Container vom 25. August 2009 von
Rachefantasien
Die Basterds nochmal.
In der englischsprachigen Blogosphäre werden weiterhin kluge Text zur Verteidigung von Quentin Tarantinos Rachefantasie Inglourious Basterds verfasst. Es gibt keinen Grund, darauf nicht hinzuweisen. Da ist zum einen Geoff Klock, Autor eines akademischen Buches mit dem schönen Titel "How to Read Superhero Comics and Why", der sich in offenen Briefen an einzelne Kritiker wendet, unter anderem an David Denby vom New Yorker und Dana Stevens von Slate. Dank für den Hinweis an Franz Fuchs. Kurzer Auszug:
"Is the best way to work through the atrocities of the 20th century really to dream up ironically apt punishments for the long-dead torturers?"
Yes.
Jim Emerson von Scanners stellt seine Überlegungen zum Film in den Rahmen einer umfassenderen Untersuchung des Tarantinoverse und seines Verhältnisses zum Rest des Universums. Neben interessanten Erwägungen gibt es da auch einen sehr schönen Bugs-Bunny-Cartoon zu sehen. Kurzer Textauszug auch hier:
Tarantino's is the cinema of wish-fulfillment. That is their only reason for being. He makes movies about what he would like to see -- in movies, or if he were in a movie, or what he imagines he might do in "real life," which can only be properly defined in terms of other movies. François Truffaut famously asked if movies were more important than life. Tarantino's movies reject the distinction. When movies are the blood of life, the question makes no sense.



6 Kommentare. Kommentar hinzufügen
simon rothöhler, 25.08.2009 09:43
das problem des films ist doch genau, dass er natürlich gerade nicht darin aufgeht, eine referenzlose bzw. historisch bezugslose wirklichkeit aufzustellen. wer den film klug verteidigen möchte, sollte etwas kluges zu diesem punkt sagen und sich nicht mit diesen pomo-floskeln von wegen "tarantinoverse" begnügen. außerdem hat girke, wenn ich ihn recht verstehe, natürlich recht, dass jede filmkritik, die in diesem zusammenhang den begriff "befreiung" verwendet, ziemlich fragwürdig ist (man sollte martin walser mal fragen, wie er den film findet).
Ekkehard Knörer, 25.08.2009 11:29
Ich habe, glaube ich, von befreiender Wirkung gesprochen - und stehe, falls doch nicht, dazu. Es geht dabei ganz sicher nicht um die Befreiung von der Erinnerung an Auschwitz (na, hör mal), sondern um die Befreiung vom Umgang mit den Nazis à la Sophie Scholl oder Der Untergang. Also erstens um die Konfrontation von Tarantinoverse und Eichingerverse als Bezugsweisen auf die Nazis. (Ich stimme Emerson übrigens auch ausdrücklich nicht zu in seiner Pomo-Lesart.)
Noch wichtiger aber scheint mir die implizierte Befreiung zu - nämlich zur Rachefantasie, die auch inkludiert, dass man die Protagonisten des Dritten Reichs (in nicht-exklusiver Deutung) als Witzfiguren betrachtet und niedermäht und zermanscht. Dass das funktioniert, hat viel damit zu tun, aus welchen Quellen das Tarantinoverse gespeist ist, nichts aber damit, dass es sich gegen eine historische Wirklichkeit abdichten ließe.
Kai, 25.08.2009 13:07
Das geht zwar ein bisschen vom konkreten Thema ab und ich will die interessante Diskussion nicht stören, aber ich wusste nicht, wo ichs sonst anbringen sollte: Wäre es nicht mal spannend, einen Artikel darüber zu machen, wie unterschiedlich, gegensätzlich gar, Filme in verschiedenen Ländern rezipiert werden, speziell auch mit Blick auf kulturelle Hintergründe. Seien es die zum Teil sehr positiven US-Kritiken zu hierzulande verrissenen Filmen wie "Baader-Meinhof-Komplex" oder "Untergang", oder vice versa die europäische Hymnen auf US-Filme, die in ihrem Ursprungsland auf wenig Kritiker-Gegenliebe stießen.
Das Faszinierende daran ist, finde ich, wie sehr einem solche Diskrepanzen zwischen absolut ebenbürtigen Denkern/Cinephilen klar machen, dass es bei Kunstbetrachtung (oder meinetwegen auch "Unterhaltungs-Bewertung") kein "richtig" und kein "falsch" gibt. Beide Seiten können valide Argumente haben - die man eben teilt, oder auch nicht. Womit wir wieder bei den "Basterds" wären.
Grüße, kai
PS: Mindestens genauso spannend wäre übrigens eine Geschichte der kritischen Revisionen: in der Frankfurter Giger-Ausstellung z.B. gab es deutsche Kritiken zu den ersten 2 Alien-Filmen zu lesen - praktisch nur heftigste Verrisse...
Sam Oath, 25.08.2009 13:32
>sondern um die Befreiung vom Umgang mit den Nazis à la Sophie Scholl oder Der Untergang
>als Witzfiguren betrachtet und niedermäht und zermanscht
zwar habe ich den film noch nicht gesehen, aber alles, was ich bislang darüber gelesen habe, lässt mich, direkt oder abgeleitet, genau dies erwarten. eine semiotische befreiung, nach all den zumutungen, die man bislang beim thema "nazi im film" so erleiden musste. ein exorzismus der ewigen litanei vom guten nazi, vom verständniswürdigen nazi, vom edlen nazi, vom nazi als dämon, als fetischobjekt, der nazi als guido-knopp-arschgesicht-mit-menschlichem-antlitz, der nazi als stichwortgeber für vertränte betroffenheit, die aber spätestens beim werthers-echte-opa ein großes stopp-schild aufstellt.
dabei bringt es ein (mittlerweile verschwundenes?) graffiti in kreuzberg eigentlich noch immer am besten zum ausdruck: "nazis sind zum scheißen blöd". ich halte es für potenziell befreiend, wenn ein film sich /das/ zur maxime macht und in seinem (mutmaßlichem) irrsinn erst einmal kontrastiv den irrsinn des qua vordergründiger geschmackswahrung gerne so apostrophierten vernunftkinos (legasthenie-kz-wächterinnen per schuhverlust-analogie in eine reiher mit shoah-opfern, zB) sichtbar macht.
dass es in der domäne von essay- und kunstfilm weißgott geeignetere filmkonzeptionen gibt, sich mit 3.reich, nazis und all dem rest zu befassen, klar. insoweit würde ich dann aber eben doch vom "tarantinoverse" sprechen, das großartige möglichkeiten genauso aufweist wie, gottlob, begrenzungen.
[und was den walsers matze betrifft: man darf sich in den kommentarspalten so ziemlich jeder zeitungswebsite ein wenig umschauen, was den grundsätzlichen standpunkt dieses und vergleichbarer milieus betrifft: da herrscht eine entsetzte aversion für die alleine schon man tarantino dankbar sein muss, zumindest, wenn man gerade mal wieder seine hämisch-bösartigen reflexmomente hat. ich hab' die gerne mal]
Michael Girke, 25.08.2009 22:04
Nazis für dumm zu erklären, das ist, wie soll man sagen, so verdammt wenig, macht so wenig greifbar. Liest man den als Vertreter eines tradierten und kultivierten deutschen Bürgertums sich empfindenden Autor Joachim Fest, so ist der Eindruck: was diesen an Hitlers Bewegung am meisten, fast als einziges stört, ist deren Dummheit oder Primitivität. Ein Reden und Schreiben, so will mir scheinen, dass einer Verdrängung gleichkommt. Denn so muss man nicht darüber reden, dass viele Horte der Intelligenz – nicht allein - in Deutschland sich vom NS infizieren ließen. Beispielsweise die deutsche Universität, die, als man sie nach 1933 gleichschaltete und die Juden aus dem Lehrkörper entfernte, dem keinerlei Widerstand entgegensetzte. Mehr noch, gerade an den Universitäten identifizierten sich viele mit Hitlers Bewegung und beteiligten sich eifrig an den oben beschriebenen Akten; auch die Forschung, Lehre, Wissenschaft passte man der NS-Ideologie bereitwillig an. Was besagt, dass Intelligenz offenbar nicht gegen Angst, Antisemitismus, Anpassungs- und Karrieredenken, Feigheit, Grausamkeit, Ideologie, Opportunismus, Rassismus oder Verdrängung feit.
Elias Canetti hat mit „Masse und Macht“ ein Buch über Hitler geschrieben, in dem dieser mit keinem Wort erwähnt wird. Es ist ein Buch über die Welt, die Hitler hervorgebracht hat, deren Wünsche, Phantasien er dann gleichsam ausagiert. „Masse und Macht“ macht bis heute hellsichtig und erstarren, nämlich angesichts des Umstandes, wie viel von der damaligen in der heutigen Welt noch steckt – in alltäglichen Verhaltens- und Denkweisen wie in öffentlichen Veranstaltungsformen und Stimmungskulten. Von Realien, ganz alltäglichen Formen des NS, scheinen mir heutige Hitlerfilme und Hitlerfilmdebatten immer mehr zu entrücken. Mit anderen Worten: Sich auf die Person Hitler zu fokussieren – dies ist, was Quentin Tarantino, Guido Knopp und Bernd Eichinger gemeinsam ist -, macht Hitler womöglich unsichtbar. Oder noch anders: Sich 48 mal in der Sekunde an Hitler zu rächen, schadet ihm so, wie es zu seinem Verständnis beiträgt: kein bisschen.
Bert Rebhandl, 25.08.2009 22:22
Was mich eigentlich am meisten stört an Inglorious Basterds, ist die schlichte Tatsache, dass Tarantino alle historischen Opfer (Schwarze, Apachen, Juden) für den großen weißen Affen Brad Pitt reklamiert, der mit dem Schurkenbrandzeichen herumrennt und dieses am Ende sogar noch als "Meisterwerk" ausweist. So tief kann ich mir die Zunge gar nicht in die Wange rammen, dass ich das witzig finden kann, und ernst nehmen geht sowieso nicht.