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  •   18. April 2015  

Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 25
vom 19. März 2015

CARGO 25 Cover, CARGO 24 Cover,

Container

  • From Hell
    Filmhinweis für Wien: «Valhalla Rising» von Nicolas Winding Refn

    5. April 2015, Bert Rebhandl in: Aktueller Film

    Also, was man von den Christen so hört, unappetitlich ist das. „They eat their own god, his flesh, bis blood“, sagt einer der Heiden in Nicolas Winding Refns Valhalla Rising. Dass da eine Information ein wenig verkürzt bei ihm angekommen ist, rituelle Sprache abzüglich der dazugehörigen Sakramententheologie, kann er ja nicht wissen. Es ist tiefes Mittelalter, zum Verifizieren müsste man weit reisen, und eben dies macht eine kleine, wilde Horde dann auch: nach Jerusalem.

    VR

     

    In ihrer Mitte ein stummer Berserker „from Hell“: Sie nennen ihn „Einauge“, weil sein anderes hinter zusammengewachsenen Lidern verborgen bleibt. Einauge ist Beute, Gladiator, Geisel, aber die Kette um den Hals wirkt eher dekorativ, als dass sie ihn als Opfer erscheinen ließe. Immer mehr wird er zum spirituellen Führer auf einer Expedition, deren Ziel Winding Refn in schöner, von Lars von Trier abgeschauter Überschriftenklarheit nicht verhehlt: Kapitel V - HÖLLE.

    Es ist aber nicht das letzte, danach kommt noch OPFER. Vermutlich könnte man die Kapitel auch anders anordnen, zumal es erzählerisch ja ein wenig den Anschein hat, es ginge um eine heidnische Überbietung des Christus-Opfers, also um einen Gott, der sich nicht essbar macht, sondern sich als ein negative Identifikationsfigur anbietet, hinter deren Grausamkeit man sich geisterabwehrend verschanzen kann. Da kommt es dann nicht so genau darauf an, in welcher Reihenfolge Köpfe abgeschlagen werden, und die denkbare Auferstehung dessen „from hell“ läuft eher auf eine ewige Wiederkehr des gleichen stummen Kriegers hinaus.

    Der Loop ist Fluchtpunkt eines Films, der seine besten Szenen dort hat, wo das Paradies zur Hölle wird. Nach einer unheilschwangeren Bootsfahrt (Aguirre und Apocalypse Now lassen grüßen) gibt es endlich Süßwasser, Grünzeug, romantische Landschaft. Doch diese ist leer, nichts zu beißen, und dann implodiert der Sinn für eine Weile so gründlich, dass der Epilog (Mel Gibson könnte von Winding Refn ein wenig Reduktion lernen) schon fast wie ein Satyrspiel zum großen Bedeutungsexorzismus wirkt, der hier betrieben wird. In Sachen Mythenkino ist Valhalla Rising ohne Vergleich, denn Winding Refn zielt auf einen schwarzen Monolithen - das Ende aller Anschlussfähigkeit. Faszinierend.

    Das Österreichische Filmmuseum zeigt Valhalla Rising am Montag um 21.00 im Rahmen der Reihe Schengener Schrecken: Euro-Horror heute


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  • Zeitreise
    Filmhinweis für Berlin: «Clueless» im Zeughauskino

    4. April 2015, Bert Rebhandl in: Hollywood US-Komödie

    „Ooh! Project!“ Ein neues Mädchen in der Klasse, noch dazu ein unbedarftes, das dringend der „Überarbeitung“ (make-over) bedarf - das ist oberflächlich besehen die Geschichte von Clueless, mit dem man schon nach 20 Jahren eine großartige Zeitreise in eine Vorgegenwart machen kann, in der Mark Wahlberg noch Marky Mark war. Tai Frasier, „adorably clueless“, wird von den wesentlich versierteren Freundinnen Cher und Dionne (beide benannt nach „singers who now do infomercials“) in die Geheimnisse eines Lebens eingeführt, wie es eine „ditz with a credit card“ führen könnte.

    Dabei stellt sich allerdings heraus, dass Cher (Alicia Silverstone) selber keinen Tau hat, denn sie bemerkt erst sehr spät, dass sie ihren Nietzsche lesenden, „complaint rock“ hörenden, im Fernsehen immer zu den Nachrichten schaltenden Halbbruder Josh liebt. Der wird von Paul Rudd gespielt. Bei wem wäre eine blonde 16-Jährige, die „hymenally challenged“ ist (sprich: Jungfrau), besser aufgehoben?

    Die politisch korrekte Sprache der 90er Jahre (ein „fashion victim“ ist in dieser komplementären Terminologie also „ensembly challenged“) wird in Clueless mit dem respektlosen Slang kombiniert, mit dem Teenager den Ernst ihrer Situation herunterspielen: „babe draught“, „granola breath“, „way existential“. Es gibt viele mögliche Lieblingsszenen, zum Beispiel das Filmdate, zu dem Cher die Preisgabe ihrer Jungfräulichkeit eingeplant hat. Es läuft Spartacus („Sporadicus“), eine Szene mit Tony Curtis, die so grotesk weit von der Lebenswirklichkeit dieser Beverly Hills Crew entfernt ist (Urchristentum! Cinemascope!), dass es eigentlich nicht erstaunen kann, dass sie die homosexuellen Zwischentöne nicht mitkriegt.

    Mein Lieblingsdetail in Clueless ist aber eine Rollenbesetzung: Wallace Shawn spielt den Lehrer Mr. Wendell Hall, der auch Objekt einer der Machenschaften der Mädchen wird (es geht darum, ihn „sublimely happy“ zu machen, was auch gelingt, dann aber schon nur noch Nebensache ist). 1991 war in einem frühen Lettre seine Erzählung Das Fieber erschienen, ein Text, der mich sehr beschäftigt hat. Dass so jemand in einer Mainstreamkomödie eine gut integrierte Rolle haben kann, der an anderer Stelle ein literarisches Ich in ein solches Reflexionsfieber stürzen ließ, das kriege ich eigentlich erst jetzt so richtig zusammen, wo ich für Clueless schon viel zu alt bin, ihn mir also eigentlich nur noch aus der Position von Mr. Hall anschauen kann. As IF!

    Clueless wird am Sonntag um 19.00 im Zeughauskino im Rahmen der Reihe Cinema of Outsiders: Part II gezeigt


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  • CARGO #25

    19. März 2015, Cargo

     

    * Im Gespräch: Alfred Guzzetti

    * Michael Glawogger: «69 Hotelzmmer» + Fotoserie

    * Werkporträts: J. C. Chandor // Gordon Willis // René Vautier // Werner Hochbaum 

    * Texte zu: Blow-Up im C/O Berlin // Stand-up in New York // Iain Sinclair // Didier Eribon & Édouard Louis // Gilberto Perez ++ Was von der Berlinale bleibt

     

    Aboprämie: Dominik Graf: «Die geliebten Schwestern» (DVD)


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  • Schocktherapie
    Filmhinweis für Berlin: «Wenn es blendet, öffne die Augen» von Ivette Löcker

    7. März 2015, Bert Rebhandl in: Dokumentarfilm

    Damals hatte ich noch meine Zähne, sagt Ljoscha. Heute hat er schwarze Löcher in den Beinen. Das hat die Freiheit mit ihm gemacht. Ljoscha steht im Mittelpunkt von Ivette Löckers Dokumentarfilm Wenn es blendet, öffne die Augen, gemeinsam mit Schanna, seiner Freundin, und mit der Mutter von Ljoscha, in deren kleiner Wohnung in St. Petersburg sie die meiste Zeit sind. Ljoscha und Schanna sind drogensüchtig, seit zwanzig Jahren schon. Als sie jung waren, kam die Freiheit, und mit der Freiheit kamen die Drogen. Jemand entschloss sich, mit den Drogen Geschäfte zu machen, die Geschäfte haben das Leben von Ljoscha und Schanna ruiniert. Sie sind beide HIV-positiv, und nehmen tägllich Methadon. Ich war seit zehn Jahren nicht high, sagt Schanna, von der es einmal ein Foto aus der Jugendzeit zu sehen gibt. Man kann sich vorstellen, wie unvorbereitet sie gewesen sein muss auf  alles: auf den Kapitalismus, auf das Heroin, auf die Liebe.

    WB

     

    Mit der ersten Einstellung, einer Hochhausfassade, zu der Stimmen aus dem Off zu hören sind, lässt Ivette Löcker erkennen, dass sie ihrem intimen Film durchaus repräsentativen Charakter beimisst: Es geht um Transformationsschicksale, um einen Übergang, auf dessen Wucht einen niemand vorbereiten konnte, um konkretes Erleben der „Schocktherapie“, mit der die Freiheit in der ehemaligen Sowjetunion in den frühen 90er Jahren verabreicht wurde. Die Mutter ist Straßenbahnschaffnerin, einer dieser Berufe, die es nur noch in den Nachfolgeländern des Sozialismus gibt, überall sonst ist diese Arbeit längst automatisiert.

    Ljoscha arbeitet in der Betreuung von anderen Drogensüchtigen, aber sein wichtigster „Fall“ ist seine Lebensgefährtin, die das Haus kaum verlässt, die den ganzen Tag gierig an Zigaretten zieht, und einmal sind die beiden zu sehen, wie sie sich Methadon spritzen, und im Gesichtsausdruck von Ljoscha ist danach eine Ahnung dessen zu erkennen, was ein High sein könnte. Er ist nicht high, aber zumindest lässt für einen Moment die Spannung nach, das Leben „mit doppelter Geschwindigkeit“ (wegen der durch Aids reduzierten Lebenserwartung) macht für einen Moment Pause.

    Vieles bleibt angedeutet, die wirklich harten Jahre, in denen Schanna auch anschaffen ging, werden nicht breitgetreten, da muss dann eben die beiläufige Information reichen, dass Ljoscha keine Zähne mehr hat.

    „Ich muss in die Bratpfanne“, sagt Schanna an einer Stelle, sie meint damit, dass sie keine Chance sieht, in den Himmel zu kommen. So bleibt als Frage aus diesen bewegenden Film auch die nach der Gesellschaft, die der Kommunismus in der Sowjetunion war, und nach der Gesellschaft, die daraus hervorgegangen ist. Ljoscha und Schanna gehören weder zur einen noch zu anderen, so macht es jedenfalls den Eindruck, sondern sie wurden in den Übergang gestürzt wie in einen Abgrund, und Ivette Löcker hat sie nun in einem Moment getroffen, in dem sie wieder ein wenig Boden unter den Füßen gefunden haben. Zu spät ist trotzdem schon fast alles. Ljoscha ist 37 Jahre alt.

     

    Wenn es blendet, öffne die Augen wird am 10.3. um 20.00 im Arsenal gezeigt (in Anwesenheit von Ivette Löcker), und läuft danach vom 12. bis 18.3 im Kino Krokodil

     

    Simon Rothöhlers Text zu Nachtschichten von Ivette Löcker ist hier


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  • Berlinale 2015

    6. Februar 2015, Cargo in: Berlinale 2015

    * Unsere Kurznachrichten von der Berlinale finden sich seit gestern hier.


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  • Zeuge der Anklage
    «Fritz Bauer - Tod auf Raten» (2010) von Ilona Ziok im Lichtblickkino

    1. Februar 2015, Bert Rebhandl in: Dokumentarfilm Geschichte

    Fritz Bauer (1903 - 1968) war so etwas wie die Leitfigur des deutschen Kinojahrs 2014. Es gab einen für meine Begriffe herausragenden Film, der ihm gewidmet ist: Phoenix von Christian Petzold. Und es gab einen für meine Begriffe naiven, alles auf die falsche Seite drehenden Film, in dem Gert Voss den Generalstaatsanwalt spielte, der die Auschwitz-Prozesse initiierte: In Im Labyrinth des Schweigens musste es allerdings unbedingt ein blonder Jüngling sein (Goethe, wenn er denn mit der Juristerei weitergemacht hätte!), von dem die eigentliche Bewegung ausgeht.

    FB

     

    Nun läuft der Dokumentarfilm Fritz Bauer - Tod auf Raten (2010) von Ilona Ziok wieder für ein paar Tage in einem Berliner Kino. Er gibt Gelegenheit, sich ein Bild von diesem Mann zu machen, der zwischendurch einmal als „der größte lebende Zeuge für ein besseres Deutschland“ bezeichnet wird. Im Untertitel steckt eine Suggestion: Tod auf Raten, das heißt, dass Bauer am Ende vielleicht doch noch dem System zum Opfer fiel, dem er 1936 durch Emigration nach Dänemark entkam.

    1949 kam er nach Deutschland zurück, er wurde Landgerichtsdirektor in Braunschweig. Den Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes) ließ er deutlich sichtbar an die Außenwand anbringen, erstaunlicherweise gab es dagegen Widerstände. In Braunschweig war er 1952 Ankläger in einem Prozess, der zur Rehabilitierung der Widerstandskämpfer führte, und zu der Definition des nationalsozialistischen Systems als „Unrechtsstaat“. Eichmanns späterem Satz „Auch die Untergebenen sind jetzt Opfer“ war damit die prinzipielle Grundlage entzogen.

    Ilona Ziok lässt zahlreiche Zeitzeugen zu Wort kommen (darunter auch Thomas Harlan), mit Archivmaterial von Fritz Bauer geht sie eher sparsam um (hauptsächlich ein Kellerclub im HR von 1964, interessant auch als historisches Zeugnis damaliger Talk-Formate), die zuletzt wieder kontrovers diskutierte Frage nach Bauers jüdischem Selbstverständnis kommt gar nicht vor, es sei denn, man erachtet eine Anekdote aus der Kindheit dafür als ausreichend. Der sechsjährige Junge wendet sich an seine Mutter mit der Frage: „Was ist eigentlich Gott?“ Die Mutter kann das nicht beantworten, und gibt einen praktischen Ratschlag: In allen Fällen gilt der Satz „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

    Mit dem sogenannten Dreher-Gesetz wurde 1968 die Verjährungsfrist für NS-Verbrechen neu festgesetzt, eine Strafverfolgung war nun in den allermeisten Fällen nicht mehr möglich. „Bauer stirbt zwei Monate später“, sagt Thomas Harlan mit eindeutiger Implikation. Ilona Ziok will danach zumindest nicht auf symbolischen Trost verzichten, und lässt zum Abspann „I did it my way“ laufen. Sie hätte besser den Wunsch von Fritz Bauer nachklingen lassen: „Wenn doch endlich einmal ein menschliches Wort fiele.“ Dass es nicht fiel, hat mit einer Nachkriegsgesellschaft zu tun, die Ilona Ziok eher schematisch in den Blick bekommt, weil ihr in erster Linie an der Isolierung und Heroisierung Bauers liegt.

    Ich werde mir deswegen als nächstes die Gespräche, Interviews und Reden ansehen, die das Fritz Bauer Institut auf 2 DVDs herausgebracht hat.

    Fritz Bauer - Tod auf Raten, Lichtblickkino Berlin, Sonntag 1.2.2015 um 18 Uhr in Anwesenheit von Ilona Ziok


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  • Ausgleichsbilder
    «Die Feuerprobe» (1988) von Erwin Leiser im Arsenal Berlin zum Auftakt der Reihe «Asynchron»

    27. Januar 2015, Bert Rebhandl in: Dokumentarfilm Geschichte

    „Nur Täter können es sich leisten, zu vergessen.“ Diesen Satz stellte Erwin Leiser 1988 seinem Film Die Feuerprobe - Novemberpogrom 1938 voran. Ein Versuch, die Ereignisse vom November 1938 in Erinnerung zu rufen, von denen es kaum Filmbilder gibt, von denen Leiser aber ohnehin sparsamen Gebrauch gemacht hätte, denn er war sich der Problematik bewusst, die mit deren Verwendung in dokumentarischen Zusammenhängen einhergeht. Er hat einige Zeitzeugen befragt, ein gewichtiger ist er selber, er war im Jahr 1938 15 Jahre alt, und wurde nach der Pogromnacht außer Landes gebracht. In Schweden begann er ein „neues Leben“, das es ihm ermöglichte, nach dem Krieg zu einem der ersten und wichtigsten filmischen Chronisten der NS-Herrschaft zu werden (Mein Kampf, 1960).

    Die Feuerprobe ist einer seiner weniger geläufigen Filme, dabei überzeugt er gerade durch die Einordnung des Geschehens in die Entwicklung der zwölf Jahre von 1933 bis 1945. „Wenn Juden nicht zu Schaden gekommen sind, dann hat man sie einfach vergessen“, wird aus einem Dokument der NS-Bürokratie zitiert, ein Satz, in dem der Begriff „Endlösung“ schon angelegt ist. Leiser beginnt mit einer Aufnahme von sich selbst, er ist der Anchorman dieses Films, in dem nicht nur die Novembernacht in Testimonials zur Sprache kommt (besonders bewegend die Erzählung einer Frau, die einen Juwelier aus der Rosenthaler Straße in Berlin kannte, der sich in ihrem Keller verstecken wollte, und sich wenig später aus Angst und Resignation das Leben nahm, dabei hätten sie ihn doch auf jeden Fall geschützt: „der Keller hielt stand“, sagt sie, auf die Verwüstungen Bezug nehmend, die die Nazis bis 1945 über Berlin brachten), sondern konsequenterweise schließlich auch Auschwitz.

    FP

     

    An den wenigen Stellen, an denen Leiser die damals Mächtigen zeigt, greift er auch ein: Hitler und Goebbels zeigt er wohl bei markanten Reden, aber er hält dabei das Bild an, lässt die Redner mitten in der Geste erstarren, sie wirken plötzlich grotesk, ein ambivalenter Effekt, denn er hat eher etwas von Geisterabwehr, von Rache am überlieferten Bild hat ja niemand etwas. Dass eine solche Geisterabwehr nötig ist, deutet Leiser mit einer Frau namens Ursula Wölffer an, die er als Unbelehrbare zu Wort kommen lässt, die einen biederen Revisionismus vertritt: „Ich finde, dass Hitler auch viel Gutes getan hat“, sagt sie, bevor sie darüber zu klagen beginnt, dass Juden inzwischen wieder nach Deutschland kommen, und dass mit den „Ausgleichsgeldern“ immer noch nicht Schluss ist, dabei „braucht Deutschland das Geld doch selber“. Leiser baut also die Kontinuitäten des Ressentiments in seinen Film ein, das Unbegriffene an einem Rassismus, der auf diese Weise nach oben delegiert werden kann: „Ich weiß auch nicht, warum Hitler die Juden so furchtbar gehasst hat.“ Furchtbar, das stimmt.

    Die Feuerprobe - Novemberpogrom 1938 heute, 27. Januar 2015, um 19.30 im Arsenal Berlin zur Eröffnung der Reihe Asychnron. Dokumentar- und Experimentalfilme zum Holocaust. Mit Einführungen von Ulrich und Erika Gregor sowie Gertrud Koch

    Die Filme von Erwin Leiser sind bei Absolut Medien in einer 3 DVD-Box erschienen


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  • Städtebewohner

    21. Januar 2015, Cargo in: Thomas Heise

     

    Heute Abend stellt Thomas Heise in der Akademie der Künste seinen neuen Film Städtebwohner vor. Anschließend Filmgespräch und Buchvorstellung von Über Thomas Heise (Vorwerk 8, 2014 – unsere aktuelle Aboprämie, by the way) sowie der filmbegleitenden Publikation Städtebewohner. Moderation: Matthias Dell. Und hier noch ein taz-Text von Lukas Foerster zur Veranstaltung.


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  • Der Klavierstimmer
    Filmhinweis für Wien: «Il generale Della Rovere» (1959) von Roberto Rossellini

    15. Januar 2015, Bert Rebhandl in: Filmgeschichte

    Als Rossellini 1959 in ziemlicher Eile Il generale Della Rovere drehte, wollte er sich in einem kommerziellen Kino wieder etablieren, für das er eigentlich nichts mehr übrig hatte. Er wurde auch tatsächlich rechtzeitig fertig, um an den Filmfestspielen von Venedig teilnehmen zu können, wo er den Goldenen Löwen gewann. Es war das Jahr, in dem in Cannes Les 400 coups und Hiroshima mon Amour die Nouvelle Vague etabliert hatten. Rossellini schloss hingegen noch einmal an den Neorealismus an, die Bezüge zu Rom, offene Stadt sind deutlich.

    In Wien läuft Il generale Della Rovere im Rahmen einer Werkschau zu Vittorio De Sica, der hier eine seiner großen Schauspielrollen hat, wenn nicht die wichtigste überhaupt. Die Spannung des Films hat mit dieser doppelten Zweideutigkeit zu tun: dass nie richtig klar wird, was für ein Mensch dieser Hochstapler Bardone eigentlich ist, der sich anfangs in Genua als Colonello Grimaldi ausgibt, und der später als vorgeblicher General Della Rovere in ein Gefängnis gebracht wird, in das auch der Führer des Widerstands gegen die deutschen Besatzer kommt. Er muss identifiziert werden, und dazu soll das Rollenspiel mit dem in Wahrheit schon erschossenen Della Rovere (Codename: der Klavierstimmer) dienen.

     

    Die ganze erste Hälfte des Films hindurch scheint klar, was für einer dieser Grimaldi ist: ein schäbiger Typ, dessen Wirkung auf die Frauen nachzulassen beginnt, jedenfalls kann er seiner Geliebten keinen weiteren Schmuck entlocken, den er verpfänden könnte, um Schulden zu begleichen, die er bei einem deutschen Offizier hat. Sie gibt ihm stattdessen eine falschen orientalischen Saphir, den er dann überall loszukriegen versucht. Als er einmal in die Wohnung kommt, findet er auf dem Tisch ein Paket vor, das er öffnet, nur um enttäuscht den Inhalt hervorzuholen: Schon wieder Salami! Die Hartwurst ist die letzte Währung, die Italiener gegenüber den Deutschen für ihre politischen Gefangenen aufbieten können. Grimaldi ist einer der Mittelsmänner, er trägt Geld und Güter hin und her, dazwischen verspielt er das Meiste, dann muss er erst recht improvisieren.

    Rossellini, der auf Grundlage einer Erzählung von Indro Montanelli und eines Drehbuchs von Sergio Amidei arbeitete, lässt offen, wie dieser Mann aus Neapel nach Genua kam. Das schlechte Licht, in dem er von Beginn an steht (er bezichtigt sich auch selber), ist in gewisser Weise trügerisch, oder jedenfalls ist gar nicht so klar, wie es sich mehr oder weniger von selber verstehen würde, dass Grimaldi in eigenem Interesse verängstigte und besorgte Angehörige übervorteilt und sich dabei mit den Deutschen eine gute Zeit macht. Die Uneindeutigkeit dieser Figur, die sich vielleicht einfach in ihren Transaktionen rettungslos verstrickt hat, ist faszinierend, und sie wird noch interessanter dadurch, wie De Sica das spielt, ein stattlicher, älterer Herr, der aber durch und durch verstört wirkt („Che faccio?!“), und zugleich eher leutselig als opportunistisch. Eine dieser letztlich arglosen Figuren, die Rossellini so liebte.

    Dem steht eine nicht minder eigentümliche deutsche Figur gegenüber, der Obersturmbannführer Müller (Hannes Messemer), der auffällig sympathisch wirkt, in einem Krieg, der als „necessario perché giusto“ zu akzeptieren ist (die Untertitel der Criterion-DVD haben da einen markanten Fehler, weil sie die Reihenfolge umdrehen, was den Sinn vollkommen entstellt). Von der ersten Begegnung zwischen Grimaldi und Müller an ist da etwas, was die Notwendigkeiten des Krieges transzendiert, ohne dass diesen zu entkommen ist.

     Il generale Della Rovere war eine Studioproduktion, allerdings eine bescheidene. Viele Szenen aus der Zeit der Bombardements sind mit Rückprojektion gedreht, insgesamt hat der Film eine Anmutung von Low Budget, sodass er eigentlich der Mythologie des Neorealismus durchaus entspricht, wenngleich er das Kriterium des „on location“ nicht erfüllt. Während Rom, offene Stadt die Befreiung erzählerisch fast noch mitvollzog, geht es hier schon um Vergangenheitsbewältigung: der heroische Widerstand war von der Kollaboration nicht so klar zu unterscheiden, wie es die offizielle Geschichtsschreibung gern gehabt hätte (mit „abiezione e eroismo“ benannte Alberto Moravia in seiner Kritik für den Espresso die beiden Pole). Die zwiespältige Figur des General Della Rovere, zu dem Bardone/Grimaldi schließlich tatsächlich wird, öffnet den Raum für eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die für Rossellini auch eine mit seinem eigenen Schlüsselwerk war, dem er hier ein weiteres hinzufügte.

    Il generale Della Rovere, 15. und 28. Januar jeweils 20.15 im Rahmen der Retrospektive zu Vittorio De Sica im Österreichischen Filmmuseum Wien


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  • Was von 2014 bleibt

    30. Dezember 2014, Cargo

     

    Im Webmagazin


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