machten, aus Angst vor der Konkurrenz aber nicht wagen: alle redaktionellen Inhalte zu Bezahlinhalten zu machen. Ich weiss, ihr werdet sofort die Netzfreiheit bedroht sehen --- aber die Tatsache, dass Zeitungen auf Papier Geld kosten stand der Pressefreiheit nie im Wege, im Gegenteil, dieser Preis hat sie ermöglicht. Ich sehe keine wirkliche Alternative zu dieser Wende, und sie wird nicht von alleine kommen. (Sozialistische Varianten sehe ich mit Sympathie, aber echte Chancen räume ich ihnen nicht ein.) usw. Es ist nicht mein Kampf, aber die Willfährigkeit irritiert mich...

  • Ekkehard Knörer, 12.12.2009 16:46

    @kai: Man müsste da wirklich mal mehr erfahren, aber es ist wie immer in solchen Fällen: aus nur zu verständlichen Gründen will keiner mit der Sprache offen heraus, wie es auf dem Markt so zugeht. Die, die noch in guter Position sind, haben wenig zu klagen; die in schlechter Lage geben die Hoffnung zuallerletzt auf und halten die Klappe. Vielleicht gibt es welche, die es drangegeben haben und berichten mögen. (Offenheit wird einem dann aber auch gleich als Wehklagen ausgelegt, wie man am Beispiel von Gabriele Bärtels, die mehrfach über ihre Lage schrieb, dann sieht. Ich habe aus unterschiedlichen Gründen - auch dem, dass ich vom Filmjournalismus nicht lebe - dergleichen Erfahrungen bisher nicht gemacht.)

    @christoph: Ein paar Sachen habe ich, da sie mir auch nicht weiterzuführen schienen, unterschlagen. Es war ein Mann vom Journalistenverband da, der von ein paar mir eher homöopathisch erscheinenden Verhandlungserfolgen andeutungsweise berichtete. Die Gewerkschaft schläft nicht, aber es fällt ihr aus systematischen Gründen sehr schwer, das Prekariat aus dem toten Winkel ihrer traditionellen Tariforientierheit ins für sie überhaupt sichtbare Feld zu bekommen. Von Strategien zur gewerkschaftlichen Vertretung ganz zu schweigen. Deshalb hat sich auch eine Interessen-Vertretung, Die Freischreiber, gegründet, es bleibt aber das Problem, dass der Hebel, an dem sie sitzt, verdammt kurz ist und bleibt.

    Dietmar hat schon gefragt während der Veranstaltung, warum es eigentlich nicht eine Vereinigung wenigstens der Kulturjournalisten gibt, die gemeinsame Sache machen könnten. Gekontert wurde mit einem Blick Richtung England, wo das auch nicht das mindeste hilft. Die Idee eines Streiks halte ich für völlig utopisch: Wie soll ein freier Film- oder Kulturjournalist, der sich für im Schnitt vielleicht 1500 Euro im Monat brutto ziemlich zu Tode schuftet, das denn durchhalten können? Es wird im Gegenteil sowieso demonstriert, dass es im Prinzip sowieso ohne sie oder ihn geht; ein anderer, der irgendwie was zur Sache schreibt, findet sich zur Not; oder eben ein Agenturtext. Oder dann lässt man die Filmseite halt weg. Von einer Solidarität zwischen RedakteurInnen und ihren Freien kann - siehe kai oben - sowieso abseits der paar Orte, wo es noch wunderbar zugeht (meine Erfahrungen mit der taz sind nur die allerbesten), keine Rede sein.

    Ich persönlich habe mich dann auch noch Mal zu Wort gemeldet und kam dabei auf die von Leif Kramp im Eingangsvortrag (natürlich) erwähnte Kulturflatrate zurück. Ich schwanke da in meiner Position stark, neige der Idee derzeit aber wieder einmal eher zu. Jedenfalls, wenn man sie im Rahmen einer grundsätzlichen Reform auch des öffentlich-rechtlichen Sektors sähe und dabei all das, was der Markt leisten kann, von dem trennt, was es ohne Kulturförderung einfach nicht gäbe. Der Qualitätsjournalismus rutscht ja, nicht nur im Bereich der Kultur, gerade doch eindeutig in die Richtung des letzteren.

    Das ist freilich alles so kompliziert in seinen Fürs und Widers, dass man immer gar nicht weiß, wo anzufangen und wo aufzuhören mit der Diskussion. Den aktuellen Paid-Content-Versuchen bin ich im Moment weniger abgeneigt als früher. Kann man alles probieren, ich bleibe nur überaus skeptisch, dass das funktionieren wird.

    FAZ und SZ, also die wichtigsten deutschen Qualitätszeitungen, übrigens haben im Prinzip schon lange im wesentlichen Freemium- bzw. Paid-Content-Systeme und stellen nur noch sehr wenig originären Zeitungscontent frei ins Netz - würde mich schon interessieren, wie viele Leute die längst real existierenden epaper-Versionen da so kaufen. Aber natürlich sind da im Moment schon raffiniertere Modelle im Gespräch. Ich warte aber, spiele jedoch auch lieber Lotto, als auf einen Erfolg dieser Strategien zu wetten.

  • Muensteraner, 16.12.2009 09:55

    Miese Stimmung? Trübe Aussichten? Besorgte Kollegen? Dieses Bild ist eine Blaupause für viele Verbandstreffen dieser Tage, nicht zuletzt auch für das des DJV-NRW Journalisten-Tages in Recklinghausen vor etwas mehr als zwei Wochen. Die Kollegen klagen über zu viele Presseagentur-Texte, selbst vor der Kulturkritik schreckt diese Heuschrecke nicht zurück. Verzogene Verleger-Söhne streichen, wo sie streichen können, immer das schwarz eingefärbte Euro-Zeichen vor Augen. Hier werden Ressourcen-fressende Online-Portale oder alberne Stadtmagazine mit abenteuerlichen Summen subventioniert. Teure Konzepte, die nicht aufgehen und mit vielen Jobs freier oder fester Kollegen bezahlt werden.

    Ich hoffe, dass die wenigen LeserInnen einer Tageszeitung nicht so blauäugig (bzw blaupausig) sind, dies nicht zu merken. Am Beispiel Münster (70.000 Studierende, Tageszeitung MZ verliert 5000 Abo-Kunden in den letzten 2 Jahren) zeigt sich, das Alternativ-Konzepte durchaus Chancen auf Erfolg haben. Ja, mit Online-Modellen kann man schon Geld verdienen (rentable Beispiele: Spiegel.de, Filmstarts.de, Sport1.de etc)

    Ich glaube auch, dass sich bezahlter Content durchsetzen wird. Nur wird dieser Content in Zukunft nicht auf Papier, sondern auf dem Tablet-Pc (siehe Apple), Smartphone oder sonstigen Entwicklungen zu finden sein. Kultur-Journalisten sollten schnellstmöglich Modelle für diese neue Umgebung entwickeln. Qualifizierten Content. Die Zahlen zeigen es doch deutlich (keine Tageszeitung in D kann steigende oder nahezu konstante Abo-Zahlen aufweisen). Die Entwicklung eines IPhone-Apps kostet heute übrigens ab 15.000 Euro, Tendenz stark fallend. Nicht nur eine Chance, sondern eine Lösung.