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Neue Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 35
vom 22. September 2017

CARGO 35 Cover, CARGO 34 Cover,

Container

  • OIFF 2017
    Odessa International Film Festival 2017: 13 Filme

    29. Juli 2017, Bert Rebhandl in: Festivalreisen

    Pretenders (Teesklejad) (Vallo Toomla)

    Anna und Juhan machen Ferien in einem tollen Haus im Wald, zum Baltischen Meer sind es nur ein paar Schritte. Dort gibt es noch ein anderes Paar, Triin und Erik, aus ihrem Zelt tönt hässliche Musik. Mit diesen vier Figuren inszeniert Vallo Toomla aus Estland einen Psychothriller mit Elementen eines Reigens und mit Funny Games, die anders als bei Haneke aus dem Inneren der Beziehungen kommen. Je schöner der Urlaub sein soll, desto wichtiger ist es, im Haus einen Panic Room zu haben.

    The Experts (Oleg Maslennikov)

    Zwei Folgen einer ukrainischen Mainstream-Krimiserie sollten ein Beispiel für vertikales Erzählen geben: Die Spannung zwischen einer Ermittlerin (37 Jahre, alleinerziehend) und einem Forensiker (passendes Alter, alleinstehend) ist von Beginn an stark einschlägig. Ob die beiden wirklich zusammenkommen, wird sich später weisen, auf jeden Fall war die immer noch sehr traditionelle Geschlechterpolitik in der Ukraine das Interessanteste an den ersten beiden Folgen dieser Serie. Zum Beispiel in einer Szene, in der eine Frau einem Mechaniker gegenübersteht, der ihr eine überhöhte Rechnung präsentiert. Sie weiß sich nicht anders zu helfen, als „ihren Mann“ anzurufen. Der hebt aber nicht ab, denn er ist nur ihr Geliebter, und hat gerade einen ehrgeizigen Plan mit seiner richtigen Frau. Die „falsche“ Frau bezahlt die Rechnung.

    Cold March (UdSSR 1987) (Igor Minaiev)

    Traditionell ist die kleine Retro des Dovzhenko Center beim OIFF besonders interessant. Dieses Jahr lautete der Titel Tender Age. Filme mit Jugendlichen aus einer Zeit, in der die Ukraine noch nicht volljährig war, also aus der späten Sowjetunion. Cold March von Igor Minaiev erzählt von einer Berufsschulklasse in Odessa in den späten 80er Jahren. Jungmännerrituale, unmögliche Beziehungen (in einer Gesellschaft, die erstaunlich prüde ist), ein Ausflug zu einem Geschichtsort in Poltava. Die Sowjetunion sieht in den Studiobildern teilweise geradezu apokalyptisch aus. Nach der Vorstellung habe ich von Regisseur Igor Minaiv und zwei Veteraninnen des Odessa Film Studios vor dem Kinoteatr Rodina ein Foto gemacht.

    IM

     

    Hinter dem Schneesturm (Levin Peter)

    Vor vielen Jahren kämpfte der Großvater von Levin Peter auf deutscher Seite in der Ukraine im Zweiten Weltkrieg. Nun ist er ein sehr alter Mann, der manchmal grässliche Schreie ausstößt. Woran erinnert sich jemand nach so langer Zeit, an der Grenze zum eigenen Tod? Levin Peters Dokumentarfilm ist eine Gratwanderung: Wie er auf seinen Protagonisten einspricht, das hat etwas Beschwörendes in einem doppelten Sinn, er will etwas retten, was ins Dunkel der Geschichte zurückzufallen droht. Der Lokalaugenschein in Mariupol löst nichts auf, bringt aber starke Momente des Geschichtsbewusstseins. Unvergesslich aber bleibt das Bild dieses alten Mannes, in dessen Hirn die Erinnerungen wüten.

    Black Level (Valentin Vasyanovych)

    Kostya, ein Fotograf in mittleren Jahren, lebt sein Leben und sagt kaum einmal was (wenn, dann hinter einer Scheibe, durch die wir nichts hören, und über sich die Regenschlieren ziehen). Nach einer Weile beginnt man sich in diesem sehr stilisierten Film zu fragen, ob das ganze wortlose Treiben einem Prinzip folgt, dann verliert diese Frage aber auch wieder an Bedeutung, denn irgendwann ist klar, dass es entweder nur um ein (spätes, erlösendes) Wort gehen kann, oder um gar keines. Am stärksten blieb mir ein topographisches Detail in Erinnerung: auf der untersten Ebene einer Tiefgarage hat Kostya noch eine Abstellkammer, in der es einen weiteren Keller gibt. Dass man in diesem Verlies Sex haben (wollen) kann, ist natürlich ein Statement, bei dem man sich fragen kann, ob es nicht zu sehr einem (ästhetisch) vorgefassten Befund entspricht. Das Ende aber ist in seiner Rätselhaftigkeit wieder stark.

    The Strayed (Arkadi Nepitalyiuk)

    Einmal von A nach B am Arsch der Welt: Ein junger Taxifahrer, der bei der „nerdigen“ Lehrerin abblitzt (ihre Klassik-CDs spielen eine wichtige Rolle im Film), übernimmt einen Auftrag in das Dorf Pryputni (irgendwo zwischen Kyiv und Sumy). Viel mehr als diese Fahrt einer Frau mit ihrer Tochter zu der (Groß-)Mutter passiert gar nicht in The Strayed, die Natur ist überwältigend, aber die Probleme (alleingelassene Frauen, aggressive Männer) lassen sich mit guten Kartoffeln (oder gar einem Gartenzwerg) allein nicht lösen. Gedreht in dem russisch-ukrainischen Sprachmix Surzhyk, der in der englischen Untertitelung klingt wie Gettoslang.

    Ar-Chi-Me-Di (UdSSR 1975) (Oleksandr Pavlovskyi)


    Vier junge Leute in Odessa formieren sich als Band, und bald zeichnet sich ab, dass sie auf Tournee gehen könnten. Davor müssen aber noch ein paar Probleme gelöst werden. Der Schlagzeuger wird nur freigestellt, wenn er zur Arbeitsrationalisierung im Betrieb etwas beiträgt (was schließlich in einer sehr lustigen Szene schiefgeht). Liebe und Beruf, alles steht im Zeichen eines Kommunismus, der hier gar nicht totalitär wirkt, sondern einfach nur (damals schon) retro. Ein Kassenschlager aus der Sowjetunion, der sehr schön die realsozialistische Popkultur zeigt (meine Lieblingsszene: eine Band namens „Die Optimisten“).

    The War of Chimeras (Anastasiia und Mariia Starozhytska)


    Aus der Euphorie der Revolution der Würde auf dem Majdan heraus geht ein junger Mann in den Donbass - seine Freundin bleibt zurück und macht gemeinsam mit ihrer Mutter einen Film über die frühe Phase des Krieges in der Ostukraine. Die Aufnahmen von der Front sind „embedded“, an einer Stelle werden russische Kriegsgefangene in einer Weise vorgeführt, die  schon das ganze Maß des Hasses erkennen lässt, der sich seither zwischen Russland und der Ukraine herausgebildet hat. Halb Home Movie, halb War Video, ist dieser Film eher ein poetisches Manifest als eine politische Reportage. Geht aber richtig nahe.

    Falling (Maria Stepanska)

    Szenen aus dem Leben zweier junger Leute von heute: Katya soll eigentlich mit ihrem Freund nach Berlin gehen, trifft aber kurz davor Anton, der sich aus der Welt in ein Haus im Wald zurückgezogen hat. Seine Geheimnisse enthüllen sich allmählich, zum Beispiel bei einem Besuch bei seiner Mutter, die offensichtlich ein Alkoholproblem hat. Eine große Schwermut liegt über diesem Film, der in all seinem Pathos aber nie thesenhaft wirkt, sondern so etwas wie eine verlorene Generation zeigt, die von der Energie des Majdan nichts mehr erkennen lässt.

    Ocupatsyia (Mark Hammond)

    Der geschichtspolitische Schlüsselfilm dieses Jahres: Im Odessa Film Studio wird 1971 ein Film über die Durchsetzung der bolschewikischen Revolution im Bürgerkrieg 1919 gedreht, dessen Botschaft sich als unvereinbar mit der sowjetischen Geschichtsideologie erweist, denn der Kommissar der KP erscheint hier als brutaler Fanatiker, während ein Bauernaufstand in der Region Cherkassy unverhohlen auf ein ukrainisches Nationalbewusstsein bezogen wird, das sich seit 2014 durch Abgrenzung von Russland neu konstituiert - die Sowjetunion dient dabei als Sündenbock. Eine junge Cutterin soll den Film umschneiden, und wird sich in ihren Gewissenskonflikten einer „geflüsterten Geschichte“ bewusst, die hier quasipropagandistisch (und von einem weitgehend unbekannten Expat namens Mark Hammond) aufbereitet wird.

    School # 3 (Georg Genoux, Lisa Smith)


    Junge Leute aus Mykhailivkaya, einer kleinen Stadt unweit der heutigen Demarkationslinie zwischen der Ukraine und dem „autonomen“ Donbass: Sie erzählen von ihrem Leben im Zeichen des Krieges. Viele Szenen sind von großer Unmittelbarkeit, das eigentliche Interessante sind aber die theatralisch geformten Auftritte, die wie Bühnendarbietungen oder auch Schulreferate wirken, in denen die Teenager aber sehr viel von sich zu erkennen geben, auf eine zugleich unmittelbare wie reflektierte Weise. Mein Lieblingsfilm dieses Jahr.

    Ugly (Juri Rechinsky)

    Der österreichische Produzent Franz Novotny saß bei der Pressekonferenz im weißen Anzug auf dem Podium und stellte den Regisseur Juri Rechinsky als „neuen Tarkowksi“ vor. Damit greift er ein paar Solarisumlaufbahnen zu hoch. Die Doku Sickfuckpeople über Drogensucht in Odessa fand ich noch sehenswert, an der bemüht dekadent-morbiden Familiengeschichte von Ugly konnte ich nichts finden, wovon ich nach Hause schreiben müsste.

    Pit No 8 (Marianna Kaat)

    Ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 2010, der als Special Screening lief, und den man eigentlich in einem Double Feature mit School # 3 zeigen sollte. In dem Dorf Snizhne im Donbass arbeitet ein Junge namens Jura in den illegalen Kohleminen, die dort den Erdboden so unterwühlen, dass immer wieder Häuser teilweise einstürzen. Jura will eigentlich etwas lernen, aber er muss für seine kleinere Schwester sorgen, während die größere Schwester Ulyana auch irgendwie auf die Füße zu kommen versucht. Die Mutter säuft, der Stiefvater ist brutal, von dem Erbe des angesehenen Großvaters (wie von den relativ stabilen Verhältnissen der sowjetischen Versorgungsgesellschaft) ist nichts übrig. Schon damals wetterten Leute im Donbass gegen die NATO, während am Victory Day im Mai ein Gemeinsinn beschworen wird, von dem die Kinder sich nichts kaufen können. Mein zweiter Lieblingsfilm dieses Jahr ist in Deutschland auf DVD erhältlich, nämlich bei Deckert Distribution.


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  • Politik des Getreuseins
    Textempfehlung: «Ein Herangehen von Helmut Färber» von Gerhard Benedikt Friedl

    21. Juli 2017, Cargo

    hfh

    "Wir haben es im Kino mit Blicken auf die Welt und Verhältnissen in dieser zu tun. Und zwar mittels eines materialen, und daran angebunden, formalen Gefüges, welches nur dem Kino eigen ist, und welches durch das Kino hindurch der Welt eingebildet zu sein scheint, und welches sie festigt. Hierin ist das Kino nachdrücklich."

    aus: Gerhard Benedikt Friedl, Ein Herangehen an Helmut Färber, HaFI 004

    Heute wäre Gerhard Benedikt Friedl 50 Jahre alt geworden


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  • In San Fernando ist der Teufel los
    Filmhinweis für Berlin: «Pedro soll hängen» (1939-1962) von Veit Harlan im Zeughauskino

    16. Juni 2017, Bert Rebhandl in: Deutsches Kino Filmgeschichte

    Wie heißt eigentlich der Film, den Veit Harlan vor Jud Süß gemacht hat? Bei dieser Quizfrage wäre ich kürzlich noch ausgestiegen, nun aber schließt das Zeughauskino im Rahmen der Reihe Seelennot diese Lücke. Pedro soll hängen steht zwischen dem Melodram Die Reise nach Tilsit und dem antisemitischen Vorzeigefilm. Die einschlägige Tagebuchnotiz von Goebbels dazu ist rätselhaft: „Laut und geräuschvoll. Literatur. Ein Versager.“ Das Zeughaus zeigt Pedro soll hängen als einen Nachkriegsfilm, der während der Krieges unterging, und danach nicht mehr so richtig auftauchte. Wenn Harlan der „Versager“ ist, was hat Goebbels dazu bewogen, diesen zutiefst deutschen Bodega-und-Tequila-Schwank auf 66 Minuten kürzen zu lassen? Und den Regisseur dann doch für Jud Süß zu rekrutieren?

    Pedro soll hängen ist „ein heiterer Film über Liebe, Wein und himmlische Zustände“, heißt es in dem einleitenden Insert. Die Szene (Vorlage war ein Theaterstück) ist ein lateinamerikanisches Land namens Pelargonien bzw. Pellagonien (oder Geranien, wie es zwischendurch in einem Gag heißt), das vor allem durch eine Gaststätte, einen Dorfplatz mit Gefängnisfenster und eine Wüstenlandschaft mit dekorativ platzierten Kakteen charakterisiert wird.

    Auf eine stark vereinfachte Weise geht es auch in Pedro soll hängen, wie danach in Jud Süß, um gutes Regieren. Gegen den kritischen Blick eines aus Amerika einfliegenden Reporters, der sich ein Bild von den Verhältnissen machen will („In San Fernando ist der Teufel los“), soll der Kleinstaat, in dem die Frauen Pepita oder Chequita („hast du etwa mit der Kastagnetten-Chequita blinde Kuh getanzt?“, will die eifersüchtige Pepita von Pedro wissen, dem Omen nicht vertrauend, das in der Assonanz ihrer Namen liegt) heißen, zeigen, dass in dieser „Sauwirtschaft“ („Caramba“) doch alles mit rechten Dingen zugeht.

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    Als der attraktivste Mann am Platz, natürlich niemand anderer als Pedro (Gustav Knuth), nach dem Kartenspiel und im Rausch und in Notwehr einen Mann ersticht, muss der Alkalde entscheiden, wie mit ihm zu verfahren ist. Das Verfahren findet in der Bodega statt, und da ein Freispruch eher für eine „Sauwirtschaft“ sprechen würde, wird ein Todesurteil gefällt. Vollstreckungsdatum: der kommende Tag um sechs Uhr Abend. Der Alkalde hat an der Hinrichtung ein geschäftliches Interesse, denn er verkauft dafür die Eintrittskarten (Stehplätze für fünf Peseten, notfalls könnte man das Hängen auch von Hängematten aus verfolgen).

    Aus Amerika, das zu Beginn mit den Wolkenkratzern von Manhattan ein Kontrastbild liefert, kommt nicht nur der Reporter Amadeo de Montessandro (mit dem Flugzeug), sondern auch mit dem Auto die Millionärin Alice, Tochter des größten Schweineschlächters von Chicago, die in dem hinter Schloss und Riegel gesetzten Mörder Pedro „das Leben pulsen“ spürt. Als sie wieder aus der Zelle kommt, ist so verzückt, dass sie 50000 Dollar für Pedro zahlen möchte, um ihn nach Amerika mitzunehmen. Mit dem beiden Geldbeträgen (den Peseten des Alkalden und den Dollarscheinen der Schweineschlächtertochter) geht es in Pedro soll hängen ein Weilchen hin und her.

    Goebbels stieß sich anscheinend vor allem an „christlichen“ Gehalten, da kann er eigentlich nur an die Figur des Manuel gedacht haben, Heinrich George in einer seiner gefühligen Darbietungen als Zausel mit weißem Bart, der eigentlich gar nichts mit allen Sachen zu tun haben will, aber dauernd im Bild ist, und der mit Pedro in der Zelle ein Gespräch über das Jenseits führt (ihm „sehr viel Schönes vom Himmel erzählt“), das ihm schließlich eine denkwürdige Drohung einträgt: „Wenn ich in den Himmel komme, und es nicht genau so ist, wie du gesagt hast, dann gnade dir Gott.“ Das religionskritische Potential dieses Satzes muss Goebbels überhört haben.

    Am Ende erweist sich Pellargonien als lupenreine deutsche Provinz (was Pepita so anhat, geht auch im weiteren Sinn als Dirndl durch), nur heißt halt der Bürgermeister Alkalde, und das Exotische an Pellargonien sind die deutschen Vorstellungen davon (Afrikaner tragen aus Prinzip keine Oberbekleidung, Frauen sind barfuß, Amerikaner sind Geldsäcke und spüren den Puls des Lebens nie in sich selbst). Die anfängliche „Gottlosigkeit“ wird durch den Idealmann Pedro (tapfer, klug, gerecht, er säuft dann auch nicht mehr) ganz irdisch korrigiert, und die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, deren Sinnhaftigkeit die ganze Zeit hindurch komisch in Frage gestellt wurde, erweist sich dann doch durch die Abschaffung der Sauwirtschaft in Pellargonien als gerechtfertigt.

    Pedro soll hängen, Zeughauskino Berlin, Freitag 16. Juni 2017, 21 Uhr

    Dank an Mirko Kubein und Jörg Frieß


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  • the looks, not the books
    Buchhinhweis: Ein Vortrag mit Zugaben von Sissi Tax

    14. April 2017, Cargo

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    "einiges, was mit den projektionen des geschlechterverhältnisses - dames and guys - in einigen hollywood movies auf sich hat, in verbindung oder in nicht-verbindung mit dem medium buch"

    http://www.institutbuchkunst.hgb-leipzig.de/en/series/10#106


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  • Hader, rezensiv

    17. Februar 2017, Ekkehard Knörer in: Berlinale 2017

    Nach rund 600 Texten mal eine neue Erfahrung: Die taz will mein Gespräch mit Josef Hader nicht drucken. Das Argument: Es sei zu rezensiv. Aha. Ich fand es ja super, nicht meinetwegen, sondern weil es ein richtiges Gespräch war, bei dem Josef Hader sich sehr ernsthaft und klug mit meinen Einwänden gegen seinen Film auseinandergesetzt hat. Bewundernswert genug, dass er inmitten des Berlinale-Junket-Zirkus darauf Lust hatte. Für ihn also: höchsten Respekt. Hier geht es zum Gespräch.


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  • Berlinale 2017
    Kurznachrichtendienst

    9. Februar 2017, Cargo in: Berlinale 2017

    Wir wären dann wieder soweit 


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  • Heimholung
    Filmhinweis für Berlin: «A Deusa Negra» (1979) von Ola Balogun

    13. Januar 2017, Bert Rebhandl in: Afrika

    Der "schwarze Atlantik" war eine Weile ein prominenter Topos in den Kulturwissenschaften. Ich erinnere mich an eine Ausstellung im HKW, mit einem ziemlich interessanten Katalog. Dass dazu längst nicht alles gesagt ist, zeigt der lange Zeit weitgehend verschollene Film A Deusa Negra von dem 1945 geborenen nigerianischen Regisseur Ola Balogun.

    Er erzählt von einer Reise aus Nigeria nach Brasilien, die zugleich eine Rekapitulation der Sklavenerfahrung darstellt. Der Protagonist Babatunde erhält von seinem Vater auf dem Totenbett den Auftrag, den Kontakt zu einem Zweig der Familie wiederherzustellen, der im 19. Jahrhundert, nach der Abschaffung der Sklaverei, nicht nach Afrika zurückkehrte, sondern in Brasilien blieb.

    Babatunde, der sich als "Wiedergeburt der Vorväter" begreift, macht sich auf den Weg. In Rio ist er anfangs noch ganz Tourist, der mit dem Fotoapparat durch die Stadt streift, und nach einem Candomblé-Tempel sucht. Dazu muss er aber in die Favelas. Er trägt ein Holzamulett der Göttin Yemoja bei sich, das ihm den Weg zeigen soll.

    AM

     

    Die erste Hälfte von A Deus Negra enthält einige mehr oder weniger dokumentarische Passagen, in denen Babatunde zuerst einen Candomblé-Tempel und dann eine Sambaschule kennenlernt. An beiden Orten bekommt er eine Vorführung. Er lernt zwei Frauen kennen: Wilma und Elisa. Aus Elisa spricht die Göttin Yemoja. Sie weist ihm den Weg nach Bahia, er soll einen Ort namens Esmeraldo aufsuchen. Arnaldo, der Elisa gern heiraten würde, drängt sich als Begleiter auf, die Rivalität zwischen den beiden Männern wird später dramatisch aufgelöst.

    Schließlich erreichen Babatunde und Elisa den von einem "schlechten Zauber" bestimmten Ort Esmeraldo im Busch. Dort kommt dann der Zeitsprung, eher eine Trancerfahrung als eine Zeitreise auf der Linie der Reinkarnationen, im Kino macht das keinen Unterschied: es läuft auf eine Rückblende hinaus. Babatunde ist nun ein Sklave namens Oluyole, und Elisa heißt Amanda, sie muss im Herrenhaus aus dem weißen Patron zu ( auch sexuellen) Diensten sein.

    Indem Babatunde die Erfahrungen der Vorfahren noch einmal durchlebt, und das fehlende Glied der Familie wiedertrifft, schließt sich der Kreis. Mit dem Amulett der Yemoja endet der Film. Die Göttin hat sich als gute Führerin erwiesen.

    Das Arsenal zeigt ab heute die erhaltenen und restaurierten Filme von Ola Balogun. A Deusa Negra läuft am Samstag, 14.1., um 18.00 in einer 35mm-Kopie der Cinémathèque francaise

    Das Filmkollektiv Frankfurt hat sich entscheidend um das Werk von Ola Balogun bemüht und auch eine Publikation dazu vorgelegt

    Der Soundtrack von A Deusa Negra ist digital hier erhältlich

    Im Wikipedia-Eintrag zu Religion der Yoruba findet sich ein Link zu einer Vorlesungsmitschrift meines Freundes Hans Gerald Hödl, in dem mehr über Yemoja zu erfahren ist


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  • Berliner Schule, schnipp-schnapp

    12. Januar 2017, Ekkehard Knörer

    Nein, das geht so nicht. Einen faden, einfallslosen, ungenauen, dahergelaberten, lieblos gemachten Talking-Heads-Film über die "Berliner Schule" (wenn wir so sagen wollen) drehen. Denn das sind die Filme, um die es geht, nicht, was immer man sonst gegen sie haben will oder nicht: fad sind sie nicht, einfallslos nicht, ungenau nicht, dahergelabert nicht und erst recht sind sie nicht lieblos gemacht. Natürlich: Man kann Christian Petzold immer ins Bild setzen, irgendwie so, und er redet intelligente Sachen, kann gar nicht anders. Aber er sagt nur ein paar Sätze, dann ist wieder Schluss. Man kann Angela Schanelec immer ins Bild setzen, irgendwie so, und man sieht, wie sie denkt, und das heißt bei ihr, sich auf ein Problem einzulassen, sich in ein Problem zu verbeißen. Aber sie verbeißt sich nur kurz, denkt nur einen Gedanken, und darf den nicht mal zu Ende denken, dann ist wieder Schluss. Man kann mit Thomas Arslan durch Kreuzberg laufen wie in kreuzdummem Kulturzeit-Bebilderungsquatsch, kann man machen, aber das zeigt, dass man wirklich gar nichts kapiert hat davon, wie die Regisseurinnen und Regisseure, um die es geht, über die Welt nachdenken, die sie in jene Formen bringen, die ihre Filme dann sind. Dazu auf der überflüssigen Erklärspur nichts erklärender Ex-negativo-Unfug, der was von Authentizität faselt und mal wieder Gefühle vermisst, dazu eitel Rainer Gansera als visuelle Erklärspur, die mir dafür umso ungutere Gefühle verschafft. Und immer so: Schnipsel, Schnitt, weiter. Filmausschnitt. Satz. Dominik Graf sitzt blöd schräg im Bild. Sagt ein paar Sätze, kommt auf sein "Schneewittchenfilm"-Verdikt zurück und man merkt doch, dass er dazu noch etwas sagen will, dass er da im Gespräch noch etwas gesagt hat, dass da noch ein Gedanke kam, aber mit Gedanken will dieser Film nichts zu tun haben, also schneidet er das ab, wie er so vieles, schnipp-schnapp, an- und dann einfach abschneidet. Schade drum, richtig schlechte Laune macht das.

    Den Film kann noch fünf Tage lang in der Arte-Mediathek sehen, wer unbedingt will.


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  • Amateure, Dilettanten
    Filmhinweis für Paris: «Ginger e Fred» (1986) von Federico Fellini

    9. Januar 2017, Bert Rebhandl in: Italien

    Was weiß man eigentlich über die Entstehung des Steptanzes (italienisch: Tip Tap)? Pippo (Marcello Mastroianni) hat dazu eine Geschichte. Die „Negersklaven“ (so sprach man 1986 noch unbefangen) haben sich auf diese Weise verständigt, eine Art Morsealphabet, das später die Seite gewechselt hat, denn im klassischen Hollywoodkino, mit Stars wie Fred Astaire und Ginger Rogers, war eher Weiß die Leitfarbe.

    GF

    In dieser Ära hatten auch Pippo und Amelia ihre große Zeit. Nun sollen sie noch einmal zusammen auftreten, in einer gänzlich veränderten kulturellen Situation, in einer Fernsehsendung zu Weihnachten, die den Titel Ed ecco a Voi trägt („Und jetzt zu Ihnen“). In einem der letzten Filme von Federico Fellini: Ginger e Fred.

    Bei Fellini denkt man an die große Zeit des europäischen Nachkriegskinos, hier gibt er seine Abdankungserklärung. Sein Medium ist Giulietta Masina, die Gelsomina aus La Strada. Sie wird in Ginger e Fred zu einem Teilchen in diesem Riesenauflauf, den das Fernsehen – das neue Leitmedium – veranstaltet. Ed ecco a Voi ist so etwas wie ein Kuriositätenkabinett, eine Kuh mit (angeblich) 15 Zitzen soll auftreten, eine Frau namens Pietruzza Silvestri (die gegen Geld ein Monat auf den Fernseher verzichtet hat und davon gründlich geschafft ist), zwei Männer, die einen essbaren Slip erfunden haben, den Galane vom Hintern ihrer Geliebten wegschnabulieren können.

    Zwischen all den „Liliputanern, Transvestiten“ (Amelia) und „Amateuren, Dilettanten“ (Pippo), vor allem aber: zwischen all den Doubles (Doppelgänger von Franz Kafka bis Ronald Reagan) taucht auch ein viel geliebter Komiker auf: „il nostro Totò“ ist der einzige, mit dem Amelia und der später hinzukommende Pippo etwas anfangen können. Die beiden sollen noch einmal ihren Act zeigen, aber sie haben einander 30 Jahre nicht gesehen, und zwischen ihnen liegt auch sehr viel Unausgesprochenes, das sich aber beim besten Willen jetzt nicht mehr sagen lässt.

    Im nostalgischen Universum von Fellini ist Ginger e Fred so etwas wie der Umschwung in den infiniten Regress. Einen originären Anfang gab es weder für das Tip Tap noch für die Tanzkunst von Ginger und Fred, die ja von Beginn an ein Imitat war (oder eine Würdigung), und das gefräßige Fernsehen nimmt nun alles in sich auf, verdoppelt es, macht den Unterschied zwischen Original und Kopie hinfällig. „La luce non torna piu“, das Licht kommt nicht mehr, sagt Pippo während eines Stromausfalls. Aber das Licht kommt natürlich zurück. Es ist das grelle Licht, in dem der Glaube an eine Pasta gedeihen kann, die schlank macht. Ginger e Fred endet mit Reklame.

    Die Cinémathèque francaise zeigt Ginger e Fred heute um 21.30 aus Anlass der 100. Ausgabe der Filmzeitschrift Trafic. Um 19.00 gibt es zwei Filme von und mit Serge Daney.


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  • Seoul Cinema
    Eine digitale Postkarte von David Wagner

    3. Dezember 2016, Cargo

    KS

    Foto: David Wagner


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