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CARGO Film/Medien/Kultur 41
vom 22. März 2019

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Film
Container vom 6. April 2009 von Simon Rothöhler

Minority Report
«Stellet Licht» (Carlos Reygadas)

Vielleicht bin ich ja was Transzendenzfilme angeht besonders unmusikalisch - aber Stellet Licht als Film des Jahres? Ernsthaft? Allein die scheußlichen Großaufnahmen. Für einen Dokumentarfilm über die mennonitischen Bauern von Raymond Depardon könnte ich mich allerdings jederzeit erwärmen. Die Seitensprung-Story inklusive Motel-Sex (auch fürchterlich, wie er das filmt, das Schweißtuch der Veronika immer griffbereit usf.) zum kaum mehr irdisch prozessierbaren Glaubenskonflikt hochzurechnen, ist schon ein starkes Stück. Immer dieses Gedreyere bei diesem Reygadas! Jedenfalls haben die Einheimischen realiter wohl weniger Probleme mit säkularen Vorstellungen als der scheinheilige Autorenfilmer, wie deren Einsatz moderner Mähdrescher und Melkmaschinen beweist. Im schönsten Entlastungsmoment des Films zwinkert der alte Mann, der Johans Vater spielt, fröhlich in die Kamera, nachdem er zuvor mit bierernster Miene Sätze von alttestamentarischer Schwere aufsagen musste. Er war wohl, wie R und ich gestern, froh, dass der Spuk überstanden ist und alle wieder an die frische Luft können.


24 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Ekkehard Knörer, 06.04.2009 07:39

    Ernsthaft. Für meine Begriffe ist "Stellet Licht" übrigens kein Transzendenz-, sondern ein Immanenzfilm, der allerdings die Immanenz aufs äußerste anspannt. Es gibt irdisch nur schwerlich prozessierbare Konflikte, ohne dass der Glaube da anders denn als set von Überzeugungen im Spiel wäre. Eigentlich wirfst du dem Film immer wieder eines vor: dass er alles darein setzt, andere als die üblichen durchpragmatisierten Einstellungen zu finden und durchzuziehen (ethische, filmische). Ich finde, dass er das ohne Falsch tut. Wo da die Scheinheiligkeit stecken soll, ist mir ganz unklar. Er zeigt doch gerade, wie das total Säkulare mit etwas zusammengeht, das unsereinem unsäkular vorkommt.

  • Denis, 06.04.2009 09:49

    "Das Gedreyere bei Reygadas"! Nun, so lustig wie ich diese Phrase finde, doch leider SCHEINT es meines Erachtens nur so als ob Reygadas "dreyern" würde. Denn gehen wir mal von "Ordet" aus, bei dem sich Reygadas bedient (hommage, postmodernes sample, Schw..-vergleich mit Dreyer?):
    Die Wiederauferstehung der Mutter in "Ordet", die nur durch den Glauben des Mädchens an Johannes (den scheinbar schizoiden Protestantenschüler) steht dem Pseudoglauben der beiden Familien gegenüber, die, anstatt an die Kraft Gottes zu glauben, sich in ihrem irdischen Diskurs verrenen, wer denn nun den wahreren Glauben habe (die beiden Familien sind Anhänger verschiedener protestantischer Richtungen in Dänemark zu jener Zeit, wobei die einen eher modern eingestellt sind und die anderen eher reaktionär, um das mal vereinfacht darzustellen). So steht der Weltlichkeit der Familien die "wahre" Spiritualität des Mädchens gegenüber.

    Bei Reygadas hingegen ist die eher spirituell anstatt weltlich eingestellte Gemeinschaft der Mennoniten sowas wie der Raum, in dem sich die Handlung abspielt anstatt dass die Spiritualität als Fülle innerhalb der Charaktere erscheint: So haben wir einfach ein paar Bauern, die fremdgehen.

    Nur durch den mennonitischen Hintergrund soll also sowas wie eine spirituelle/religiöse "Qual" entstehen und damit das normale schlechte Gewissen des Fremdgehers intensivieren, was, jedenfalls in meinem Fall, einfach nur willkürlich wirkt. Und so steht das Dreyer-Ende auch völlig verbindungslos zum vorherigen Geschehen da und macht ehrlich gesagt, keinen Sinn (und empört mich persönlich natürlich, da ich Dreyer's Film sehr gerne habe).

    Dazu tragen eben auch die langen Landschaftseinstellungen bei, die wohl Zeit zur Kontemplation lassen sollen, aber da die darauffolgenden Einstellungen sich nicht auf die vorherigen beziehen, eben auch nur verloren im Film stehen (im Gegensatz zB bei Herzog, wo das - wenigstens bei mir - auch funktioniert).

    Selbst bei weniger akzeptierten Filmemachern wie zB dem systemtreuen iranischen Majid Majidi steckt mehr spirituelle Tiefe in den Bildern, weil sie wissen, was sie sagen wollen, während die scheinbar eher freien, "frei atmenden" Bilder bei Reygadas wie eine leere Hülle erscheinen. Ich denke genau das kann als "Scheinheiligkeit" empfunden werden.

    Was aber sicherlich auch zum Teil rein subjektive Empfindungen sind und bei jemand anderem die Leere gar nicht so leer erscheint wie bei mir.

  • simon rothöhler, 06.04.2009 09:59

    @ekkehard: naja, transzendenz/immanenz - das ist ja letztlich eine frage des sprachspiels. durchpragmatisiert ist das schon, im sinne eines nervtötenden formalismus, der mich persönlich schon seit einiger zeit im kino einfach nicht mehr interessiert. komisch auch, dass in diesen filmen immer die frauen für die seitensprünge der männer sterben müssen und dass das dann "existentialistisch" genannt wird. come on! falsch finde ich da vieles, zum beispiel, wie die laien instrumentalisiert werden, sagt er ja selbst: "I am not particularly interested in Mennonites. I like that they are so uniform, so monolithic. They are all dressed the same. They are archetypes: the mother, grandmother, children. This way, I could concentrate on the essential: the love story." das ist doch eine unverschämtheit!

  • Ekkehard Knörer, 06.04.2009 10:02

    "Was aber sicherlich auch zum Teil rein subjektive Empfindungen sind und bei jemand anderem die Leere gar nicht so leer erscheint wie bei mir."

    Nun, wahrscheinlich erscheint mir eher die Fülle nicht so voll als die Leere nicht so leer. Fürs Spirituelle interessiere ich mich gar nicht; deswegen finde ich es ja so gut, dass es bei Reygadas so klar als Setzung markierte Setzungen gibt. Das finden Sie dann "willkürlich". Ich wüsste aber nicht recht, wie etwas, das anders als willkürlich wäre, aussähe. Oder heißen sollte: "echt", "authentisch" etwa?

    Zu Dreyer ist damit noch nichts gesagt. Ich müsste "Ordet", ein Film, den ich auch sehr mochte, nochmal sehen.

  • Denis, 06.04.2009 10:37

    "Fürs Spirituelle interessiere ich mich gar nicht; deswegen finde ich es ja so gut, dass es bei Reygadas so klar als Setzung markierte Setzungen gibt. Das finden Sie dann "willkürlich". Ich wüsste aber nicht recht, wie etwas, das anders als willkürlich wäre, aussähe. Oder heißen sollte: "echt", "authentisch" etwa?"

    Ich denke schon das Reygadas einen spirituellen Film machen wollte, was die Rückkehr aus dem Totenreich am Ende meines Erachtens verdeutlicht. Ich verstehe den Film von diesem Ausgangspunkt aus.
    Und genau deswegen erschließt sich der Rest des Filmes für mich nicht, wozu die "willkürlich" zusammengestellten Szenen eben auch beitragen. Und ich verstehe hier "willkürlich" als Gegenteil von "eine Szene auf die vorhergehende beziehend". Dadurch erschließt sich der Film für mich nicht, sondern wirkt eben so als ob Reygadas einfach mal bedeutungsschwer anmutende Einstellungen einwirft "just for the sake of it".

    Denn wenn es im tatsächlich nicht um die Transzendenz sondern um die Immanenz ginge, hätte er den Dreyer-Schluß draußen lassen müssen.

    Vielleicht kann ich das Narrative des Kinos nur schwerlich abstreifen um mich darauf einzulassen, aber die "Schwere" mit der er diese Geschichte auffüllt, verlangt nach eindeutigen,klaren Bildern - denn es sieht ja schon so aus als ob er was wichtiges zu sagen hat.

    Ach, und "Siezen" muss man nicht, ist nicht nötig :)

  • Ekkehard Knörer, 06.04.2009 10:55

    @simon: Ich nenne da gar nichts existentialistisch. Auch die Differenz Immanenz/Transzendenz scheint mir in diesem Fall ein Unterschied ums Ganze, nicht nur ein Sprachspiel. Mich interessiert dieser Formalismus, den ich in diesem Fall grandios finde, durchaus "noch". (Weiß auch nicht, warum man mit irgendeiner Option des Kinos "fertig" sein sollte.)

    "Diese Filme", "immer": weiß ich nicht. Ich finde "Stellet Licht" eigentlich ziemlich einzigartig. Zu den Laien: Er sagt klipp und klar, was er da tut. Das Archetypen-Gerede würde ich nicht unterschreiben, aber ich sehe die Würde der Laien in keiner Weise beeinträchtigt. Bresson war doch unverschämt in genau dem Sinn.

  • Ekkehard Knörer, 06.04.2009 11:05

    @denis: "'Ach, und 'Siezen' muss man nicht, ist nicht nötig :)"

    Alte Antville-Schule...

    "Ich denke schon das Reygadas einen spirituellen Film machen wollte, was die Rückkehr aus dem Totenreich am Ende meines Erachtens verdeutlicht. Ich verstehe den Film von diesem Ausgangspunkt aus."

    Was Reygadas machen wollte, weiß ich gar nicht so genau. Er redet in Interviews viel - für meine Begriffe - dummes Zeug.

    Ich gebe zu, dass ich endlich mal sagen sollte, was ich mit "immanent/transzendent" hier meine. Nichts anderes nämlich, als dass es dem Film gelingt, aus seiner Form heraus - ohne Rückgriff auf religiöse Überzeugungen - plausibel zu machen, was er zeigt. Man muss, kurz gesagt, gar nichts glauben, um ihm zu glauben, was geschieht. "Spirituell" und "immanent" ist in diesem Fall kein Widerspruch, ich würde es dann nur dahingehend klären, dass ich "spirituell" hier in dem Sinne als "immanent" verstehen würde.

    Ich verstehe dann auch nicht so genau, was es heißt, dass die Einstellungen sich hier nicht aufeinander beziehen. Er löst den narrativen Fortgang in formal ausgezirkelte einzelne Akte auf. Warum diese Akte aber beziehungslos zueinander stünden, sehe ich nicht. Von der großen Natureinstellungsklammer von Anfang und Ende noch gar nicht zu reden.

  • simon rothöhler, 06.04.2009 11:09

    @ekkehard: man ist doch immer mit einer option des kinos fertig, sonst kann man das schauen ja gleich bleiben lassen, wenn einem alle optionen gleich sind. mich interessiert das archetypen-gerede sehr, weil es zeigt, wie reygadas tickt, nämlich nicht ganz richtig (dass du dann etwas ganz anderes mit dem film machen kannst, zum beispiel dir eine immanenzthese einreden, obwohl einem da 140 unfassbar lange minuten transzendenzsignale um die ohren gehauen werden - unbenommen). ich sehe das wie denis, das ist ein kino des just for the sake of it. und bresson als verteidigungslinie kommt mir entgegen - der ist ja schuld daran, dass dieser selbstherrliche umgang mit laiendarstellern durch ein dahergemurmeltes "sind halt modelle" als satisfaktionsfähig gilt, jedenfalls in cannes.

  • Ekkehard Knörer, 06.04.2009 12:04

    @simon:

    "man ist doch immer mit einer option des kinos fertig, sonst kann man das schauen ja gleich bleiben lassen, wenn einem alle optionen gleich sind"

    es ist doch etwas ganz anderes, ob einem alle optionen "gleich" sind - oder ob man dafür offen ist, dass alle optionen nach wie vor etwas spannendes hervorbringen können. "gleich" wären sie dann nur in dem sinn, dass keine von vorneherein verworfen ist. ich finde eher, dass, wer eh schon weiß, dass ihn "formalismen" nicht mehr interessieren, das schauen bleiben lassen kann.

    "mich interessiert das archetypen-gerede sehr, weil es zeigt, wie reygadas tickt, nämlich nicht ganz richtig (dass du dann etwas ganz anderes mit dem film machen kannst, zum beispiel dir eine immanenzthese einreden, obwohl einem da 140 unfassbar lange minuten transzendenzsignale um die ohren gehauen werden - unbenommen)"

    ich mache nichts mit dem film, sondern ich nehme ihn als den, der er ist. ich glaube nur, dass reygadas nicht unbedingt weiß, was er tut. der film ist halt sehr viel weniger dumm bzw. weniger einfach als sein macher. ist auch nicht das erste mal, dass das vorkommt. (wie es ja auch das gegenteil dieses sachverhalts gibt.)

    ich habe mich, um das ganz ehrlich zusagen, keine sekunde gelangweilt, sondern war von anfang bis ende in den sessel gebannt. dabei müssen mir dann, anders als dir in deiner erklärtermaßen wenig aufnahmebereiten verfassung, die transzendenzsignale entgangen sein. überhaupt: sind formalismus und transzendenz in ihren von dir hier doch unterstellten reinformen nicht eher eine sache des entweder-oder? (ok: das argument muss dann lauten: an reinem formalismus gescheiterte transzendenz, die allerdings auch als gelungene nichts erfreuliches wäre.)

    "bresson als verteidigungslinie kommt mir entgegen - der ist ja schuld daran, dass dieser selbstherrliche umgang mit laiendarstellern durch ein dahergemurmeltes 'sind halt modelle' als satisfaktionsfähig gilt, jedenfalls in cannes."

    ich murmle nicht daher. ich finde, dass der film nirgends behauptet, sich für das mennonitische als solches zu interessieren. er interessiert sich für körper, gesichter, menschen in landschaft. für gefühle von körpern, gesichtern, menschen in landschaft. für einen moralischen konflikt, den ich diesen körpern, gesichtern und sogar den landschaften abnehme. "sind halt modelle" ist eine böse verdrehung der tatsache, dass da sehr bewusst etwas modelliert wird.

  • Christoph Hochhäusler, 06.04.2009 20:15

    Ich muss Ekkehard recht geben: Filme sind kaum je identisch mit den Interview-Aussagen ihrer Regisseure. Das Reden über die eigene Arbeit ist eine (beinahe) ganz unabhängige Disziplin. Ich habe STELLET LICHT gemocht oder besser: bewundert. Ist es nicht das ultimative Angeber-Projekt, als „Ungläubiger” einen „religiösen” Film zu machen? Als eine solche Übung eines Virtuosen habe ich den Film erlebt. Was mein Vergnügen an dem Film durchaus nicht mindert. Reygardas sucht sich Herausforderungen, die über seine Kraft gehen - das finde ich in jedem Fall spannender, als würde er das Gegenteil versuchen. Ein bisschen erinnert sein Spiel mit den eigenen Grenzen (und dem Spirituellen) an Lars von Trier, aber sinnlich/filmsprachlich finde ich Reygadas interessanter. So oder so, ich bin gespannt, wie er weiter macht.

    C

  • Bert Rebhandl, 06.04.2009 22:09

    Die Frage ist, ob man einen Film zu akzeptieren bereit ist, der sein zentrales Motiv nicht in Mexiko, bei Mennoniten oder anderswo, hat, sondern in der Filmgeschichte. Das Verhältnis zu Dreyers Ordet ist konstitutiv für Stellet Licht, und mich überzeugt gerade die Form der Bearbeitung des Wunders. Wie Reygadas das wendet, hebt die Unterscheidung zwischen Transzendenz oder Immanenz so weit wie möglich auf, weil er meiner Meinung nach den Mann (der zwischen Glauben und Leidenschaft, Frieden und Liebe "entzwei" ist) aus dem Spiel nimmt und die Sache zwischen den zwei Frauen auf hochinteressante Weise ineinander verschränkt - Esther stirbt, weil sie noch nicht weiß, dass Marianne sich durch die Beendigung des Liebesverhältnisses für sie (allerdings zu einem gewissen Grad auch gegen sich) entschieden hat. Das Wunder holt diese Entscheidung nur ein, und setzt sie gewissermaßen gegen die Unumkehrbarkeit der Zeit durch. Das ist doch deutlich moderner gedacht als bei Dreyer, wie der ganze Film für meine Begriffe eigentlich auch der Dokumentarfilm von Depardon über die Mennoniten durchaus ist, den Simon sich ansehen würde. Denn wenn diese Menschen sich nicht vollständig in ihrem Glauben verstecken (was unmöglich ist), dann ist das Drama ihres vielfachen Entzweiseins das eigentlich Dokumentarische.

  • Robin Celikates, 07.04.2009 11:30

    Was ich nicht verstehe: Wo ist denn bitte die Aufhebung der Transzendenz/Immanenz-Unterscheidung, wenn eine Person namens Esther (!) erst unter einem Baum sterben muss (arme Esther), um dann unter dem selbstlosen Patronat einer Person namens Marianne (arme Marianne!) wiederaufzuerstehen? Wunder sind halt auch als bloße Einholung schon im Hier und Jetzt gefällter Entscheidungen eben das: Wunder - und damit unvereinbar mit einer immanenten Perspektive (Bibelkritik, Hallo?). Das schmeckt dann schon auch bissle nach falscher Versöhnung.

  • Ekkehard Knörer, 07.04.2009 11:45

    Dies Wunder ist weniger ein Theologumenon als die Folge filmhistorischer Chuzpe. Ein Gnadenakt des Filmemacher-Souveräns, wenn du so willst. Insofern aber immer noch oder gerade erst recht rein immanent erklärbare Setzung. Die Versöhnung ist gewollt - im doppelten Sinn des Worts -, aber ist sie deshalb schon falsch? Zumal im Lichte von Berts Deutung.

    Vielleicht kann man auch einfach und grundsätzlich sagen: Es braucht doch im Kino keinen Gott für Wunder. Das wäre eine petitio principii.

  • Robin Celikates, 07.04.2009 12:03

    1) Ganz unabhängig von filmhistorischer Chuzpe (die gegeben sein mag oder nicht): Der Souverän als Instanz der Gnade ist halt auch keine Figur der Immanenz, auch wenn er ein Filmemacher ist (denn dieses Bild, nur damit hat Schmitt Recht, ist das Pseudo-Säkularisat einer wesentlich theologischen Vorstellung). 2) Eine gewollte Versöhnung, die nicht das Ergebnis eines ausgetragenen Konflikts ist, sondern von außen und oben umgesetzt werden muss, ist tatsächlich allein schon deshalb falsch - und der Konflikt wird im Film eben nicht ausgetragen, sondern ausgelagert und verschoben. (Davon bleibt unberührt, dass ich durchaus auch Filme interessant finde, in denen es Wunder - mit oder ohne Gott - gibt.)

  • Bert Rebhandl, 07.04.2009 12:08

    Ekkehard sagt es, wie es ist: Das Wunder ist nicht die metaphysische, sondern die filmhistorische Aufgabe, die Reygadas sich stellt. Und da macht er dann gegenüber Dreyer vieles neu: Er verzichtet (übrigens ganz im Einklang mit mennonitischer Theologie) auf eine priesterliche Figur, sondern begründet das Wunder zwischenmenschlich (man könnte auch sagen: im allgemeinen Priestertum von Mann und Frau). Dass es immer noch die Gestalt eines die Natur überwindenden Wunders hat, ist für meine Begriffe eher Zugeständnis an die Tradition, also an Dreyer. Ich jedenfalls habe den spannenden Moment nicht nur deswegen spannend gefunden, weil ich wissen wollte, ob Esther die Augen wieder aufschlägt, sondern auch, ob Reygadas so weit mit seiner Hommage an Dreyer gehen würde. Beides hat mit Transzendenz nichts zu tun, aber viel mit Vorstellungskraft.

  • Ekkehard Knörer, 07.04.2009 12:12

    Jetzt wird es richtig esoterisch. Sehr schön.

    I beg to differ. 1.) glaube ich, mit Blumenberg gegen Schmitt, nicht an die Säkularisatsthese. Es gibt genuin säkulare "souveräne" (und eben deshalb: nicht souveräne, sondern bedingte) Setzungsakte. Bzw. ist es halt wirklich aus und vorbei mit der Theologie. Falsch wäre ein Transzendenzfilm gerade darin, dass er so tut, als wäre das nicht so. "Stellet Licht" ist für mich ein Immanenzfilm, weil er nicht so tut. 2) Auch "Gnade" ist dann kein Säkularisat, sondern ein als solcher ausgestellter Willkürakt, der zeigt, dass die narrativ bereits erfolgte Versöhnung in der filmischen Darstellung auch in Szene zu setzen ist. (Die Rebhandl-These.)

  • Ekkehard Knörer, 07.04.2009 12:14

    Das war jetzt an Robin gerichtet. Und das tiefer gelegte, aber zugleich viel unspezifischere Argument. Ich finde das, was Bert schreibt, als spezifisches Argument völlig überzeugend.

  • thomas, 07.04.2009 12:22

    schnell dazwischen geschoben: bei wayward cloud wird die diskussion aufgegriffen:

    http://wayward-cloud.blogspot.com/2009/04/den...

  • Robin Celikates, 07.04.2009 13:15

    Ok, mehr Esoterik: ad 1) Ich bin ja mit Dir, Ekkehard, auf der Seite Blumenbergs, glaube aber, dass damit eben die Position des Souveräns wegfällt (deswegen hatte ich gesagt, dass Schmitt nur damit Recht hat). Hier müsste man nun genauer schauen, was die Implikationen der Blumenberg'schen These für das politische Denken sind (und hier würde ich sagen: Lefort hat das ausbuchstabiert - wenn jemand glaubt, sich an die Stelle des Souveräns setzen zu können, verlässt er den Plan der Immanenz und damit das moderne Koordinatensystem des Politischen; er macht nicht nur einen politischen, sondern gewissermaßen einen "ontologischen" Fehler - der Move mit der bedingten Souveränität funktioniert m.E. nicht). ad 2) Die Diskussion um Gnade ist kompliziert - es ist aber ein Unterschied, ob sie deus ex machina-mäßig oder von einer Institution wie dem Bundespräsidenten verliehen wird (und auch letztes ist natürlich überhaupt nicht so trivial, wie das wohl allgemein angenommen wird). Schließlich ist die Frage nach der Vereinbarkeit des Immanenzanspruchs mit dem Wunder (genauer: mit diesem Wunder) m.E. noch nicht beantwortet; Ihr wollt das jetzt gewissermaßen filmhistorisch lösen...das kann ich natürlich zugestehen, es wird aber m.E. weder dem Film noch Euren ursprünglichen Kommentaren gerecht.

  • Bert Rebhandl, 07.04.2009 15:13

    Vom Esoterischen zurück zum Trivialen, aber nur so lässt sich die zunehmende Sprachverwirrung hier auflösen: Das Wunder ist eine Fiktion, der Erzähler ist souverän (das Wort hätte ich vermieden) nur dieser Fiktion gegenüber, und selbst der nicht in jeder Hinsicht, weil er sich Dreyer als Vorlage zur Bearbeitung aufgegeben hat. In der Welt des Films: Das Wunder ist gerade eine Kritik der Gnadentheologie, es ist anstößig, weil nicht göttlich vermittelt, sondern inter pares, unter Sterblichen, erwirkt. Das ist eine Fiktion, die auch mich interessieren kann, denn sie schreibt in das scheinbar stabile mennonitische Weltbild eine Bewegung nicht der Säkularisierung, sondern der Umbesetzung der Heilsfunktion ein, die tendenziell demokratisch ist. Eigentlich ein progressiver Film, oder?

  • Karatekueken, 07.04.2009 15:43

    Transzendenz, Immanenz - hin oder her. Ich will jetzt doch diesen Film sehen, obwohl der halbe (oder ganze?) plot hier schon verraten wurde.

    Immerhin läßt STELLET LICHT die Emotionen und Meinungen so richtig hoch kochen. Wie erfrischend mal wieder etwas im Kino zu haben, dass affiziert und nicht in Ruhe läßt.

  • simon rothöhler, 07.04.2009 16:57

    Bert, Gnadentheologie ist dein Spezialgebiet, aber wenn es in dem Film eine wie auch immer vermittelte Kritik daran gibt, bleibt doch die Frage: wozu? Ich würde sagen: Motelsex. Denn dass die beiden Frauen sich über zeitversetzte Jenseitskommunikation und mit Dreyer an der Strippe einigen, um Johans Schuld (am temporären Herztod seiner Ehefrau) zu tilgen, ist doch die Ideallösung für den polygamen Wiederholungstäter. Erst mal zurück zur Ehefrau (hat sie auch ihr Gedächtnis im Himmel gelassen?) und dann mal weiter sehen. Was soll daran demokratisch sein? Wie progressiv kann ein Wunder sein, das "im allgemeinen Priestertum von Mann und Frau" begründet ist, dafür aber vorsorglich zwei Frauen veranschlagt? Ist das die aktuelle Drei(y)erkette des fortschrittlichen Kinos: Reygadas, Trier, Dumont? Dann Gnade uns Gott.

  • Bert Rebhandl, 07.04.2009 18:05

    Simon, du bist polemisch, das ist gute Tradition in der Religionskritik. Aber wir machen hier Filmkritik, und Stellet Licht lässt sich nicht mit Invektiven abtun: In diesem Wunder werden keine Frauen "veranschlagt", sondern es besteht eigentlich darin, dass sich das Liebesverhältnis neu ordnet, und es ist der Mann, der dabei übrigbleibt (ich habe mir nämlich auch die Frage gestellt, wie das Ehepaar danach weiterleben kann, nachdem die Frau von einer Frau wachgeküsst wurde). Zweitens: Johans "Schuld" führst du moralistisch enger als der Film. Sie muss nicht getilgt werden, er muss nur dem Wunder standhalten, das zeigt Reygadas mit gutem Grund nicht mehr. Das ist nämlich das Problem mit seiner souveränen Fiktionalität: er führt sie an einen Punkt, an dem sich nicht mehr weitererzählen lässt. Der Moment der Gnade ist auch der Moment der (narrariven) Aporie. Stellet Licht ist die Leiter zu Dreyer, die Reygadas sich aufgestellt hat und wegwerfen muss, jetzt, da er oben (unten? drinnen?) ist. Wir sehen den Fall der Leiter, nicht den Aufstieg von Reygadas.

  • Robin Celikates, 07.04.2009 19:26

    @Bert: Ich bin etwas unsicher, wo genau hier die "Sprachverwirrung" liegt; insofern ich selbst verwirrt bin, hängt das wohl vor allem damit zusammen, dass der Immanenzbegriff hier an einigen Stellen überdehnt zu werden droht. Du sagst: "Das Wunder ist eine Fiktion" - Wie kann das sein? Die gute Frau ist doch wieder an Bord - inwiefern also ist es eine Fiktion (außer dass es im Film gezeigt wird)? Und: "Er führt sie (sc die Fiktionalität) an einen Punkt, an dem sich nicht mehr weitererzählen lässt. Der Moment der Gnade ist auch der Moment der (narrativen) Aporie." Das glaube ich nicht, sondern: Im Film kommt statt dem Aushalten oder praktischen Umgang mit der Aporie (die einzigen immanenten Optionen) - das Wunder. Deshalb passt hier auch der Begriff der Versöhnung - nur dass diese eben, zumindest meines Erachtens, falsch, weil nicht immanent erarbeitet, ist. (Im Übrigen ist es kein Moralismus wenn man glaubt, dass der gute Johan eigentlich noch ein paar andere Probleme hat bzw. haben sollte, als dem "Wunder standzuhalten".) Weiteres dann vielleicht - wie passend - an Ostern!