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CARGO Film/Medien/Kultur 37
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Film
Container vom 21. April 2009 von Ekkehard Knörer

Luftgitarristen des Lebens
Paar Notizen zu Dominik Grafs "Süden und der Luftgitarrist"

Von einer Straße ist die Rede, im Luitpoldpark, die keiner mehr kennt. Dass man von da den Fernsehturm sieht, daran erinnert sich Süden. Und dass der Mann, den sie suchen, von Anfang an suchen, dort stecken könnte, in einem Volvo, in Lebensgefahr, das ahnt er intuitiv auch.

"Süden und der Luftgitarrist" ist ein Film über München und seine Straßen, es ist ein Film über Süden und seine Erinnerungen, es ist ein Film über falsches Timing und übers Unglücklichwerden, das den Umständen, einem Verstocktsein der Dinge, dem eigenen Willen zum Unglück oder, naja, hier oder da einfach auch Friedrich Ani verdankt ist.

Traumatisiert sind sie alle. Vom Tsunami. Von der Kindheit her. Von den Männern. Von den Frauen. Vom Erfolg. "Süden und der Luftgitarrist" zeigt München im Winter, München als Stadt, in der einer erfrieren kann, in der es einem kalt und dann nie wieder warm wird.

Großartig ist, wie der Film von Anfang an einfach nicht zulässt, dass eine der Geschichten, die er erzählt, so ähnlich sie sich auch sind, ins Zentrum rückt. Er bewegt sich durch seine Geschichten, wie sich die Kamera durch seine Räume, durch die Straßen der Stadt bewegt. Mal stößt ein Zoom von oben herab, aber die Bewegung verliert sich danach. Es ist viel Bewegung im Film, aber es ist zerstreuende Bewegung, ein Treiben und ein Zerstreutsein. Ein Gehen durch Räume, in dem das Vergehen der Zeit und das Nicht-Vergangen-Sein des Vergangenen seltsam untrennbar schon steckt.

Was vielleicht auch der Grund ist, dass die Räume des Films, die innen, die außen, die Zimmer, die Wege, die Häuser, die Kneipen anfällig sind für die Zeit. Manchmal ist es, als biege der Film mit seinen Bildern um eine Ecke, oder folge dem Blick durch ein Fenster und dann ist da der Vater, der wahrscheinlich lang tot ist. Oder auch: Vom totalen Stillstand, in dem nichts als Trauer zum Ausdruck kommt, zum raschen Bei-der-Hand-Packen und Ins-Hotel-Rennen und Miteinander-Schlafen: das geht ganz schnell, ganz übergangslos.

Und das Luftgitarrespielen als symbolisches Handeln ist wirklich ganz toll. Es geht um eine Verausgabung um nichts, um ein Handeln, ein Fühlen, ein Sich-Vergessen im Ersatz. Dabei muss man's schon können, muss aber das Können, wenn's Ernst wird (ganz am Ende, haarscharf und famos an der Grenze zum Exzess: Alexander Scheer), auch wieder vergessen können. Wie hier auf diese Subkultur geschaut wird, ist sehr, sehr schön; wie sie Jeepster sagen und Vagabond. Dieses Möchtegernhinausgehen durch die Namen allein in die Welt. Auch das ja sehr Siebzigerjahre. Und dass Süden lachen muss, obwohl er wirklich nicht darf und ja versprochen hat, nicht zu lachen. Und wie sein Kollege es hinnimmt, weil er schon weiß, dass Süden sich nicht lustig macht. Es ist komisch, an sich, aber so, wie es dann ist, ganz konkret, ist es gar nicht so komisch. Sondern eindrucksvoll fast, das Luftgitarrespielen.

Und so erzählt "Süden und der Luftgitarrist" von ganz verschiedenen Dingen: Von einer Wiederbegegnung als Wunder, das sich dann als Alptraum erweist. (Nichts schlimmer als ein tiefer Wunsch, der sich erfüllt.) Davon auch, wie einer aus dem Loch, in das er sich verkrochen hat, nicht mehr rauskommt. Erklärt wird da weiter nichts, das ist sehr schön. Man sieht vielmehr zu, man sieht rückwärts noch zu, wie das kam und da genügt Dominik Graf eine Bewegung der Kamera über die Wand mit all den Fotos des Jungen, der einmal so viel versprach; oder eine Postkarte und eine Hand, die sich krampfhaft darum schließt. Oder die Super-8-Bilder, die Gitarre, eine Assoziation und mit der Vision, die er hat, reiht sich auch Süden ein in den Reigen derer, die mit der Wirklichkeit nur gerade so noch zurande kommen.

Der Trauer, um die sich die Süden-Krimis so sehr, und manchmal auch so ausgestellt drehen, nimmt Dominik Graf alles Erlesene. Indem er sie in Bildern präsentiert, die an Filme und mehr noch deutsche Fernsehkrimis der 70er Jahre erinnern. Leicht körnig sind sie, leicht verwaschen, fast selbst ein bisschen verstockt sind diese Bilder, auch wenn sie, in Zooms und wenn der eine die andere packt, hochschrecken können. Wenn sie dann Sex aber haben, ein bisschen, klar, à la Roeg, im Hotel, in einer Zeit, die sie sich nehmen, wenn nicht gar stehlen (und wieder ausgeschlossen Kollege Jeepster, der das irgendwie weiß und spürt, weswegen er so insistent nachfragt), das ist schon eine Idee vom Glück, die gilt.

Über die Musik, die Dieter Schleip dafür komponiert hat, könnte man sagen, dass sie alles moduliert und pointiert, aber ganz selbständig, im Gespräch mit den Bildern, der Atmosphäre des Films; nichts wird einfach nachgesprochen oder vorbuchstabiert. Es geht in der Musik wie in allen anderen Tönen, die der Film findet, sehr darum, solidarisch zu sein mit den, etwas seltsam-pathetisch gesagt, Luftgitarrespielern des Lebens, auch wenn man schon komisch, oder, sei's drum, sogar peinlich finden kann, was sie da tun.


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