Rumsummende Unsummen
Warum ich nicht begreife, was warum wieviel kostet.
Ich bin ja, zugegeben, einigermaßen ahnungslos, was das Filmgeschäft von der Produktionsseite aus angeht. Warum ein Fernsehfilm wie die "Buddenbrooks" 16 Millionen kosten muss, wenn richtige Kinofilme für Bruchteile dieser Summe gedreht werden, ist mir - Kostümfilm hin oder her (was mag wohl Dominik Grafs unendlich viel gelungeneres "Gelübde" gekostet haben?) - einfach unbegreiflich. Und dann lese ich in der FAZ von heute von einem Streit zwischen Bild-Zeitung und Gesundheitsministerium. Die Bild hatte einen vom Ministerium produzierten Werbespot für gesetzliche Krankenkassen als Geldverschwendung kritisiert, worauf der Sprecher von Ulla Schmidt in einem Telefonanruf und einer E-Mail eine Werbeanzige in der Bild-Zeitung zu stornieren drohte. Das ist alles unappetitlich genug, schon weil ausgerechnet die Bild nun als Wächter der Sitten auftritt.
Was mich aber recht eigentlich schockiert hat - ohne dass ich jetzt den Spot, den ich ganz gelungen finde, grundsätzlich in Frage stellen möchte -, ist die Summe, die der nun offenbar wieder gekostet hat: nämlich 400.000 Euro. Für jede Form von Nachhilfe, die mir erklärt, wie man für einen ein paar Minuten langen Spot einen solch unglaublichen Haufen Geld ausgeben kann, wäre ich nun ausgesprochen dankbar (Lav Diaz, um mal ein Beispiel zu bringen, das natürlich selbstverständlich komplett absurd ist in diesem Zusammenhang, hat seinen letzten Film "Melancholia" für, wenn ich mich recht erinnere, 8.000 Euro gedreht. Nicht dass... Und so weiter... Eh klar... Aber!).
Auf der Website des Gesundheitsministeriums kann man sich den Spot, um den es geht, ansehen.
Update: Nach genauerem Nachdenken glaube ich, dass mich da vielleicht eine Formulierung in Michael Hanfelds Text in die Irre geleitet hat. Vielleicht hat nicht, wie da steht, der Spot als solcher so viel Geld gekostet, sondern seine Platzierung in deutschen Kinos? Oder beides zusammen, also Produktion und Schaltung? Sie sehen aber: Ich halte da alles für möglich.


5 Kommentare. Kommentar hinzufügen
Jan Künemund, 19.12.2008 11:36
den spot hat übrigens jan krüger (FREUNDE, UNTERWEGS) gemacht
Ekkehard Knörer, 19.12.2008 11:53
Interessante Info. Danke. Wie gesagt: Ich finde ihn nicht übel und in jedem Fall ziemlich zielgruppengerecht.
Christoph Hochhäusler, 21.12.2008 01:22
Hallo Ekkehard,
ich weiss nichts über die genannte Reklame, aber 400.000.- Produktionsetat wäre durchaus nicht ungewöhnlich für einen Werbespot. Einfach Zahlen nebeneinander zu stellen ist aber trügerisch. Letztlich geht es um Produktionssysteme --- und die "Systemkosten" in der Werbung sind eben sehr hoch. Ähnliches gilt auch für Breloers BUDDENBROOKS: So wahnsinnig viel mehr finanziellen Bewegungsspielraum als, sagen wir, Petzold in JERICHO, wird er nicht gehabt haben, wenn überhaupt. Das klingt absurd, liegt aber in der Natur des Projektes: sehr teure Rechte, hohe Schauspielgagen, sehr viele grosse Firmen und Sender als Partner (und also sehr hohe Fixkosten) --- all das verschlechtert das "Leistungsgewicht" ganz erheblich. Vielleicht wäre es lohnend, die Frage danach, wie teuer ein (öffentlich geförderter) Film sein darf / kann / soll einmal mit kühlem Kopf näher zu beleuchten.
Grüsse,
C
Ekkehard Knörer, 21.12.2008 07:37
Lieber Christoph, danke für die Erläuterungen. Es sind natürlich erst einmal die Zahlen, die einem klar machen, dass da sehr ungleiche Verhältnisse herrschen müssen. Ich fände es wirklich sehr aufschlussreich, einmal - wir haben darüber ja auch schon gelegentlich gesprochen - genau aufzuschlüsseln, wie sich diese Systemkosten bei den unterschiedlichen Projekten und Produktionszusammenhängen genau verteilen. Zumal mir auch deutlich scheint, dass diese Kosten den Filmen auf ihre Art immer ablesbar sind. Nicht nur der Regionalföderung wegen, sondern zum Beispiel auch als aus Systemgründen getriebener Erstickungsaufwand. Wo so viel Geld da ist wie bei den Buddenbrooks, da muss dann vermutlich auch einfach geschwelgt werden, damit jeder sieht, wo es hinging. (Und der stupid flache Raumton mit nach vorne gemischten Dialogstimmen, über den Simon schreibt, ist vermutlich sogar auch teurer als es jeder Originalton wäre. Oder ist das so ein Punkt, wo man ganz ausdrücklich gedacht hat: Da können wir sparen, ist eh Fernsehen?) Und Breloer hält sich dann schon für einen nonkonformistischen Helden, weil er jemanden wie den vergleichsweise unbekannten Mark Waschke in einer Hauptrolle durchgesetzt hat.
Und umgekehrt sieht man: Wie sehr die typischen Festivalfilme immer notgedrungen die arte povera sind, aus einer finanziellen Not eine ästhetische Tugend zu machen. Wobei ich dann umso besser verstehe, warum Du es für ästhetisch wichtig hältst, daraus mit den Mitteln des Kinos und nicht des Fernsehens ausbrechen zu können, ohne dem System gleich Intelligenz und Genauigkeit und Anspruch opfern zu müssen.
Ekkehard Knörer, 21.12.2008 11:01
Was, nur zur Ergänzung, im wesentlichen wohl auf das hinausläuft, was Dominik Graf in eurem Mailwechsel beklagt:
"Auch natürlich die Tatsache, daß einen gerade das Autorenkino in gewissem Sinn zur Unfreiheit "zwingt".
In den letzten Jahren haben sich doch die voneinander getrennten Marketingkreise im Film extrem verschärfter ausgebildet, also einerseits das Kommerzkino = das Kommerzfernsehen = der Mainstream allgemein (das kann man ja irgendwie nicht mehr im Einzelnen voneinander trennen, finde ich) und davon messerscharf geschieden auf der anderen Seite die Festivalkultur, die ja auch ihre kleinen kommerziellen Chancen für die Filme bietet, also Verleihdeals, Filmpreise usw.
Aber kaum irgendeine interessante Art Film ist noch für beide Marketinggebiete gleichermassen verwertbar (...) Die Verschärfung der Trennung von "Kunst" und "Kommerz" führt zu einer totalen Trennung von "Experiment" und "Erzählfilm" (uaaah! Das war auch immer so ein grausiges Wort "Erzählfilm"...). Und die Entscheidung für eines von beiden ist heute sehr früh für Regisseure wie überlebensnotwendig."
http://www.revolver-film.de/Inhalte/Rev16/htm...