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CARGO Film/Medien/Kultur 39
vom 21. September 2018
CARGO 40 erscheint am 14. Dezember 2018

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Anderes Kino
Container vom 22. November 2008 von Ekkehard Knörer

Ist Kosinki Chris Marker?
Eine kleine Spurensuche mit Bewegtbild.

Interviewed on television shortly after the fall of the Berlin Wall, Claude Lelouch, who is not a Marxist dog, made a comment full of good sense: “Communism had at least this much going for it, it scared the money-men – and left to their own devices, the money-men are capable of anything, believe me, I know what they’re like…” I find it fitting to give a filmmaker the last word on the twentieth century, which despite all its shams had so little real existence – which may after all have been nothing but an immense, interminable fade-over

Chris Marker, Coréenes
Port-Kosinki, May 1997

 

Ist Kosinki Chris Marker?

Kurze Antwort: Ich weiß es nicht. Längere Antwort: Ich würde sagen, dass vieles dafür spricht.

Und wer ist überhaupt Kosinki? Kosinki ist ein YouTube-Nutzer, über den auf der Seite des Videoportals zu erfahren ist, sein Name sei Guillaume und er sei vierzig Jahre alt. Guillaume-en-Egypte ist der Name von Chris Markers kätzischem Alter Ego. Guillaume-en-Egypte war eine real existierende Katze Markers und es ließe sich bestimmt recherchieren, ob sie vielleicht 1968 geboren wurde. Einen Film, der "Guillaume Movie" heißt, gibt es in jedem Fall auf der Kosinki-Seite, eingestellt am 26. August diesen Jahres. Es ist ein Film, der mit der neuen Software "Animoto" erstellt ist, einer Art aufgebohrter Dia-Show im Digitalformat. Hier ist das "Guillaume Movie", unterlegt mit Musik von Erik Satie:

Das ist nicht Kosinkis einziger "Animoto"-Film. Seit ein paar Tagen ist ein ziemlich rasanter Film eingestellt, der Zeitungsschlagzeilen und -Titelbilder montiert, die weltweit nach dem Sieg von Barack Obama veröffentlicht wurden. Dass Marker ein Obama-Fan ist, haben wir im ersten Cargo-Blog-Eintrag bereits dokumentiert. Hier der Obama-"Animoto"-Film, dazu läuft "We Shall Overcome":

Der in jeder Hinsicht interessanteste und schönste der Kosinki-Filme ist "Pictures of an Exhibition", ein virtueller Rundgang durch ein Museum der Collagen, der verunstalteten Gemäldeklassiker, auch der Marker-Obsessionen (Guillaume hängt an der Wand, Simone Signoret auch; aus Manet hat er ein "Déjeuner sur le Web" gemacht; auch mit Marats Tod im Bade treibt er seine Scherze). Eine Parodie, womöglich, auf André Malraux' "Museée Imaginaire". Da verzeiht man sogar, dass die Instant-Sakral-Musik von Arvo Pärt dazu zu hören ist:

Das erste von Kosinki hochgeladene Video, "Leila Attacks", ist definitiv authentisch, denn ich habe es, Marker zugeschrieben, als Vorfilm zu Isild Le Bescos hochinteressantem Spielfilm "Charly" mit eigenen Augen gesehen. Marker ist, auch das ist bekannt, ein großer Verehrer Le Bescos.

Chris Marker, der einst als Giraudoux-Monograf und Romanautor begann und sich in der Folge noch jede neue Technik und jeden Medienwechsel des bewegten Bilds angeeignet hat, ist stets das gewesen, was Manny Farber in seinem berühmten Essay einen Termitenkünstler genannt hat: "Termite-tapeworm-fungus-moss art goes always forward eating its own boundaries, and, like as not, leaves nothing in its path other than the signs of eager, industrious, unkempt activity." Wobei Marker vielleicht weniger etwas Termitisches - erst recht nichts von Farbers Gegenbild des großkünstlerisch prätentiösen "weißen Elefanten" - hat, sondern alles, das Neugierige, das Dissidente, das Herumschleichende, das Präsente und hoffentlich mehr als die sieben Leben der Katze.

via, immer wieder, "Chris Marker. Notes From the Era of Imperfect Memory"


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