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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 39
vom 21. September 2018
CARGO 40 erscheint am 14. Dezember 2018

CARGO 39 Cover, CARGO 38 Cover,

Thema/Reihe Filmkritik
Container vom 22. November 2008 von Ekkehard Knörer

Filmkritik und Unterhalt des Lebens
Zur Tagung "Filmkritik und Internet"

Auf der Tagung zu "Internet und Filmkritik" am Donnerstag blieb eine Wortmeldung, als letzte des Vormittags, unwidersprochen. Holger Twele (ein paar Infos hier), der auf dem Foto auf seiner Homepage so fröhlich guckt, war gar nicht fröhlich. Er sprach ein Zentralthema des Tages an, das während der Veranstaltung selbst nicht einmal so sehr im Fokus stand, in den nun erschienenen Berichten zur Tagung (taz, Berliner Zeitung) aber sehr prominent figuriert. Es ging bei Holger Twele, in den Berichten und allerdings auch in manchem Gespräch am Rande um die so leidige wie existenzielle Frage des Überlebens. Twele hat in seiner Wortmeldung "uns Blogger" aufgefordert, nicht ohne Honorar oder für wenig Geld zu schreiben, weil wir die Preise damit drücken. Weil wir uns, das Wort ist, denke ich, gefallen, damit ausbeuten lassen.

Es wird im selben Zusammenhang gerne auch von Selbstausbeutung gesprochen, Bert Rebhandl nennt das etwas struktureller persönliche "Quersubventionierung" - das ist ein Faktum, das kaum einem freien Journalisten im Kulturbereich fremd ist. Ethisch fatal wird es an dem Punkt übrigens immer dann, wenn die Einkommensquellen sich aus PR, also dem geraden Gegenteil von Journalismus und Kritik speisen.

Mein mich selbst keineswegs immer überzeugendes Gegenargument lautet dabei, dass man sich den Zwängen der Ökonomie erst recht unterwirft, wenn man sie sich so weit zu eigen macht, dass man ihnen aus - völlig legitimem - Eigeninteresse folgt und also den Twele macht. Man muss das gar nicht groß zum heroischen Widerstand gegen Markt und kapitalistische Mechanismen aufbauschen. Kann man aber sehr wohl und Theorien und Manifeste der Verausgabung und Verschwendung, die auf Verweigerungen dieser Art im Hinblick auf den Umsturz gegenwärtiger Verhältnisse zielen, brauchen wir weiterhin auch - ebenso wie Plädoyers dafür, von Bartleby das Schweigen zu lernen.

Nicht zuletzt aber bringt man sich, davon bin ich überzeugt, vor allem und in erster Linie selbst um die Leidenschaft, die man hat, wenn man sie auf diese Weise ausschließlich als Ressource begreift und so als allereigenste Kraft zur Selbstverwertung dem Markt überlässt. Warum und wie der das mit Kusshand nimmt, beschreibt übrigens Diederich Diederichsen in seinem neuesten, absolut brillanten Buch "Eigenblutdoping". Er macht darin ein paar - ästhetische, existenzielle, nur indirekt ökonomische - Gegenvorschläge, die umso mutiger sind, als sie auf den ersten Blick recht altmodisch scheinen.

Unter den Rednern der Tagung war vor allem Thierry Chervel vom Perlentaucher aufgetragen, ganz pragmatisch ermutigende ökonomische Modelle für die Finanzierung von Qualitätsjournalismus im Netz zu skizzieren. Leider war auch er da aus eigener Erfahrung sehr pessimistisch. Stiftungen, Mäzene, Subventionen: alles sehr wünschbar und insgesamt nichts davon in die Breite sonderlich realistisch. Natürlich kann und sollte man gesellschaftliche Verantwortung für - und ein massives gesellschaftliches Eigeninteresse an - Qualität in Unterhaltung und Kunst fordern. Und zwar selbstbewusst. Aber kümmert's, nur zum Beispiel, wen, wenn wir streiken?

Von mangelnder Organisation (und Organisierbarkeit) und Solidarität der frei schwebenden Journalistinnen, Kritiker etc. mal ganz abgesehen. Christoph Hochhäusler hat, auf der Tagung schon, und nun auch in seinem Blog einen anderen Vorschlag gemacht, der in Form von Verwertungsgesellschaften oder ähnlichem die Profiteure der von den Netzstrukturen produzierten Ökonomien in die Pflicht nimmt: "Auf lange Sicht aber lässt sich die Vielfalt, die wir heute erleben, nicht mit Idealismus allein erhalten. Ich denke, es wird Zeit für ein realpolitisches Erwachen, das die Hardware- und Kommunikationsindustrie (die ihre Geräte und Verträge mehr und mehr wegen „unserer" Inhalte verkaufen) zwingt, einen fairen Anteil ihrer Gewinne an die Urheber zu verteilen. "

Sollen wir Manifeste schreiben, Eingaben machen, uns organisieren? Oder sind wir Kulturproduzenten nicht immer auch die Klasse, die weiß, dass sie besseres zu tun hat als das? Ist diese Klugheit unsere größte Dummheit?


6 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Christoph, 22.11.2008 11:06

    Eine Anekdote von John Landis via Christian Petzold (dem sie Landis in Venedig erzählt hat): Landis sass einmal in illustrer Runde in Paris, nach ersten Erfolgen, Salvador Dali gegenüber. Nach dem Essen begann Dali auf eine Serviette zu zeichnen. Nach einer Weile schob er seinem Gegenüber das Bild hin - es war ein Portrait Landis' - und sagte: „800 Dollar”. Landis hielt das für einen Scherz, antwortete, „twenty bucks” sei alles, was er gerade bei sich habe. Da nahm Dali die Serviette wieder an sich, zerriss sie in winzige Stücke und ging...

    So viel zur Sklaverei der Profitlogik. Ich bin unbedingt für Großzügigkeit, und für das „Unbezahlbare” als Ziel aller Bestrebungen, aber widerspricht das wirklich einer politischen Klugheit?

  • Ekkehard, 22.11.2008 11:26

    Ganz vergessen habe ich hinzuweisen auf ein eindeutig positives Zeichen der Organisierbarkeit freier Schreiber. Die gerade eben offiziell gegründete Interessensvertretung Freischreiber (www.freischreiber.de) nämlich.

  • Thomas, 22.11.2008 12:43

    Wichtiger als solches Partikularinteresse - welcher Filmschreiber/kritiker/publizist/journalist/blogger kriegt wo wie welches Honorar -, wichtiger als diese immer so leidige Frage, wie man jetzt endlich auch einmal (ohnehin ja meist nur symbolisches & kaum einmal unterhaltssicherndes) Entgelt für die eigene Tätigkeit bekommt (bekommt man, finde ich und ich sagte das später auf dem Podium ja auch, ohnehin schon durch die reine Menge von /awesomeness/ im Netz, die ja als solche gerade absterben würde, "machte man den Twele"), fände ich eine Einbindung solcher Bedürfnisse in den gesamtgesellschaftlich-politischen Kontext. Oder kurz: Die Debatte um das "bedingungslose Grundeinkommen" wurde, wohl auch aus Zeitgründen (Tweles Kommentar kam ja ganz kurz vor der Pause) an keiner Stelle erwähnt.

    Verwertungsgesellschaften etc mögen gut gemeint sein. Bedeuten aber letzten Endes auch nichts weiter als einen weiteren bürokratischen Überbau, der, um Geld zu verteilen, in erster Linie (verflucht viel) Geld kostet, das dann schon nicht mehr verteilt werden kann. Von den ganzen anderen Problematiken abgesehen: wer kriegt welches Geld auf Grund welcher Grundlage wann & wie zugesprochen? Das funktioniert bei der VG Wort vielleicht so einigermaßen, und da schon nicht so richtig gut, gerät aber bei der GEMA, und mit deren Aufwand wäre das zu vergleichen, zur absoluten Farce. Ich glaube nicht daran.

    Gerade die Forderung nach dem bedingungslosen Grundeinkommen erscheint mir hier drängender. (und ist eben auch nicht so engmaschig begrenzt)

    Grüße
    Thomas

  • Christoph, 22.11.2008 15:26

    Hallo Thomas,

    nehmen wir an, nur zum Beispiel, deine Eltern unterstützen dich während des Studiums - zahlen dir also ein Grundeinkommen - und nebenbei ergeben sich Möglichkeiten, dein frisch akkumuliertes Wissen anzuwenden. Verzichtest du dann auf Bezahlung, weil du ja versorgt bist? VG Bild verwendet glaube ich zwei Prozent der Mittel für Verwaltung. Sicherlich ist der Aufwand beträchtlich, aber nicht größer als bei jeder anderen bezahlten Arbeit. Die Summen, um die es in Sachen Internet geht, sind gigantisch. Es gäbe also durchaus etwas zu verteilen. Ich sage nicht, dass man dann - als Blogger - von Gebühren leben könnte oder können sollte. Und der Verteilungsschlüßel wäre sicherlich eine sehr verwickelte Angelegenheit (Verkehrsrelationell? Oder eine Mischung aus verschiedenen Kriterien? Best rated + most viewed + most commented?). Aber ich finde, man muss AUS PRINZIP auf einer Verteilung bestehen, weil es einen direkten Zusammenhang zwischen den Profiten der Industrie und der Arbeit der Urheber gibt. Das Grundeinkommen, dessen politische Durchsetzbarkeit in den Sternen steht, müssten alle Einzahler tragen - damit also letztlich die Industrie subventionieren. Ich finde das ungerecht.

    Grüße!

  • Akos Gerstner, 22.11.2008 21:16

    Übrigens: Ausgerechnet Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin argumentiert wenig überzeugend gegen das Grundeinkommen. (aber so ticken diese Leute:)
    http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur...
    Wenn selbst so jemandem wie Rümelin das Offensichtliche entgeht, welche Typen sollen dann diese Idee politisch durchsetzen...(was natürlich kein Argument dagegen ist).

    zum realpolitischen Erwachen: Wer wird von wem geweckt? Sind es die anderen, weil sie nicht einsehen, dass ihr Verhalten unfair ist. Oder doch wir, die wir ratlos vor dem Nemesis stehen und ihn freundlich bitten, beiseite zu treten - mangels anderer Handhabe. Bittsteller werden in diesen Sphären ja nicht erhört. Hier führen wahrscheinlich nur harte Bandagen zum Erfolg. does anyone have a strategy?

    Hübscher Blog übrigens, gratuliere.

    Gruss, Akos Gerstner

  • Akos Gerstner, 23.11.2008 03:49

    hallo Christoph, Thomas,
    Nachtrag aus der Nacht: genau im Akkumulationsgedanken steckt doch aber der Teufel. Dies Beispiel mit dem armen Studenten ist schön anschaulich und klingt natürlich plausibel. Aber ein Hauptanliegen des Grundeinkommens ist ja grade die Abkopplung kreativer Schaffensprozesse von finanzkumulativen Bestrebungen, so dass jeder von uns in die traumhafte Lage versetzt werde, die Dinge nur ihrer selbst willen zu tun. Darum: ersetze doch einfach den Satz “deine Eltern unterstützen dich” durch “du erhälst Bafög vom Staat”: Du kommst aufs selbe Ergebnis mit dem Unterschied, dass es sich beim Bafög um eine Solidarleistung der Gesellschaft handelt und der Staat mithin zurecht vorsieht, dass der Studierende keiner zusätzlichen Erwerbstätigkeit nachgehe. Damit erübrigt sich auch der Impetus frisch akkumuliertes Wissen umzuwerten, da die Notwendigkeit zu Kapitalbildung nicht mehr besteht. (In Finnland scheint das z.B, bestens zu funktionieren, u.a. auch weil der Förderbetrag hoch genug ist). Die Binnenstruktur der großen angelsächsischen Unis funktioniert genauso, ja geradezu alle Spitzeneinrichtungen wissenschaftlicher oder künstlerischer Disziplinen befreien den Einzelnen von der Last des zwangsweisen Broterwerbs – nach der Losung: erkenne dich selbst in deiner Arbeit. (im Gegensatz zum altertümlichen: Arbeite im Schweiße deines Angesichts).
    Zumindest in gewissen Bereichen ist ein Grundeinkommen im übertragenen Sinne also umgesetzt.
    Und das Grundeinkommen an sich ist nicht notwendigerweise ungerecht. Ungerecht ist vielmehr das Zustandekommen seiner Finanzierung. Das aber kannst du der Idee des Grundeinkommens nicht vorwerfen.
    Die Tropen von denen du sprichst, best rated most viewed most commented etc., was drücken die denn aus? Das ist doch am Ende genauso aussagekräftig wie Box Office oder youtube most popular. Über Inhalt und Qualität erfahren wir schlussendlich sehr wenig sobald die materielle Gratifikation in direktem Verhältnis zur Quote steht (Und “Verkehrsrelationell” ist für mich nur ein höflicher Ausdruck für Quote)
    Du transponierst den ganzen Mechanismus zwar auf niedrigeres Konfliktniveau (nicht mehr Konzern vs. Konzern, sondern Blogger vs. Blogger), aber die Tonart bleibt nach wie vor schief. Obwohl, es wäre ein großer Spaß zu sehen, welche Blüten der neue Wettkampf um Clicks unter den Bloggern so treibt.

    Natürlich wär ich neugierig wie so etwas zu funktionieren hätte. Denn das Beteiligungsmodell besticht zugegeben durch ein sehr viel höheres Maß an Realisierbarkeit als das Grundeinkommen für alle . Man muß nur die Grenzen seiner Möglichkeiten erkennen. Die kapitalistischen Widersprüche indes löst es nicht auf. Drum sind Grundeinkommen und Verwertungsgesellschaften nicht wirklich austauschbar.

    Danke & Gruß, A.G.