• Cargo  
  • Abonnieren
  • Einzelheft bestellen
  • Back Issues
  • Verkaufsstellen
  • Jahresrating
  • Newsletter
  •   26. April 2017  





Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 33
vom 24. März 2017

CARGO 33 Cover, CARGO 32 Cover,

Container

  • the looks, not the books
    Buchhinhweis: Ein Vortrag mit Zugaben von Sissi Tax

    14. April 2017, Cargo

    lb

    "einiges, was mit den projektionen des geschlechterverhältnisses - dames and guys - in einigen hollywood movies auf sich hat, in verbindung oder in nicht-verbindung mit dem medium buch"

    http://www.institutbuchkunst.hgb-leipzig.de/en/series/10#106

     


    Kommentar hinzufügen


  • Hader, rezensiv

    17. Februar 2017, Ekkehard Knörer in: Berlinale 2017

    Nach rund 600 Texten mal eine neue Erfahrung: Die taz will mein Gespräch mit Josef Hader nicht drucken. Das Argument: Es sei zu rezensiv. Aha. Ich fand es ja super, nicht meinetwegen, sondern weil es ein richtiges Gespräch war, bei dem Josef Hader sich sehr ernsthaft und klug mit meinen Einwänden gegen seinen Film auseinandergesetzt hat. Bewundernswert genug, dass er inmitten des Berlinale-Junket-Zirkus darauf Lust hatte. Für ihn also: höchsten Respekt. Hier geht es zum Gespräch.


    Kommentar hinzufügen


  • Berlinale 2017
    Kurznachrichtendienst

    9. Februar 2017, Cargo in: Berlinale 2017

    Wir wären dann wieder soweit 


    Kommentar hinzufügen


  • Heimholung
    Filmhinweis für Berlin: «A Deusa Negra» (1979) von Ola Balogun

    13. Januar 2017, Bert Rebhandl in: Afrika

    Der "schwarze Atlantik" war eine Weile ein prominenter Topos in den Kulturwissenschaften. Ich erinnere mich an eine Ausstellung im HKW, mit einem ziemlich interessanten Katalog. Dass dazu längst nicht alles gesagt ist, zeigt der lange Zeit weitgehend verschollene Film A Deusa Negra von dem 1945 geborenen nigerianischen Regisseur Ola Balogun.

    Er erzählt von einer Reise aus Nigeria nach Brasilien, die zugleich eine Rekapitulation der Sklavenerfahrung darstellt. Der Protagonist Babatunde erhält von seinem Vater auf dem Totenbett den Auftrag, den Kontakt zu einem Zweig der Familie wiederherzustellen, der im 19. Jahrhundert, nach der Abschaffung der Sklaverei, nicht nach Afrika zurückkehrte, sondern in Brasilien blieb.

    Babatunde, der sich als "Wiedergeburt der Vorväter" begreift, macht sich auf den Weg. In Rio ist er anfangs noch ganz Tourist, der mit dem Fotoapparat durch die Stadt streift, und nach einem Candomblé-Tempel sucht. Dazu muss er aber in die Favelas. Er trägt ein Holzamulett der Göttin Yemoja bei sich, das ihm den Weg zeigen soll.

    AM

     

    Die erste Hälfte von A Deus Negra enthält einige mehr oder weniger dokumentarische Passagen, in denen Babatunde zuerst einen Candomblé-Tempel und dann eine Sambaschule kennenlernt. An beiden Orten bekommt er eine Vorführung. Er lernt zwei Frauen kennen: Wilma und Elisa. Aus Elisa spricht die Göttin Yemoja. Sie weist ihm den Weg nach Bahia, er soll einen Ort namens Esmeraldo aufsuchen. Arnaldo, der Elisa gern heiraten würde, drängt sich als Begleiter auf, die Rivalität zwischen den beiden Männern wird später dramatisch aufgelöst.

    Schließlich erreichen Babatunde und Elisa den von einem "schlechten Zauber" bestimmten Ort Esmeraldo im Busch. Dort kommt dann der Zeitsprung, eher eine Trancerfahrung als eine Zeitreise auf der Linie der Reinkarnationen, im Kino macht das keinen Unterschied: es läuft auf eine Rückblende hinaus. Babatunde ist nun ein Sklave namens Oluyole, und Elisa heißt Amanda, sie muss im Herrenhaus aus dem weißen Patron zu ( auch sexuellen) Diensten sein.

    Indem Babatunde die Erfahrungen der Vorfahren noch einmal durchlebt, und das fehlende Glied der Familie wiedertrifft, schließt sich der Kreis. Mit dem Amulett der Yemoja endet der Film. Die Göttin hat sich als gute Führerin erwiesen.

    Das Arsenal zeigt ab heute die erhaltenen und restaurierten Filme von Ola Balogun. A Deusa Negra läuft am Samstag, 14.1., um 18.00 in einer 35mm-Kopie der Cinémathèque francaise

    Das Filmkollektiv Frankfurt hat sich entscheidend um das Werk von Ola Balogun bemüht und auch eine Publikation dazu vorgelegt

    Der Soundtrack von A Deusa Negra ist digital hier erhältlich

    Im Wikipedia-Eintrag zu Religion der Yoruba findet sich ein Link zu einer Vorlesungsmitschrift meines Freundes Hans Gerald Hödl, in dem mehr über Yemoja zu erfahren ist


    Kommentar hinzufügen


  • Berliner Schule, schnipp-schnapp

    12. Januar 2017, Ekkehard Knörer

    Nein, das geht so nicht. Einen faden, einfallslosen, ungenauen, dahergelaberten, lieblos gemachten Talking-Heads-Film über die "Berliner Schule" (wenn wir so sagen wollen) drehen. Denn das sind die Filme, um die es geht, nicht, was immer man sonst gegen sie haben will oder nicht: fad sind sie nicht, einfallslos nicht, ungenau nicht, dahergelabert nicht und erst recht sind sie nicht lieblos gemacht. Natürlich: Man kann Christian Petzold immer ins Bild setzen, irgendwie so, und er redet intelligente Sachen, kann gar nicht anders. Aber er sagt nur ein paar Sätze, dann ist wieder Schluss. Man kann Angela Schanelec immer ins Bild setzen, irgendwie so, und man sieht, wie sie denkt, und das heißt bei ihr, sich auf ein Problem einzulassen, sich in ein Problem zu verbeißen. Aber sie verbeißt sich nur kurz, denkt nur einen Gedanken, und darf den nicht mal zu Ende denken, dann ist wieder Schluss. Man kann mit Thomas Arslan durch Kreuzberg laufen wie in kreuzdummem Kulturzeit-Bebilderungsquatsch, kann man machen, aber das zeigt, dass man wirklich gar nichts kapiert hat davon, wie die Regisseurinnen und Regisseure, um die es geht, über die Welt nachdenken, die sie in jene Formen bringen, die ihre Filme dann sind. Dazu auf der überflüssigen Erklärspur nichts erklärender Ex-negativo-Unfug, der was von Authentizität faselt und mal wieder Gefühle vermisst, dazu eitel Rainer Gansera als visuelle Erklärspur, die mir dafür umso ungutere Gefühle verschafft. Und immer so: Schnipsel, Schnitt, weiter. Filmausschnitt. Satz. Dominik Graf sitzt blöd schräg im Bild. Sagt ein paar Sätze, kommt auf sein "Schneewittchenfilm"-Verdikt zurück und man merkt doch, dass er dazu noch etwas sagen will, dass er da im Gespräch noch etwas gesagt hat, dass da noch ein Gedanke kam, aber mit Gedanken will dieser Film nichts zu tun haben, also schneidet er das ab, wie er so vieles, schnipp-schnapp, an- und dann einfach abschneidet. Schade drum, richtig schlechte Laune macht das.

    Den Film kann noch fünf Tage lang in der Arte-Mediathek sehen, wer unbedingt will.


    Kommentar hinzufügen


  • Amateure, Dilettanten
    Filmhinweis für Paris: «Ginger e Fred» (1986) von Federico Fellini

    9. Januar 2017, Bert Rebhandl in: Italien

    Was weiß man eigentlich über die Entstehung des Steptanzes (italienisch: Tip Tap)? Pippo (Marcello Mastroianni) hat dazu eine Geschichte. Die „Negersklaven“ (so sprach man 1986 noch unbefangen) haben sich auf diese Weise verständigt, eine Art Morsealphabet, das später die Seite gewechselt hat, denn im klassischen Hollywoodkino, mit Stars wie Fred Astaire und Ginger Rogers, war eher Weiß die Leitfarbe.

    GF

    In dieser Ära hatten auch Pippo und Amelia ihre große Zeit. Nun sollen sie noch einmal zusammen auftreten, in einer gänzlich veränderten kulturellen Situation, in einer Fernsehsendung zu Weihnachten, die den Titel Ed ecco a Voi trägt („Und jetzt zu Ihnen“). In einem der letzten Filme von Federico Fellini: Ginger e Fred.

    Bei Fellini denkt man an die große Zeit des europäischen Nachkriegskinos, hier gibt er seine Abdankungserklärung. Sein Medium ist Giulietta Masina, die Gelsomina aus La Strada. Sie wird in Ginger e Fred zu einem Teilchen in diesem Riesenauflauf, den das Fernsehen – das neue Leitmedium – veranstaltet. Ed ecco a Voi ist so etwas wie ein Kuriositätenkabinett, eine Kuh mit (angeblich) 15 Zitzen soll auftreten, eine Frau namens Pietruzza Silvestri (die gegen Geld ein Monat auf den Fernseher verzichtet hat und davon gründlich geschafft ist), zwei Männer, die einen essbaren Slip erfunden haben, den Galane vom Hintern ihrer Geliebten wegschnabulieren können.

    Zwischen all den „Liliputanern, Transvestiten“ (Amelia) und „Amateuren, Dilettanten“ (Pippo), vor allem aber: zwischen all den Doubles (Doppelgänger von Franz Kafka bis Ronald Reagan) taucht auch ein viel geliebter Komiker auf: „il nostro Totò“ ist der einzige, mit dem Amelia und der später hinzukommende Pippo etwas anfangen können. Die beiden sollen noch einmal ihren Act zeigen, aber sie haben einander 30 Jahre nicht gesehen, und zwischen ihnen liegt auch sehr viel Unausgesprochenes, das sich aber beim besten Willen jetzt nicht mehr sagen lässt.

    Im nostalgischen Universum von Fellini ist Ginger e Fred so etwas wie der Umschwung in den infiniten Regress. Einen originären Anfang gab es weder für das Tip Tap noch für die Tanzkunst von Ginger und Fred, die ja von Beginn an ein Imitat war (oder eine Würdigung), und das gefräßige Fernsehen nimmt nun alles in sich auf, verdoppelt es, macht den Unterschied zwischen Original und Kopie hinfällig. „La luce non torna piu“, das Licht kommt nicht mehr, sagt Pippo während eines Stromausfalls. Aber das Licht kommt natürlich zurück. Es ist das grelle Licht, in dem der Glaube an eine Pasta gedeihen kann, die schlank macht. Ginger e Fred endet mit Reklame.

    Die Cinémathèque francaise zeigt Ginger e Fred heute um 21.30 aus Anlass der 100. Ausgabe der Filmzeitschrift Trafic. Um 19.00 gibt es zwei Filme von und mit Serge Daney.


    Kommentar hinzufügen


  • Seoul Cinema
    Eine digitale Postkarte von David Wagner

    3. Dezember 2016, Cargo

    KS

    Foto: David Wagner


    Kommentar hinzufügen


  • Grenzen im Fluss
    Filmhinweis für Berlin: «Beyond Boundaries - Brezmejno» von Peter Zach

    22. November 2016, Bert Rebhandl in: Dokumentarfilm

    Im blinden Winkel. Nachrichten aus Mitteleuropa hieß 1985 eine von Christoph Ransmayer herausgegebene Textsammlung, in der zum Beispiel Ruth Beckermann über eine Reise nach Czernowitz, Claudio Magris eine Banater Elegie und Martin Pollack über New Wave in Ljubljana schrieb. Die Idee von Mitteleuropa war so etwas wie die österreichische Version der deutschen Ostpolitik, wobei man von „österreichisch“ dabei auf eine bestimmte Weise sprechen muss: als einem nicht vollständig festgelegten Begriff, der vom Imperium bis zum Kleinstaat, von der zivilisatorischen Kraft bis zum völkischen Narzissmus der kleinsten Differenzen eine Menge enthält.

    Bei Peter Zachs Dokumentarfilm Beyond Boundaries – Brezmejno musste ich an diesen Begriff des „blinden Winkels“ denken. Als solchen könnte man die Region empfinden, die mit dem Staat Slowenien alles andere als identisch ist. Denn hier, wo es allenthalben Grenzen gibt, die aber durch die EU zu offenen geworden sind, gehen vielerorts Identitäten ineinander über, historische Konflikte wurden beigelegt („die Verbissenen sind inzwischen gestorben“, sagt eine Busfahrerin, die aber selbst noch auf einen Pfarrer aus Lavamünd traf, der eigentlich bei einer Frau nicht einsteigen würde – aber gut, das ist eine andere Verbissenheit), die Grenzen verlaufen so, dass man sich im Alltag darum keine großen Gedanken mehr machen muss.

    BB

     

    Das war bis 1989 anders. Vermutlich gibt es auch so etwas wie eine generationelle Grenze, denn man wird das heutige Europa anders erleben, wenn man noch selbst die Systemgrenze gekannt hat, die einmal zwischen Österreich und Jugoslawien verlief, wovon Slowenien wiederum eine Republik war, deren Nachbarschaft auch zu Italien und Ungarn und zu Kroatien alles andere als konfliktfrei war. Peter Zach war in dieser Gegend unterwegs, er hat Eindrücke gesammelt und mit Menschen gesprochen, er hat die „kreative Ladung“, die an Grenzen wie der zwischen Nova Gorica (Slowenien) und Gorizia (Italien, österreichisch: Görz) entsteht, aufgespürt.

    Man erfährt eine Menge, zum Beispiel war mir überhaupt nicht bewusst, was es mit der Firmengeschichte von Puch auf sich hat (ein Puch 500 war das erste Auto in unserer Familie in den späten 1960er Jahren): Janez Puh ist der ursprüngliche Name des Gründers Johann Puch. Heißt Peter Zach vielleicht in Wahrheit Petr Zah? Würde passen, stimmt aber nicht, er wurde in Graz geboren.

    Meine Lieblingsstelle in diesem im besten Sinne bewegenden Film ist ein Gespräch über die Mur: ein Fluss, der über große Teile als Grenzmarkierung dient, und der dabei etwas tut, was derzeit so vielen Menschen Sorgen macht - er migriert. In den Abspann seines Films hinein, der jetzt schon aus einer anderen europäischen Ära zu stammen scheint, lässt Peter Zach vernehmen, was sich geändert hat, seit er 2008 mit der Arbeit an Beyond Boundaries - Brezmejno begann: „technische Grenzen“ werden an der Grenze zwischen Österreich und Slowenien errichtet. Mit diesem Film haben wir ein starkes Dokument davon, was es in und mit Europa zu verteidigen gibt – allerdings nicht so, dass die Überwindung der kleinen Grenzen durch Fortifizierung und Isolierung des großen Europa erkauft wird.

    Beyond Boundaries - Brezmejno von Peter Zach hat am Mittwoch, 23. November, um 19.00 in der Akademie der Künste am Hanseatenweg Premiere. Ab 24.11. läuft der Film im Kino.

    Foto: Jana Cisar Filmproduktion


    Kommentar hinzufügen


  • Der vergangene Aufstand
    Filmhinweis für Berlin: «Der Hamburger Aufstand Oktober 1923»

    26. September 2016, Bert Rebhandl in: Deutsches Kino Dokumentarfilm Sowjetunion

    WB

     

    Im Oktober 1923 machen kommunistische Arbeiter im Hamburger Stadtteil Barmbek Ernst mit dem bewaffneten Aufstand. Sie sind (mit 19 Gewehren und 27 Revolvern) hoffnungslos unterlegen, und nach einem Tag und einer Nacht ist die Sache auch schon wieder erledigt. „Im übrigen Deutschland kam nichts“, sagt einer, der sich 1971 daran erinnert. Klaus Wildenhahn, Gisela Tuchtenhagen und Reiner Etz sprachen damals mit Zeitzeugen über eine versäumte Gelegenheit: denn „nie wieder gab es einen so günstigen Moment für eine sozialistische Revolution in Deutschland“.

    Diesen Satz, den die Filmemacher möglicherweise mit Bedauern zitieren, entnehmen sie einem Buch der Journalistin Larissa Reissner. Wenn man den Film heute sieht – ich kenne nur die kurze Fassung -, dann ist die Frage nach diesem Bedauern der entscheidende Punkt. Denn 1923 ging es darum, ob Deutschland dem Beispiel der Sowjetunion folgen sollte. Diese Hoffnung hatte 1923 einen anderen Kontext als 1956, als 1971 oder als heute.

    „Damals strahlte die Oktoberrevolution ungeheuer über Europa aus“, heißt es in Der Hamburger Aufstand. Aber kann man noch einmal zu dieser Ausstrahlung zurück? Wildenhahn notiert selbst eines der historischen Daten, durch das hindurch die Bewegung des Films geht: „Um zu 1923 zu kommen, müssen wir noch einmal von 1933 hören.“ Alle Zeitzeugen, die zu Wort kommen (ein Dutzend Hamburger Kommunisten, die 1923 jung waren und mit denen der Film sich „einseitig und ausschließlich“ beschäftigt), wurden von den Nazis verfolgt.

    Aber genauso müsste man von Stalin sprechen, dessen Politik wohl auch Larissa Reissner zum Opfer gefallen wäre, wäre sie nicht schon 1926 an Typhus gestorben. Die Komplexität dieses sich ständig neu konstellierenden Blicks auf Geschichte wird wohl in der langen Fassung noch deutlicher hervortreten.

    Der Hamburger Aufstand Oktober 1923 (BRD 1971) von Klaus Wildenhahn, Gisela Tuchtenhagen und Reiner Etz heute um 20.00 im Arsenal 1 im Rahmen der Reihe Die Ästhetik des Widerstands - Peter Weiss 100. Einführung von Florian Wuest

    Aus 1989 stammt die stark komprimierte TV-Version  Barmbek: Der Aufstand wird abgebrochen. Über den Hamburger Aufstand 1923 (43 Minuten), die in der bei Absolut Medien erschienenen Wildenhahn-DVD-Box enthalten ist


    Kommentar hinzufügen


  • TIFF 2016: 26 Filme
    Notizen vom Toronto International Film Festival

    21. September 2016, Bert Rebhandl in: Festivalreisen

    Manchester by the Sea (Kenneth Lonergan)

    Casey Affleck spielt Lee Chandler, einen Klempner, der nach dem Tod seines Bruders aus Boston in seine Heimatstadt ein paar Autostunden nördlich zurückkehrt, die er – das machen Rückblenden allmählich deutlich – als gebrochener Mann verlassen hat. Er sieht sich mit dem Sorgerecht für seinen Neffen Patrick konfrontiert. Die ausnehmend melancholische Stimmung bricht Lonergan zunehmend komisch, indem er dem Teenager mehr Geltung verschafft. Nuancierter amerikanischer Populismus mit einem guten Ensemble. Bester Moment: ein Gastauftritt von Matthew Broderick.

    Godless / Bezbog (Ralitza Petrova)

    Ein Film aus Bulgarien, der seinem Titel in jeder Hinsicht gerecht wird (als allegorischer Befund über eine Gesellschaft wie schließlich mit seiner konkreten Herleitung aus einer Legende): Eine mobile Pflegerin ist das schwache Glied in einem großflächig organisierten Betrug auf Kosten des Staats und alter Leute. Das „Gottlose“ in dieser Welt ist äußerste Konsequenz postkommunistischer Wolfszeit (verschärft durch die orthodoxen Gesänge, mit denen Petrova le mysterère des voix bulgares neu entdeckt). Das Elend der Alten ist letzte Konsequenz eines extremen 20. Jahrhunderts („die Deutschen waren schön“), das (in dieser nasskalten Vision) Desolatheit und Brutalität hinterlassen hat.

    Orphan / Orpheline (Arnaud des Pallières)

    Vier Stationen aus dem Leben einer Frau: Das dramaturgische Rätsel, das des Pallières stellt, löst sich bald auf in einer hektischen Bewegung durch eine Biographie zwischen Ausreißen und Untertauchen. Im Zentrum stehen die Schauspielerinnen, die auf unterschiedliche Weise mit der Sexualität ihrer Figur „arbeiten“, bis sich schließlich das Leitmotiv der Verwaistheit in einer brillanten Pointe bestätigt und aufhebt. Des Pallières ist verknallt in unreine Haut. Pickel, Sommersprossen, Prügelflecken sind Zeichen der körperlichen Intensität, die ihm wichtiger ist als eine immer nur angerissene Geschichte.

    La mort de Louis XIV (Albert Serra)

    Sire hier, Majestät da: Serra zeigt den Absolutismus als Groteske in dieser moribunden Antwort auf Rossellinis Klassiker über die Machtübernahme von Ludwig XIV. Außer einem Festungsprojekt, das er nicht mehr durchblickt, hat es der Souverän hier nur mehr mit seinem pars pro toto absterbenden linken Fuß zu tun, während ihn Ärzte und Diener endgültig zu Tode füttern. Jean-Pierre Léaud zeigt, wie man eine Figur, die nur noch liegt (vorzeitig begraben von einem Perückenungetüm, das Epochen erdrücken könnte), mit schwindendem Leben erfüllen kann. Ein typischer Serra. Ganz großer Filmemacher, würde ich derzeit sagen.

    Jean of the Joneses (Stella Meghie)

    Eine kleine Komödie um eine afroamerikanische  Familie aus Brooklyn: Im Mittelpunkt steht Jean, die als Autorin schon das Etikett einer „neuen Zadie Smith“ appliziert bekam, nun aber die Geduld ihres Verlags aufgebraucht hat. Nach der Trennung von ihrem weißen Freund Jeremiah zieht Jean (Taylour Paige) reihum bei ihren durchwegs weiblichen Familienmitgliedern ein – und stört den den faulen Frieden. So ungefähr hat sich damals She’s Gotta Have It von Spike Lee angefühlt, wobei Jean of The Joneses die Emanzipationserfolge der Frauen kritisch bilanziert: die in mehrfacher Hinsicht „obdachlose“ Jean ist das Kind dieser Emanzipationen. Am Ende löst sich alles fast in Wohlgefallen auf, und es wird wohl auch ein Buch draus (das Stella Meghie vorsorglich schon mal verfilmt hat).

    I am Not Madame Bovary (Feng Xiaogang)

    Vielleicht der eigentümlichste und interessanteste Film dieses TIFF-Jahrgangs, auch vor dem Hintergrund, dass Feng Xiaogang mit Aftershock einen lupenreinen kommunistischen Großpropagandafilm vorzuweisen hat – am Ende „siegt“ auch hier die Partei, aber nur auf eine sehr vermittelte, durchaus dialektisch zu nennende Weise. Eine Frau aus der Provinz strengt ein Gerichtsverfahren an, das anfangs allen als querulantisch erscheint, das aber immer größere Kreise zieht, und das Feng Xiaogang bei aller konkreten Satire dazu dient, das Verhältnis von Individuum und Staat in einer Parteidiktatur zu reflektieren. Meistenteils mit einer Kreisblende und mit deutlichen Anspielungen auf chinesische Malerei, ist I am Not Madame Bovary auch formal ein Spiel mit der Erweiterung und Verengung von Horizonten, und auf jeden Fall eine relevante (Selbst-)Kritik eines Systems, dem es lange Zeit auf einzelne Schicksale prinzipiell nicht ankam, weil es ja die große Sache gab.

    MB

     

    Untamed / La Region Salvaje (Amat Escalante)

    Das „Primitive“ in der menschlichen Sexualität bekommt hier konkrete, außerkörperliche, außerirdische Gestalt in einem Krakenwesen, zu dem immer wieder Leute aus der Stadt in den Waldrand pilgern, und dort irgendwann, nach unaussprechlichen Wonnen, übel zugerichtet werden. Faszinierende (zufällige) Parallelen zu einem Computerspiel, das in Paul Verhoevens Elle eine große Rolle spielt (Tentakel a tergo).

    The Woman Who Left / Ang babeng humayo (Lav Diaz)

    Gott sieht die Wahrheit, aber er lässt sich Zeit, sagte Tolstoi: Horacia Somorostro wird nach dreißig Jahren, die sie unberechtigt im Gefängnis war, begnadigt und macht sich auf den Weg in ihr früheres Leben. Sie sucht ihre Tochter auf, der Sohn ist unauffindbar, vor allem aber setzt sie sich auf die Fährte von Rodrigo Trinidad, einem „strongman“ in der Gemeinde, aus der sie stammt. Die Stärke dieses (für die Verhältnisse von Lav Diaz) relativ einfachen, linearen Films liegt in der Ambiguität der Hauptfigur, die ein nächtliches (Geschlechter-)Alias annimmt, wie überhaupt Schwärze (die Stimmen aus unerkennbaren Gesichtern, die Schattenseiten des Lebens generell) den Film charakterisiert und stark macht.

    Land of the Gods / Dev Bhoomi (Goran Paskaljevic)

    Eine Geschichte aus einem Himalaya-Dorf, erzählt als klassisches analytisches Drama: Rahul Negi kehrt nach Jahrzehnte langer Abwesenheit zurück, die Umstände seiner damaligen Flucht kommen noch einmal zur Sprache (und zur Auseinandersetzung), eine junge Frau zahlt den Preis für soziale und Geschlechterverhältnisse, die sich kaum verändert haben. Der nordindisch-tibetische Buddhismus wird hier ohne jede Romantik gezeigt, trotzdem ist das wohl ein im weitesten Sinne spiritueller Film, den ich mir nicht zuletzt wegen der Außenaufnahmen angeschaut habe.

    Birth of a Nation (Nate Parker)

    Will wohl so etwas wie Sobibor zu Shoah sein, also ein Film über das Empowerment, das auf die Sklavenerfahrung folgen muss. Nat Turner wird durch einen Prolog als mythisch herausgehobener Mann charakterisiert, bevor er zuerst einmal als Hausprediger, der mit der Bibel die exploitativen Verhältnisse legitimieren hilft, in das System der Sklaverei eingefügt wird. Allmählich wächst jedoch sein Bewusstsein, und auch für den Umschlag in die Revolte dient die Bibel als Motiv: Smite Amalek! (1 Sam 15,3) Nate Parker macht im Abspann deutlich, dass es ihm um „legacy“ geht; dabei scheinen ihm die schwierigen Implikationen nicht ganz bewusst sein, die zwischen seinem traditionellen Period-Realismus und der Frage nach einem heutigen Blick auf (und Verständnis von gegenwärtiger) Sklaverei bestehen. Ich komme darauf zurück, denn: komplizierte Angelegenheit.

    Just Not Married (Uduak-Obong Patrick)

    Das TIFF hatte einen Schwerpunkt zu Nigeria, das war meine Stichprobe: Ein Slum-Reißer, der in vielerlei Hinsicht mein bescheidenes Wissen über Nollywood bestätigte. In Bild wie Ton war deutlich zu sehen, dass die produktionstechnischen Ansprüche dieser schnell hergestellten Videofilme nicht für einen Festivalsaal gedacht sind. In Erinnerung bleibt vor allem der Satz der Hauptfigur, eines junges Studenten: „I can’t be poor“. Er wird Chef einer kleinen Bande von Autodieben, und setzt sich schließlich nach Malaysia ab, was als Detail auch viel erzählt über die Geopolitik aus der Perspektive eines Landes, in dem nur Reiche an die Visa kommen, die andere Ländern öffnen.

    Elle (Paul Verhoeven)

    Ein Reißer mit einer überragenden Hauptdarstellerin: Isabelle Huppert ist in diesem Jahr (Valley of Love, L’avenir und nun eben Elle) so etwas wie die Krone der Schöpfung in ihrem furchtlosen Spiel gegen Alter, Tod und Gewalt. Verhoeven verfilmt einen Roman von Philippe Dijan, dem Autor von Betty Blue (ein absoluter Schlüsselfilm der 80er Jahre). Es geht um ein digitales Startup, um großbürgerliche Nachbarschaft, und um Vergewaltigung als die äußerste Form einer Dummheit, die in anderer Form auch (für eine kurze Weile) sexuell attraktiv sein kann. Die von der Huppert gespielte Michèle changiert zwischen Opferrolle (sie, pardon, steckt ein) und prononcierter Souveränität. Das Ende deutet einen Exodus aus dem Regime des Phallus an. Einer der Filme des Jahres.

    Mister Universo (Tizza Covi und Rainer Frimmel)

    Das österreichisch-italienische Filmemacherpaar entfaltet geduldig und mit der charakteristischen Offenheit seinen halbdokumentarischen Erzählraum um die Zirkusfamilien weiter, die schon seit Babooska ihr Thema sind. Tairo, ein junger Raubtierdompteur, wird sein Glücksbringer gestohlen, ein gebogenes Eisen, das ihm einst ein schwarzer „starker Mann“ geschenkt hatte. Er macht sich auf die Suche nach diesem Artur Rubin, durchquert dabei halb Italien, und am Ende gibt es eine sehr, sehr schöne Auflösung eines unauflöslichen Problems: Wie kann man mit dem Glück einen Pakt schließen? Das ist natürlich unmöglich, es sei denn, man kann ihm so Raum geben, wie Covi und Frimmel das tun.

    Aquarius (Kleber Mendoncha Filho)

    Nach Neighboring Sounds war ich höchst gespannt, und weitgehend löst der Chronist der nordbrasilianischen Stadt Recife auch ein, was er damals versprochen hatte. Aquarius ist vielleicht die Spur populärer angelegt, mit der Starfigur Sonia Braga in der Hauptrolle einer Frau, die aus einer Wohnung an der Strandpromenade nicht ausziehen will, obwohl man ihr viel Geld bietet. Die Zeichen sind rundum deutlich, ihr Analogplattenspieler ist das Dingsymbol einer alten Welt, die auch in Brasilien von einer brutalen Investorenmoderne verdrängt wird. Ein starkes Ende versöhnt mit der einen oder anderen latenten Sentimentalität.

    The Autopsy of Jane Doe (André Ovredal)

    Da das TIFF für Journalisten weitgehend in einem Multiplex stattfindet, in dem man aufs Geratewohl mit dem Badge in alle Vorführungen rein kommt, setzt man sich eben manchmal zwischendurch in etwas Leichtes wie diesen sehr gelungenen Schocker um einen Leichenpräparator/Forensiker und seinen Sohn, die eine junge Frau vorgelegt bekommen, die an vielfachen Traumata gestorben ist, von denen die Leiche äußerlich keine Spur zeigt. Beim Aufschneiden tut sich dann allerdings nicht nur eine Körperhöhle, sondern ein höllischer Abgrund auf. Hat Spaß gemacht. Finale allerdings verschlafen.

    Kati Kati (Mbithi Masya)

    Ein Film aus dem Nachwuchszentrum Tykwer-Steinmann in Afrika. In einer Lodge in der Savanne taucht eine junge Frau auf, der die anderen Gäste erst einmal klar machen, dass sie deswegen hier ist, weil sie tot ist. Danach geht es – gleichsam auf purgatorischem Urlaub – darum, den Tod für sich selbst einzuholen, indem die Erinnerung an das Leben geweckt wird, um damit abschließen zu können. Eine existenzialistische Parabel mit afrikanischer Mythologie an der Grenzmarke der jenseitigen Ordnung.

    General Report / Informe General II. El nou rapte d’Europa (Pere Portabella)

    Die Wiedergeburt der Demokratie aus dem Museum? Pere Portabella filmt in der Fortsetzung seines bedeutenden Films Informe general sobre unas cuestiones de interés para una proyección pública (1977) den engagierten Diskurs in Spanien, beginnend mit dem Nationalmuseum Reina Sofia in Madrid, über die katalanische Separatismusbewegung (die hier als radikaldemokratisch begriffen wird) bis zu Podemos und angrenzendem Aktivismus. Faszinierend vor allem in der Verbindung von Kultur und Politik, Geste, Habitus, Rhetorik und Argument.

    A Death in the Gunj (Konkona Sen Sharma)

    Auch eher ein Zufallsfund, hat sich aber gelohnt: Eine komplizierte Großfamilie verbringt Weihnachten und Silvester 1978 in McCluskiegunj. Klassen- und postkoloniale Verhältnisse durchziehen die ganze Geschichte auf eine nicht immer leicht zu entschlüsselnde Weise, aber gerade darin liegt der Reiz dieser Geschichte, die in dem verunsicherten Shutu einen Sündenbock für Verfehlungen bekommt, die weit über das Individuelle hinausgehen. So könnte ein Film aussehen, der heute an Satiajit Ray anzuschließen versucht.

    Layla M. (Mijke de Jong)

    Die Schleierfrage auf Niederländisch: Layla, eine Schülerin mit marokkanischem Migrationshintergrund, bricht aus der Familie aus und heiratet einen Frommen. Ihre Motive sind zutiefst rechtschaffen: Sie will mit ihrer Ehe einen intimen, heiligen, gottgefälligen Raum schaffen. Das erweist sich aber spätestens mit der Fahrt an die türkisch-syrische Grenze als unmöglich. Mijke de Jong interessiert sich für eine alternative Sicht auf die typische europäische Dschihadistenvita: Layla wird zwar in einer Hinsicht desillusioniert, eine Rückkehr in ein „normales“ Leben ist aber keineswegs klar. Das Beste an diesem ansonsten auch konventionellen Problemfilm (mit einer starken Hauptdarstellerin) ist der Schluss: ein halb verhülltes Gesicht, aus dem nichts zu lesen ist außer Ratlosigkeit – auch auf der Gegenseite. Auf unserer.

    The Magnificent Seven (Antoine Fuqua)

    Das Remake des Western-Gassenhauers von John Sturges hat auch das Zeug zum Hit: Für eine Ära, die wieder lernt, was Räuberbarone sind, ist das eine sehr passende Erzählung, die im vertretbaren Maß der Gewalt ihr Recht einräumt, darüber hinaus aber vor allem an der sozialen Differenzierung der heiligen Sieben arbeitet. Die personelle Überraschung ist wohl Ethan Hawke, der sich als neuer Jack Nicholson versucht, auch Vincent D’Onofrio ist super, die Witze sitzen, die Action bleibt dem Westerngenre gerade noch angemessen.

    Le secret de la chambre noire (Kiyoshi Kurosawa)

    Der erste europäische Film des japanischen Workaholics geht an die nekrophilen Wurzeln des fotografischen Begehrens: Ein Mann, der auf einem alten Landsitz sein Studio hat, ist auf lebensgroße Daguerrotypien spezialisiert (der entsprechende Apparat sieht lustig aus), die Modelle müssen entsprechend der beträchtlichen Belichtungszeiten ruhiggestellt werden. Sein Gehülfe lässt sich nicht nur in eine Immobilienspekulation verstricken, sondern verfällt auch der bleichen Tochter. Hört sich theoretisch alles toll an, geht aber nicht wirklich auf.

    Home (Fien Troch)

    Ein niederländischer Versuch, sich ein Bild vom Leben heutiger Teenager zu machen: Kids mit Smartphones, worauf allein es nicht zurückzuführen sein kann, dass sie deutlich desparater wirken als die amerikanischen Kids von Larry Clark seinerzeit. Gefilmt in dem Unmittelbarkeitsmode, der manchmal direkt in Handyfilme umschlägt, entsteht ein neuer Naturalismus mit technischer Schlagseite: Eine Milieutheorie, in der Erwachsene nicht weniger überfordert sind als Sprößlinge, und in der die Institutionen keinen Kompetenzvorsprung haben, was das Leben anlangt.

    The Limehouse Golem (Juan Carlos Medina)

    Mit diesen zwei Stunden habe ich die Wartezeit auf Arrival überbrückt: ein „topical shocker“ um eine Mordserie im viktorianischen London, der als besonderen Gag ein Buch enthält, das im British Museum zur Lektüre vorgehalten wird, und in das jemand etwas gekrakelt hat. Dadurch kommen Leute wie Karl Marx oder George Gissing zumindest theoretisch in den Verdacht, der „Limehouse Golem“ zu sein, ein Serienmörder in einer Mordserie, die stark mit den theatralischen Sendungen der Ära zu tun hat. Eher was für einen schlaffen Fernsehabend.

    Arrival (Denis Villeneuve)

    Die alte Contact-Nummer in einem sehr ordentlichen Remix: Die erste Viertelstunde, in der die Linguistin Dr. Louise Banks (Amy Adams) zu der landing site in Montana expediert wird, ist großartig inszeniert (vor allem über die Tonspur), danach gibt es auch noch super Ideen, allerdings wendet sich die Begegnung mit einer ULF (unknown life form, habe ich aus Michael Crichtons Sphere) dann doch ein bisschen zu sehr in eine Krisenallegorie des heutigen Planeten Erde (mit Russland und China lässt sich erst Weltgesellschaft machen, nachdem Dr. Banks auf Mandarin durch die Zeitschleife telefoniert hat). Von diesen Geschichten erhoffe ich mir immer das Außerordentliche, sehe dann aber auch gern ein, dass es immer nur das Innerordentliche wird.

    Austerlitz (Sergei Loznitsa)

    Beobachtungen an einer Gedenkstätte, in der Touristen sich vor einem Tor fotografieren, das Arbeit macht frei verspricht. Das Begehen von Vernichtungsorten wird in diesen schwarzweißen Bildern zu einer Zeitreise in einen Überblendungseffekt, in dem ein Mann mit einem Jurassic Park-T-Shirt den Riss besonders deutlich macht, der durch die Geschichte geht. Austerlitz ist ein Kontemplationsfilm auf vielen Ebenen: die Bilder in ihrer flächigen Tiefe, die Wortfetzen (in denen vor allem die Temperamente von Guides erkennbar werden, die höchst eigene Versionen kundtun), die Freizeitmode einer Generation, die in doppelter Hinsicht (1945 und 1989) durch „Austerlitz“ hindurchgehen kann wie durch ein Museum, dessen Anspruch ein Rätsel bleibt, weil es eben ein strukturell nachträglicher ist. Exzellent, wie eigentlich immer bei Loznitsa.

    Fixeur (Adrian Sitaru)

    Den für mich besten Film des Festivals habe ich daheim auf einem Stream nachgeholt. Adrian Sitaru hat damit schon zwei Titel in diesem Jahr, nach Ilegitim, der bei der Berlinale lief. Der „fixeur“ ist Radu, ein junger, angehender Journalist, der für ein französisches Fernsehteam als „fixer“ arbeitet, also als einer, der zwischen den lokalen Verhältnissen und Menschen und den einfliegenden Reportern vermittelt. Es geht um eine 14 Jahre alte Zwangsprostituierte, die in Paris anschaffen musste und von der dortigen Polizei nach Rumänien überstellt wurde, wo sie von Nonnen behütet und von örtlichen Wichtigen dann doch preisgegeben wird. Drehbuch und Regie sind auf höchstem Niveau selbst für rumänische Verhältnisse: wie sich die Bemühungen um eine Interviewszene mit dem Mädchen hier zu einer großen Metonymie europäischer Verhältnisse entfaltet, das hat im entsprechenden Kino (also im europäischen) kaum seinesgleichen.

    FI


    Kommentar hinzufügen