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1978: Claudia Weill: Girl Friends (USA)
Es ist New York, es sind die Siebziger, es ist ein Debütfilm, es geht um Liebe und Freundschaft, Erfolg im Beruf und also darum, was man vom Leben so will. Man sind hier: Susan Weinblatt, Fotografin, und Anne, mit der sie erst zusammenwohnt, dann zieht Anne aber Hals über Kopf aus und heiratet Martin, wird Mutter und arbeitet weiter. Suse hat eine Beinahe-Affäre mit ihrem Rabbi, lernt Erik kennen und weiß nicht, ob sie mit ihm zusammenziehen will. Nichts Besonderes, aber großartig gespielt und erzählt. Sätze, die wiederkehren, Ellipsen, die so sanft sind wie Melanie Mayron als Susan sanft ist und die so bestimmt sind, wie Melanie Mayron als Susan dann doch ihren eigenen Kopf hat. Mit Eli Wallach, Bob Balaban, Christopher Guest faszinierend besetzt. Eine Zeitkapsel, sicher, aber ein Film, der kaum gealtert erscheint. Kein Wunder, dass Lena Dunham ein Fan ist - der jüngste Credit in der leider etwas versandenden Filmografie von Claudia Weill ist eine Folge von Girls. (75cp)
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1977: Flavio Mogherini: La ragazza da pigiama giallo (Italien)
Der alte Ray Milland und der junge Michele Placido, dazu singt, neben generischem Synthiegeplucker etwa zur ausgestellten nackten gesichtsverbrannten Formaldehydleiche, Amanda Lear ein an- und auszügliches Lied vom gelben Pyjama. Das alles vor Oper und Hafen in Sidney. In englischer Sprache, more or less; und in einer Plotstrangparallelaktion nicht ohne Originalität. Trotzdem. Ein angegilbter Krimi, der manche Extrarunde durch überflüssige Ermittlungsarbeit dreht, der zoomt, wie sich das für die Siebziger gehört und im Kleidungs- und Frisurstil die Achtziger schon mehr als nur ahnen lässt, sich dabei aber auf einen tatsächlichen Fall aus dem Australien der Dreißiger bezieht; der eine wirklich eklige Vergewaltigungsszene alles andere als auslässt und gerne noch zynischer wäre, als er ist. Flavio Mogherini hat als Ausstatter für Pasolini gearbeitet, als Regisseur hat er hier etwas ziemlich Drittklassiges mit allerdings immer mal wieder recht prägnanten Bildern und andersweltlichen Momenten fabriziert. (49cp)
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Pass mal auf
(Wer soll denn das bezahlen)Am Tag, als mich der Presseservice der Walt Disney Studios ungefragt darüber informiert, dass der notorisch unterbeschäftigte Bayerntorhüter Manuel Neuer im neuen Pixar Film Die Monster Uni als Synchronstimme für Frank McCay gezeichnet hat (Hintergrundinfo: «Manuel Neuer ist bekannt für seine disziplinierte Arbeitsmoral. Er arbeitet hart an sich und verdankt seine bodenständige Art seiner Kindheit im Ruhrgebiet. Manuel Neuer hatte das große Glück von vielen Menschen unterstützt zu werden. Seinen großen Erfolg nimmt er nicht selbstverständlich und will anderen helfen.») macht ein Video die Runde , in dem der soeben «freigestellte» Fußballgott Claus-Dieter – «Pele» – Wollitz nochmal deutlich macht, was eine Generation ohne Fußballakademiehintergrund, Medientraining, Privatstiftung und Facebook-Fanseite so zu sagen hat, wenn sie sich relativ ungefilmt und also außerhalb jener PR-Formatierung wähnt, die irreführenderweise immer noch gelegentlich Fernsehjournalismus genannt wird:
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1976: Aleksei German: Dvadtsat dney bez voyny (Sowjetunion)
Am Strand. Es ist Krieg. Fliegerangriff. Lopatin überlebt: Nochmal Glück gehabt, sagt sein Gesicht. Eine Zugfahrt nach Taschkent, weg von der Front. Zehn Minuten Monolog eines Mannes im Zug, fast ohne Schnitt, die Kamera haftet auf seinem Kopf, nimmt jene ruhige, kaum aber doch bewegte Haltung ein, die weite Teile des Films bestimmt. Nichts ist starr in Zwanzig Tage ohne Krieg, es bleibt eine ruhige Unruhe, eine unruhige Ruhe. In Taschkent rast ein Wagen heran und vorbei aus dem Off, ein plötzlicher Schrecken, damit beginnt eine Szene. Fast sieht man nichts im Dunklen manchmal. Die Kamera rahmt eng, aber nicht erstickend. Die Selbstthematisierung - es wird ein Film gedreht nach Lopatins Erinnerungen - ist fast überflüssig, weil Aleksei German seine Figuren, Szene für Szene, Dialog für Dialog, den ganzen Film immerzu schon dezentriert. Was den Film ausmacht, ist die Intimität, die er erzeugt, zwischen Menschen, im Dunkeln, und wie diese Intimität eine einzigartige Wucht hat. (90cp)
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Nostalgia
Ein neues Buch und eine Filmschau zu Terrence Malick
Die Filme von Terrence Malick werden zunehmend zu Diskursen in einem schwer verständlichen Vokabular. Die beiden Wiener Filmpublizisten Dominik Kamalzadeh und Michael Pekler haben sich davon nicht beirren lassen, und legen ein Buch über den amerikanischen Regisseur vor, in dem sie auch den vielen philosophischen Motiven Malicks und seiner Deuter nachgehen. "Nostalgie erschien uns für das Werk Malicks ein (...) zentraler Begriff zu sein (...). Gemeint ist er nicht in seiner negativen Konnotierung als Fixierung auf uneinholbare Vergangenheiten. Die Filme sind vielmehr von einem Heimweh geprägt, ohne dabei ein Heim anzubieten. Die menschliche Sehnsucht nach Transzendenz trägt romantische Züge. Das Streben nach einem Ort außerhalb der Historie, nach Unendlichkeit oder Unermesslichkeit, wird bei Malick nicht eingelöst, aber es kommt in seinen Arbeiten auf eigensinnige Weise zum Tragen."
Dominik Kamalzadeh, Michael Pekler: Terrence Malick, Schüren 2013
Präsentation heute, 12. Mai 2013, 19.30 im Arsenal. Es läuft Badlands, Dominik Kamalzadeh ist zu Gast
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1975: Ousmane Sembene: Xala (Senegal)
Die Franzosen sind weg - oder jedenfalls nicht mehr offiziell an der Macht -, aber korrupt können die Senegalesen auch selber. Exemplarisch führt Ousmane Sembene das vor an Herrn Hadji, der sich vom Koffer voll Geld, das er bei der Regierungsübernahme bekommt, eine dritte Frau kauft. Die erste, die über die zweite schon alles andere als glücklich war, freut sich darüber so wenig wie die zweite, die sich mit der ersten darüber verbündet. Jazz spielt bei der Hochzeit. Bettler und Krüppel werden vertrieben und an den Stadtrand gekarrt. Das rächt sich: Man hext Herrn Hadji einen Fluch (auf Wolof: Xala) an den Schwanz und prompt kriegt er diesen in der Hochzeitsnacht nicht hoch. Eine relaxte und wenig komplexe, aber bittere Satire, die das Tempo niemals anzieht, viel Atmosphäre zu Jazzmusik und Straßeneindrücke in Dakar mitnimmt, Nationaldiskurse um Sprache und Postkoloniales eher nebenbei unterbringt und am Ende Herrn Hadji stellvertretend bespuckt. Dass seine Opferung im größen politischen Ganzen viel ausmacht, daran glaubt der Film freilich nicht. (60cp)
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Murmel Murmel
The Real Eighties (1): All the Marbles (Robert Aldrich, 1981)
Ein Bericht in der Fachzeitschrift Wrestling World teilt All the Marbles von Robert Aldrich mehr oder weniger genau in zwei Hälften. Es handelt sich um ein "write up" oder auch um einen "spread" (wodurch gewisse Parallelen zu den Centerfolds im Playboy mitgedacht werden können, auch wenn in diesem Fall die genau angegebene Seitenzahl 87/88 für eine Platzierung weiter hinten im Blatt spricht). Gegenstand des Berichts sind die California Dolls, zwei bis zu diesem Zeitpunkt nicht sonderlich erfolgreiche Wrestlerinnen, die mit ihrem Manager Harry Sears (Peter Falk) das spätschwerindustrielle Amerika befahren. Iris und Molly kämpfen gegen die afroamerikanischen Toledo Tigers oder andere "tag teams", zwischendurch müssen sie sich auch so weit erniedrigen, im Schlamm zu kämpfen (beim "mud wrestling" werden, weil es eh schon egal ist, die Bodysuits in Fetzen gerissen).
Die Beziehung der Frauen zu ihrem Manager ist kompliziert, beide haben wohl einmal etwas mit ihm gehabt, die starke, aber auch verletzliche Iris liebt ihn vielleicht immer noch, muss aber hinnehmen, dass er sich zwischendurch in einem Motel mit einer Blondine vergnügt, der er irgendetwas von Robert Redford vorgaukelt. Molly ist drogenabhängig. Beide sind sich darüber einig, dass Harry "a lousy human being" (und an anderer Stelle auch "a lousy lover" und mehr ist), aber sie kommen ohne ihn nicht weiter.
Aldrich filmt die drei häufig aus der Ferne, in einem Auto, das an Hochöfen und gigantischen Werkanlagen vorbeifährt, während wir Harry von Pagliacci reden hören, dessen Musik er im Auto gern spielt und der auch ein fahrender Entertainer war, jedenfalls für ihn. Nach der Schlammschlacht erreicht die Geschichte ihren Tiefpunkt: "I hate your guts, Harry. You turned me into a freak", sagt Iris.
Dann schlägt sie das Magazin auf, und All the Marbles nimmt eben diese Wendung. Die California Dolls treten nun nicht mehr in The House That Rubber Built auf (einem Vergnügungsort, gesponsert von Goodyear, dem Reifen- oder Gummigiganten), sondern werden nach Reno engagiert, "the biggest small town in America", für die Frauen zugleich "the end of the rainbow", also ein märchenhaftes Ziel. Hier kommt es zu einem großen Kampf gegen die Toledo Tigers, und Harry kann sich als cleverer Inszenierer seiner Stars beweisen.
Aldrichs Spätwerk enthält einige großartige Dialoge ("I didn't know you were bilingual", sagt Harry zu Iris, nachdem diese einem fiesen Typen ihren Unterarm gezeigt hat; "What do you think of me in a wet t-shirt?", fragt eine sehr virile Wrestlerin den Impresario Eddie Cisco, der erwidert: "I'm working on it"), viel pittoreskes Working Class America in Metrocolor, und eine an manchen Stellen dann doch genuin melodramatische Andeutung in der Beziehung der beiden Frauen zueinander und zu ihrem "lausigen" Ausbeuter und Beschützer.
All the Marbles läuft im Rahmen der von The Canine Condition kuratierten Schau The Real Eighties heute, 08. Mai 2013, um 21.00 im Österreichischen Filmmuseum; Nikolaus Perneczky und Lukas Foerster geben eine Einführung; am Donnerstag gibt es um 17.00 ein Gespräch der beiden mit Alexander Horwath unter dem Titel "Die Kinder der 80er Jahre"
All the Marbles ist bei Warner Archive als codefreie DVD erschienen
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1974: Shuji Terayama: Den-en ni shisu (Japan)
Autobiografie als Frage des Rahmens. Der erste Rahmen: Historienfilm mit Schminkgesichtern und wild durcheinander gehenden Farbkonzepten; der Zirkus mit der Pumpfrau immer kaleidoskopisch bunt; Rückblenden im Sepiaton; rot auch einmal der Himmel. In Schwarz-Weiß sprengt der Regisseur als Autobiograf diesen Rahmen, oder verschiebt ihn, und wandert fortan durch den eigenen Film, durch seine eigene Vergangenheit, führt Gespräche mit seinem zwanzig Jahre jüngeren Selbst. Erinnerungen werden vorher wie nachher angeschwemmt, verdichten sich zu installativen Bildern: die Uhren und die Frau, mit der der Junge in der Fantasie flieht und in der wirklicheren Fantasie taucht sie nicht auf. Konkretere Rahmen werden gesetzt: Häuser oder jedenfalls Balken. Das in ein dargestelltes Außen gestülpte Innen, die Schachpartie zwischen dem doppelten Ich vor surrealer Friseurszenerie - variiert im fantastischen Schlussbild, das den Rahmen dann ganz weit aufzieht: hinter Kulissen die Stadt. Halb freiwillig, halb unfreiwillig ist Pastoral Hide and Seek aber auch eine Meditation über die Unfähigkeit, die Kontrolle über die eigenen Bilder zu verlieren. (72cp)
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Kapitalism
Rumänische Formel: Ein Film von Alexandru Solomon
Zur Vorbereitung auf den Filmstart von Calin Peter Netzers Pozitia Copilului (Child's Pose) könnte man sich den Dokumentarfilm Kapitalism - Our Improved Formula ansehen, den das Tschechische Zentrum in Berlin in einer einmaligen Vorführung zeigt. Alexandru Solomon versucht hier ein Porträt der postkommunistischen Elite in Rumänien. Da eine detaillierte, investigative Durchdringung der Bereicherungen und Transaktionen nach dem Sturz des Ceausescu-Regimes sein Projekt überfordern würde, hat dieser Film seine Verdienste auf einer anderen Ebene. Solomon ist es gelungen, einige der wichtigsten Vertreter der aktuellen Wirtschaftselite vor die Kamera zu bekommen, darunter auch den sehr umstrittenen Dan Voiculescu (Bild), und eine ganze Reihe anderer "Bosse", die hier vor allem interessante Einblicke in ihre Lebenswelten gewähren. Die Kontinuitäten zwischen der geheimdienstlichen Außenhandelstätigkeit im Kommunismus und den profitablen Geschäften nach 1989 sind kein Geheimnis, sie werden hier eher habituell anschaulich, und wenn schließlich eine kasachische Delegation anreist, um den einst staatlichen, nun auf Vordermann gebrachten Ölkonzern Rompetrol zu kaufen, dann wird etwas von der Rohstoffoligarchie erkennbar, die den Planeten mit ganz neuen Zusammenhängen der Ausbeutung überzieht.
Auf der Webseite von Alexandru Solomon finden sich Links zu einigen seiner früheren Filme








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