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  •   28. Januar 2015  

Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 24
vom 18. Dezember 2014

CARGO 24 Cover, CARGO 23 Cover,

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    «Die Feuerprobe» (1988) von Erwin Leiser im Arsenal Berlin zum Auftakt der Reihe «Asynchron»

    27. Januar 2015, Bert Rebhandl in: Dokumentarfilm Geschichte

    „Nur Täter können es sich leisten, zu vergessen.“ Diesen Satz stellte Erwin Leiser 1988 seinem Film Die Feuerprobe - Novemberpogrom 1938 voran. Ein Versuch, die Ereignisse vom November 1938 in Erinnerung zu rufen, von denen es kaum Filmbilder gibt, von denen Leiser aber ohnehin sparsamen Gebrauch gemacht hätte, denn er war sich der Problematik bewusst, die mit deren Verwendung in dokumentarischen Zusammenhängen einhergeht. Er hat einige Zeitzeugen befragt, ein gewichtiger ist er selber, er war im Jahr 1938 15 Jahre alt, und wurde nach der Pogromnacht außer Landes gebracht. In Schweden begann er ein „neues Leben“, das es ihm ermöglichte, nach dem Krieg zu einem der ersten und wichtigsten filmischen Chronisten der NS-Herrschaft zu werden (Mein Kampf, 1960).

    Die Feuerprobe ist einer seiner weniger geläufigen Filme, dabei überzeugt er gerade durch die Einordnung des Geschehens in die Entwicklung der zwölf Jahre von 1933 bis 1945. „Wenn Juden nicht zu Schaden gekommen sind, dann hat man sie einfach vergessen“, wird aus einem Dokument der NS-Bürokratie zitiert, ein Satz, in dem der Begriff „Endlösung“ schon angelegt ist. Leiser beginnt mit einer Aufnahme von sich selbst, er ist der Anchorman dieses Films, in dem nicht nur die Novembernacht in Testimonials zur Sprache kommt (besonders bewegend die Erzählung einer Frau, die einen Juwelier aus der Rosenthaler Straße in Berlin kannte, der sich in ihrem Keller verstecken wollte, und sich wenig später aus Angst und Resignation das Leben nahm, dabei hätten sie ihn doch auf jeden Fall geschützt: „der Keller hielt stand“, sagt sie, auf die Verwüstungen Bezug nehmend, die die Nazis bis 1945 über Berlin brachten), sondern konsequenterweise schließlich auch Auschwitz.

    FP

     

    An den wenigen Stellen, an denen Leiser die damals Mächtigen zeigt, greift er auch ein: Hitler und Goebbels zeigt er wohl bei markanten Reden, aber er hält dabei das Bild an, lässt die Redner mitten in der Geste erstarren, sie wirken plötzlich grotesk, ein ambivalenter Effekt, denn er hat eher etwas von Geisterabwehr, von Rache am überlieferten Bild hat ja niemand etwas. Dass eine solche Geisterabwehr nötig ist, deutet Leiser mit einer Frau namens Ursula Wölffer an, die er als Unbelehrbare zu Wort kommen lässt, die einen biederen Revisionismus vertritt: „Ich finde, dass Hitler auch viel Gutes getan hat“, sagt sie, bevor sie darüber zu klagen beginnt, dass Juden inzwischen wieder nach Deutschland kommen, und dass mit den „Ausgleichsgeldern“ immer noch nicht Schluss ist, dabei „braucht Deutschland das Geld doch selber“. Leiser baut also die Kontinuitäten des Ressentiments in seinen Film ein, das Unbegriffene an einem Rassismus, der auf diese Weise nach oben delegiert werden kann: „Ich weiß auch nicht, warum Hitler die Juden so furchtbar gehasst hat.“ Furchtbar, das stimmt.

    Die Feuerprobe - Novemberpogrom 1938 heute, 27. Januar 2015, um 19.30 im Arsenal Berlin zur Eröffnung der Reihe Asychnron. Dokumentar- und Experimentalfilme zum Holocaust. Mit Einführungen von Ulrich und Erika Gregor sowie Gertrud Koch

    Die Filme von Erwin Leiser sind bei Absolut Medien in einer 3 DVD-Box erschienen


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  • Städtebewohner

    21. Januar 2015, Cargo in: Thomas Heise

     

    Heute Abend stellt Thomas Heise in der Akademie der Künste seinen neuen Film Städtebwohner vor. Anschließend Filmgespräch und Buchvorstellung von Über Thomas Heise (Vorwerk 8, 2014 – unsere aktuelle Aboprämie, by the way) sowie der filmbegleitenden Publikation Städtebewohner. Moderation: Matthias Dell. Und hier noch ein taz-Text von Lukas Foerster zur Veranstaltung.


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  • Der Klavierstimmer
    Filmhinweis für Wien: «Il generale Della Rovere» (1959) von Roberto Rossellini

    15. Januar 2015, Bert Rebhandl in: Filmgeschichte

    Als Rossellini 1959 in ziemlicher Eile Il generale Della Rovere drehte, wollte er sich in einem kommerziellen Kino wieder etablieren, für das er eigentlich nichts mehr übrig hatte. Er wurde auch tatsächlich rechtzeitig fertig, um an den Filmfestspielen von Venedig teilnehmen zu können, wo er den Goldenen Löwen gewann. Es war das Jahr, in dem in Cannes Les 400 coups und Hiroshima mon Amour die Nouvelle Vague etabliert hatten. Rossellini schloss hingegen noch einmal an den Neorealismus an, die Bezüge zu Rom, offene Stadt sind deutlich.

    In Wien läuft Il generale Della Rovere im Rahmen einer Werkschau zu Vittorio De Sica, der hier eine seiner großen Schauspielrollen hat, wenn nicht die wichtigste überhaupt. Die Spannung des Films hat mit dieser doppelten Zweideutigkeit zu tun: dass nie richtig klar wird, was für ein Mensch dieser Hochstapler Bardone eigentlich ist, der sich anfangs in Genua als Colonello Grimaldi ausgibt, und der später als vorgeblicher General Della Rovere in ein Gefängnis gebracht wird, in das auch der Führer des Widerstands gegen die deutschen Besatzer kommt. Er muss identifiziert werden, und dazu soll das Rollenspiel mit dem in Wahrheit schon erschossenen Della Rovere (Codename: der Klavierstimmer) dienen.

     

    Die ganze erste Hälfte des Films hindurch scheint klar, was für einer dieser Grimaldi ist: ein schäbiger Typ, dessen Wirkung auf die Frauen nachzulassen beginnt, jedenfalls kann er seiner Geliebten keinen weiteren Schmuck entlocken, den er verpfänden könnte, um Schulden zu begleichen, die er bei einem deutschen Offizier hat. Sie gibt ihm stattdessen eine falschen orientalischen Saphir, den er dann überall loszukriegen versucht. Als er einmal in die Wohnung kommt, findet er auf dem Tisch ein Paket vor, das er öffnet, nur um enttäuscht den Inhalt hervorzuholen: Schon wieder Salami! Die Hartwurst ist die letzte Währung, die Italiener gegenüber den Deutschen für ihre politischen Gefangenen aufbieten können. Grimaldi ist einer der Mittelsmänner, er trägt Geld und Güter hin und her, dazwischen verspielt er das Meiste, dann muss er erst recht improvisieren.

    Rossellini, der auf Grundlage einer Erzählung von Indro Montanelli und eines Drehbuchs von Sergio Amidei arbeitete, lässt offen, wie dieser Mann aus Neapel nach Genua kam. Das schlechte Licht, in dem er von Beginn an steht (er bezichtigt sich auch selber), ist in gewisser Weise trügerisch, oder jedenfalls ist gar nicht so klar, wie es sich mehr oder weniger von selber verstehen würde, dass Grimaldi in eigenem Interesse verängstigte und besorgte Angehörige übervorteilt und sich dabei mit den Deutschen eine gute Zeit macht. Die Uneindeutigkeit dieser Figur, die sich vielleicht einfach in ihren Transaktionen rettungslos verstrickt hat, ist faszinierend, und sie wird noch interessanter dadurch, wie De Sica das spielt, ein stattlicher, älterer Herr, der aber durch und durch verstört wirkt („Che faccio?!“), und zugleich eher leutselig als opportunistisch. Eine dieser letztlich arglosen Figuren, die Rossellini so liebte.

    Dem steht eine nicht minder eigentümliche deutsche Figur gegenüber, der Obersturmbannführer Müller (Hannes Messemer), der auffällig sympathisch wirkt, in einem Krieg, der als „necessario perché giusto“ zu akzeptieren ist (die Untertitel der Criterion-DVD haben da einen markanten Fehler, weil sie die Reihenfolge umdrehen, was den Sinn vollkommen entstellt). Von der ersten Begegnung zwischen Grimaldi und Müller an ist da etwas, was die Notwendigkeiten des Krieges transzendiert, ohne dass diesen zu entkommen ist.

     Il generale Della Rovere war eine Studioproduktion, allerdings eine bescheidene. Viele Szenen aus der Zeit der Bombardements sind mit Rückprojektion gedreht, insgesamt hat der Film eine Anmutung von Low Budget, sodass er eigentlich der Mythologie des Neorealismus durchaus entspricht, wenngleich er das Kriterium des „on location“ nicht erfüllt. Während Rom, offene Stadt die Befreiung erzählerisch fast noch mitvollzog, geht es hier schon um Vergangenheitsbewältigung: der heroische Widerstand war von der Kollaboration nicht so klar zu unterscheiden, wie es die offizielle Geschichtsschreibung gern gehabt hätte (mit „abiezione e eroismo“ benannte Alberto Moravia in seiner Kritik für den Espresso die beiden Pole). Die zwiespältige Figur des General Della Rovere, zu dem Bardone/Grimaldi schließlich tatsächlich wird, öffnet den Raum für eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die für Rossellini auch eine mit seinem eigenen Schlüsselwerk war, dem er hier ein weiteres hinzufügte.

    Il generale Della Rovere, 15. und 28. Januar jeweils 20.15 im Rahmen der Retrospektive zu Vittorio De Sica im Österreichischen Filmmuseum Wien


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  • Was von 2014 bleibt

    30. Dezember 2014, Cargo

     

    Im Webmagazin


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  • DFFB. Neubesetzung der Leitung

    19. Dezember 2014, Ekkehard Knörer in: Film-/Hochschulpolitik

    Die Vorgeschichte geht ungefähr so: Ex-Direktor Jan Schütte (ich zitier' ausnahmsweise sogar Rüdiger Suchsland: "eine in jeder Hinsicht schwache Figur und völlige Fehl­be­set­zung auf dieser Position") hat nach außerordentlich wenig insprierenden Jahren kurz vor Ende seiner Amtszeit doch noch Großes geleistet: Er ließ das Vorführkino der DFFB gold streichen. Das war zwar bei Vorführungen sehr störend, aber es ist natürlich die Geste, die zählt. Nun hat Schütte nicht der Teufel, sondern das American Film Institute in LA geholt (danke dafür!) - und bei der Besetzung wird so intransparent gehandelt (und mutmaßlich auch entschieden), wie auch unter der inzwischen in Hamburg als Kultursenatorin tätigen Barbara Kisseler schon intransparent gehandelt und - damals gegen heftigen Widerstand der Studierenden - entschieden wurde. (Mehr dazu hier.)

    Am 5.12. gab es nun ein Kuratoriumssitzung, aus der offiziell nichts nach außen drang, außer: Sie ist gescheitert. Gerüchteweise hatte sich die Suche auf zweit KandidatInnen zugespitzt: die schon beim letzten und wohl auch dieses Mal von den Studierenden favorisierte hoch renommierte Kamerafrau Sophie Maintigneux. Der Gegenkandidat ist das in vieler Hinsicht eher unbeschriebene Blatt Julian Pölsler, bekannt vor allem als Regisseur der Haushofer-Verfilmung Die Wand. Aber, wie gesagt: Das Kuratorium, in dem auch zwei Studierendenvertreter saßen, hat sich nicht einigen können.

    Die DFFB-Studierenden treibt nun, aus mehr als verständlichen Gründen, die Sorge um, dass wie beim letzten Mal durchregiert wird - und zwar mit einer Entscheidung für Pölsler. Die Äußerungen des Kisseler-Nachfolgers Björn Böhning klingen entschieden nicht gut: "Ob es für die DFFB hilfreich ist, interne Auseinandersetzungen an die Öffentlichkeit zu tragen, möchte ich bezweifeln." Dass die Auseinandersetzungen an die Öffentlichkeit getragen werden, stimmt. Zum Glück.

    Es gibt Mahnwachen vor dem Roten Rathaus (nun ja). Und vor allem heute Abend um 19 Uhr im Studiofoyer der Akademie der Künste (Hanseatenweg) eine Diskussionsveranstaltung, deren Teilnehmer so illuster wie gemischt sind: Christian Petzold, Detlev Buck, Pia Marais, Chris Kraus, Wolfgang Becker und andere. Senatskanzleichef Böhning dagegen ist sich für die Teilnahme zu fein.

    Update: Matthias Dell in der taz über die Veranstaltung in der Akademie der Künste - und die Situation überhaupt.


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  • CARGO #24 / Aboprämie

    18. Dezember 2014, Cargo

     

    * Im Gespräch: Tariq Teguia

    * Pasolini und Lotta continua // Lav Diaz // Roy Andersson // Standorte rumänischer Medienproduktion

    * Serien 2014: Halt and Catch Fire / Fargo / House of Cards / True Detective / Orphan Black / Hannibal / The Americans / Les Revenants / Transparent / Broad City ++ Early Television / Peyton Place

     

    Aboprämie: Über Thomas Heise (Buch)


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  • Serienheft Countdown VIII (und Ende): Black Mirror
    Heute erscheint unser alljährliches Serienheft. Hier endet der Countdown mit Serien, die den Cut nicht geschafft haben.

    18. Dezember 2014, Ekkehard Knörer in: Aktuelle Serie

    Black Mirror, 2 x 3 Folgen, plus Christmas Special, Channel Four, 2011ff., Charlie Brooker

    Black Mirror Jon Hamm

     

    Im Christmas Special, das vorgestern auf Channel 4 lief, ist Jon Hamm eine schmierige Type, die Leute in ein merkwürdiges Ei hinein klont. Okay, da müsste man jetzt weiter ausholen, wie man zu jeder der bislang sieben Folgen von Black Mirror etwas ausholen müsste. Schließlich spielt jede von ihnen in einer anderen dystopischen Zukunft, in der der eine oder andere unangenehme Zug der Gegenwart sehr viel deutlicher als aktuell schon ausgeprägt ist. Daher der Titel: Blick in den Spiegel, der aber nur die schwärzeren Momente der Gegenwart als mögliche Zukunft zurückwirft. Zum Beispiel geht es, Folge eins, um einen Konzeptkunst-Entführer, der den Prime Minister dazu erpresst, vor laufenden Kameras ein Schwein zu vögeln. Folge zwei: Eine Welt, in der das höchste der Gefühle eine Karriere als in Superstar-Contests gecastete Reality-TV-Figur ist. (Der Alltag ist ein mediengesättigter Treadmill-Alltag im buchstäblichsten Sinn.) Die medienkritischen Prämissen sind in allen Episoden eigentlich eher nicht das Interessante, sondern selbst eher run of the mill. Auch die Sci-Fi-Topoi sind durchweg vertraut, wenngleich meist interessant und mit Lust an der jeweils finstersten Konsequenz weitergedacht. Gut ist die souveräne Selbstverständlichkeit, mit der Charlie Brooker die aktuellen sozialen und anderen Medien in seinen Zukünften installiert. Gut ist auch, dass er - wie jede Satire, die Spaß macht - eine komplizenhafte Freude am Dystopischen hat, das er ausmalt. Hochinteressant ist, wie Zynismus und Moralismus einander dabei ständig in den Schwanz beißen; am klarsten politisch in der Folge um die Animationsfigur Waldo, die in Wahlkämpfe eingreift - der Zauberlehrling, der hinter ihr steckt, steigt aus, aber den Erfolg der nihilistischen Figur stoppt er damit nicht. Charlie Brookers Vision ist immer ungefähr diese: Widerstand ist letztlich zwecklos, weil das System ihn immer irgendwie assimiliert - und es führt trotzdem kein Weg daran vorbei, widerständig zu bleiben.

    Eine Folge, die erste Episode der zweiten Staffel, führt quasi direkt in den Serienschwerpunkt des Hefts, das heute erscheint. "Be Right Back" malt sich eine Revenantenfigur aus, die denen, um die es in meinem Text "Zurück-Sein" in Cargo #24 geht, auffällig gleicht. Ausdrücklicher als in anderen Wiedergänger-Geschichten ist hier der Wunsch der Vater der Wiederkunft eines Toten. Hayley Atwell spielt eine Frau, deren Mann stirbt - und der erst als Audio-Software (à la Her), dann als Körperklon wiederkehrt: echt und nicht echt, fremd und vertraut. Er endet, auch eine schöne und so noch nicht gesehene Pointe, als untoter "Ex-Mann in the Attic". Als ich den Text fürs Heft schrieb, kannte ich Black Mirror noch nicht - sollte ich, wovon ich angesichts der Konjunktur der Figur ausgehe, weitere Revenanten sichten, werde ich an dieser Stelle gerne berichten.


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  • Serienheft Countdown VII: The Affair
    Am 18. Dezember erscheint unser alljährliches Serienheft. Hier ein Countdown mit Serien, die den Cut nicht geschafft haben.

    16. Dezember 2014, Ekkehard Knörer in: Aktuelle Serie

    The Affair, 10 Folgen, Showtime, Hagai Levi und Sarah Treem, 2014


     

    Schroff, harsch, wund singt Fiona Apple in die Brandung; und umso schroffer, harscher und wunder, als sie nichts als die eigene Stimme als Instrument hat. Das ist der Vorspann.

    Der Ort der innerdiegetischen Brandung (zu der sich die des Vorspanns als Verdichtung, Allegorisierung, Vorankündigung - vielleicht auch als Branding - verhält): Montauk. Max-Frisch-Referenzen sind auf der Stelle erlaubt. Mann in mittleren Jahren, Schriftsteller noch dazu, verliebt sich an amerikanischer Küste in deutlich jüngere Frau. So geht The Affair. Hagai Levi, Creator mit Sarah Treem (beide of In treatment fame), darf man literarische Bildung voraussetzen, wenngleich die Serie dann doch anderswo abbiegt. Dominic West als Noah Solloway ist ohnehin weniger Schriftsteller (nur ein wenig erfolgreiches Buch) als Lehrer, außerdem Ehemann und vierfacher Vater; treu, eigentlich und bislang; middle-age-melancholisch, weder glücklich noch unglücklich genug, um es resigniert oder zufrieden zu sein. Alison Bailey heißt die Frau, in der sich verknallt, Ruth Wilson ist toll wie immer, und die Frage, ob sie es sein muss oder ob es auch eine andere hätte sein können, ist auf offen gestellt. Alison: traumatisiert, an Montauk und die Farm und den superattraktiven Ehemann liebend-hassen-trauernd-durcharbeitend gefesselt. Vor und zurück geht das, die Liebe auf krummen Linien krumm geschrieben, tiefernst und schwer und feucht in den Stimmungen, da setzt Fiona Apple den Ton (und kein Wunder, dass jemand wie Emily Nussbaum mit ihrem doch etwas eindimensionalen New-Yorker-Geschmack damit mal wieder nichts anfangen kann oder will), etwas für Leute (algorithmisch gesprochen:), die Soap & Skin mögen, dann noch mit einem Clou, von dem auch nach der vorletzten Folge der ersten Staffel (die letzte läuft nächsten Sonntag) nicht klar ist, ob er das ganze auf subtile Weise fundiert oder nicht mehr als eine gimmickförmige Trivialität performiert: Alle Folgen sind zweigeteilt, dieselben Ereignisse werden im Rückblick jeweils aus Sicht von Alison und Noah erzählt. Ein Mord ist geschehen, Noah und Alison in einer Befragungssituation: Ich bin metagespannt, wie sich das am Sonntag dann auflöst. (Zweite Staffel ist längst in Auftrag gegeben.)


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  • Serienheft Countdown VI: Utopia
    Am 18. Dezember erscheint unser alljährliches Serienheft. Hier ein Countdown mit Serien, die den Cut nicht geschafft haben.

    10. Dezember 2014, Ekkehard Knörer in: Aktuelle Serie

    Utopia, 6 Folgen, Channel 4, Dennis Kelly, 2013 f. (2. Staffel habe ich noch nicht gesehen)

     

    Im Comicladen geht's los, und zwar außerordentlich blutig. Zwei Killer machen allen Menschen im Laden den Garaus, weil sie auf die Frage, wo Jessica Hyde ist, keine Antwort bekommen. Aber wo ist Jessyca Hide? Und wer ist Jessyca Hyde? Sie taucht erst mal nicht auf. Dafür ist da schon wieder Stephen Rea, in kleinerer Rolle, genauso zerknautscht wie in der HONOURABLE WOMAN, eine dubiose Figur, die später etwas größer rauskommt, es bekommt ihr nicht gut. Ins Zentrum der Geschichte gerückt ist eine Bande von Nerds, ein Onlineforum zur Graphic NovelUtopia führt sie zusammen, es geht um eine tödliche Krankheit, die mögliche Heilung, einen zweiten Band des Comics, so nach und nach nur stückt sich das alles zusammen. Und bleibt natürlich horrend, apokalyptische Verschwörungstheorieszenarien der beknackteren Sorte. Da aber ist Jessica Hyde! Fiona O'Shaughnessy: Tochter, skrupellose Protagonistin, Anführerin, zack. Einer der Killer vom Anfang, die Nerdbande, alle miteinander im Heimlichen unterwegs, Mord, Blut, Vaterfigur, dazu eine ansteckend pumpende Zirkusmusik. Fast immer rechtzeitig, bevor sich der Wahnwitz zu einem Plot konsolidiert, über den man nur den Kopf schütteln kann, überstürzt sich das Geschehen wieder voran, sodass einem der Kopf im Schütteln gefriert. Nicht drüber nachdenken, einfach den Irrsinn genießen.


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  • Exhumierung

    6. Dezember 2014, Ekkehard Knörer

    Gestern wollte mir in einem kurzen Disput über Mike Leigh partout nicht mehr einfallen, wo ich damals über HAPPY-GO-LUCKY geschrieben habe und was wohl meine Pro-Argumente gewesen sein mögen. Dann machte es Klick wie beim Fall der Münze in einen Wurlitzer-Schlitz: Das war in der Spex. Halb verdrängte Kurzgastspiel-Episode im Jahr 2008, die ziemlich abrupt damit endete, dass ich den von (damals: Chefredakteur) Max Dax über die Maßen geliebten GOMORRHA so mäßig besprach, wie ich ihn fand. Drüben im Magazin jetzt eine Seite mit den drei Texten aus der Spex, hiermit ins CARGO-Archiv exhumiert.


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