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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 34
vom 16. Juni 2017

CARGO 34 Cover, CARGO 33 Cover,

Container

  • Politik des Getreuseins
    Textempfehlung: «Ein Herangehen von Helmut Färber» von Gerhard Benedikt Friedl

    21. Juli 2017, Cargo

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    "Wir haben es im Kino mit Blicken auf die Welt und Verhältnissen in dieser zu tun. Und zwar mittels eines materialen, und daran angebunden, formalen Gefüges, welches nur dem Kino eigen ist, und welches durch das Kino hindurch der Welt eingebildet zu sein scheint, und welches sie festigt. Hierin ist das Kino nachdrücklich."

    aus: Gerhard Benedikt Friedl, Ein Herangehen an Helmut Färber, HaFI 004

    Heute wäre Gerhard Benedikt Friedl 50 Jahre alt geworden


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  • In San Fernando ist der Teufel los
    Filmhinweis für Berlin: «Pedro soll hängen» (1939-1962) von Veit Harlan im Zeughauskino

    16. Juni 2017, Bert Rebhandl in: Deutsches Kino Filmgeschichte

    Wie heißt eigentlich der Film, den Veit Harlan vor Jud Süß gemacht hat? Bei dieser Quizfrage wäre ich kürzlich noch ausgestiegen, nun aber schließt das Zeughauskino im Rahmen der Reihe Seelennot diese Lücke. Pedro soll hängen steht zwischen dem Melodram Die Reise nach Tilsit und dem antisemitischen Vorzeigefilm. Die einschlägige Tagebuchnotiz von Goebbels dazu ist rätselhaft: „Laut und geräuschvoll. Literatur. Ein Versager.“ Das Zeughaus zeigt Pedro soll hängen als einen Nachkriegsfilm, der während der Krieges unterging, und danach nicht mehr so richtig auftauchte. Wenn Harlan der „Versager“ ist, was hat Goebbels dazu bewogen, diesen zutiefst deutschen Bodega-und-Tequila-Schwank auf 66 Minuten kürzen zu lassen? Und den Regisseur dann doch für Jud Süß zu rekrutieren?

    Pedro soll hängen ist „ein heiterer Film über Liebe, Wein und himmlische Zustände“, heißt es in dem einleitenden Insert. Die Szene (Vorlage war ein Theaterstück) ist ein lateinamerikanisches Land namens Pelargonien bzw. Pellagonien (oder Geranien, wie es zwischendurch in einem Gag heißt), das vor allem durch eine Gaststätte, einen Dorfplatz mit Gefängnisfenster und eine Wüstenlandschaft mit dekorativ platzierten Kakteen charakterisiert wird.

    Auf eine stark vereinfachte Weise geht es auch in Pedro soll hängen, wie danach in Jud Süß, um gutes Regieren. Gegen den kritischen Blick eines aus Amerika einfliegenden Reporters, der sich ein Bild von den Verhältnissen machen will („In San Fernando ist der Teufel los“), soll der Kleinstaat, in dem die Frauen Pepita oder Chequita („hast du etwa mit der Kastagnetten-Chequita blinde Kuh getanzt?“, will die eifersüchtige Pepita von Pedro wissen, dem Omen nicht vertrauend, das in der Assonanz ihrer Namen liegt) heißen, zeigen, dass in dieser „Sauwirtschaft“ („Caramba“) doch alles mit rechten Dingen zugeht.

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    Als der attraktivste Mann am Platz, natürlich niemand anderer als Pedro (Gustav Knuth), nach dem Kartenspiel und im Rausch und in Notwehr einen Mann ersticht, muss der Alkalde entscheiden, wie mit ihm zu verfahren ist. Das Verfahren findet in der Bodega statt, und da ein Freispruch eher für eine „Sauwirtschaft“ sprechen würde, wird ein Todesurteil gefällt. Vollstreckungsdatum: der kommende Tag um sechs Uhr Abend. Der Alkalde hat an der Hinrichtung ein geschäftliches Interesse, denn er verkauft dafür die Eintrittskarten (Stehplätze für fünf Peseten, notfalls könnte man das Hängen auch von Hängematten aus verfolgen).

    Aus Amerika, das zu Beginn mit den Wolkenkratzern von Manhattan ein Kontrastbild liefert, kommt nicht nur der Reporter Amadeo de Montessandro (mit dem Flugzeug), sondern auch mit dem Auto die Millionärin Alice, Tochter des größten Schweineschlächters von Chicago, die in dem hinter Schloss und Riegel gesetzten Mörder Pedro „das Leben pulsen“ spürt. Als sie wieder aus der Zelle kommt, ist so verzückt, dass sie 50000 Dollar für Pedro zahlen möchte, um ihn nach Amerika mitzunehmen. Mit dem beiden Geldbeträgen (den Peseten des Alkalden und den Dollarscheinen der Schweineschlächtertochter) geht es in Pedro soll hängen ein Weilchen hin und her.

    Goebbels stieß sich anscheinend vor allem an „christlichen“ Gehalten, da kann er eigentlich nur an die Figur des Manuel gedacht haben, Heinrich George in einer seiner gefühligen Darbietungen als Zausel mit weißem Bart, der eigentlich gar nichts mit allen Sachen zu tun haben will, aber dauernd im Bild ist, und der mit Pedro in der Zelle ein Gespräch über das Jenseits führt (ihm „sehr viel Schönes vom Himmel erzählt“), das ihm schließlich eine denkwürdige Drohung einträgt: „Wenn ich in den Himmel komme, und es nicht genau so ist, wie du gesagt hast, dann gnade dir Gott.“ Das religionskritische Potential dieses Satzes muss Goebbels überhört haben.

    Am Ende erweist sich Pellargonien als lupenreine deutsche Provinz (was Pepita so anhat, geht auch im weiteren Sinn als Dirndl durch), nur heißt halt der Bürgermeister Alkalde, und das Exotische an Pellargonien sind die deutschen Vorstellungen davon (Afrikaner tragen aus Prinzip keine Oberbekleidung, Frauen sind barfuß, Amerikaner sind Geldsäcke und spüren den Puls des Lebens nie in sich selbst). Die anfängliche „Gottlosigkeit“ wird durch den Idealmann Pedro (tapfer, klug, gerecht, er säuft dann auch nicht mehr) ganz irdisch korrigiert, und die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, deren Sinnhaftigkeit die ganze Zeit hindurch komisch in Frage gestellt wurde, erweist sich dann doch durch die Abschaffung der Sauwirtschaft in Pellargonien als gerechtfertigt.

    Pedro soll hängen, Zeughauskino Berlin, Freitag 16. Juni 2017, 21 Uhr

    Dank an Mirko Kubein und Jörg Frieß


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  • the looks, not the books
    Buchhinhweis: Ein Vortrag mit Zugaben von Sissi Tax

    14. April 2017, Cargo

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    "einiges, was mit den projektionen des geschlechterverhältnisses - dames and guys - in einigen hollywood movies auf sich hat, in verbindung oder in nicht-verbindung mit dem medium buch"

    http://www.institutbuchkunst.hgb-leipzig.de/en/series/10#106


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  • Hader, rezensiv

    17. Februar 2017, Ekkehard Knörer in: Berlinale 2017

    Nach rund 600 Texten mal eine neue Erfahrung: Die taz will mein Gespräch mit Josef Hader nicht drucken. Das Argument: Es sei zu rezensiv. Aha. Ich fand es ja super, nicht meinetwegen, sondern weil es ein richtiges Gespräch war, bei dem Josef Hader sich sehr ernsthaft und klug mit meinen Einwänden gegen seinen Film auseinandergesetzt hat. Bewundernswert genug, dass er inmitten des Berlinale-Junket-Zirkus darauf Lust hatte. Für ihn also: höchsten Respekt. Hier geht es zum Gespräch.


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  • Berlinale 2017
    Kurznachrichtendienst

    9. Februar 2017, Cargo in: Berlinale 2017

    Wir wären dann wieder soweit 


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  • Heimholung
    Filmhinweis für Berlin: «A Deusa Negra» (1979) von Ola Balogun

    13. Januar 2017, Bert Rebhandl in: Afrika

    Der "schwarze Atlantik" war eine Weile ein prominenter Topos in den Kulturwissenschaften. Ich erinnere mich an eine Ausstellung im HKW, mit einem ziemlich interessanten Katalog. Dass dazu längst nicht alles gesagt ist, zeigt der lange Zeit weitgehend verschollene Film A Deusa Negra von dem 1945 geborenen nigerianischen Regisseur Ola Balogun.

    Er erzählt von einer Reise aus Nigeria nach Brasilien, die zugleich eine Rekapitulation der Sklavenerfahrung darstellt. Der Protagonist Babatunde erhält von seinem Vater auf dem Totenbett den Auftrag, den Kontakt zu einem Zweig der Familie wiederherzustellen, der im 19. Jahrhundert, nach der Abschaffung der Sklaverei, nicht nach Afrika zurückkehrte, sondern in Brasilien blieb.

    Babatunde, der sich als "Wiedergeburt der Vorväter" begreift, macht sich auf den Weg. In Rio ist er anfangs noch ganz Tourist, der mit dem Fotoapparat durch die Stadt streift, und nach einem Candomblé-Tempel sucht. Dazu muss er aber in die Favelas. Er trägt ein Holzamulett der Göttin Yemoja bei sich, das ihm den Weg zeigen soll.

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    Die erste Hälfte von A Deus Negra enthält einige mehr oder weniger dokumentarische Passagen, in denen Babatunde zuerst einen Candomblé-Tempel und dann eine Sambaschule kennenlernt. An beiden Orten bekommt er eine Vorführung. Er lernt zwei Frauen kennen: Wilma und Elisa. Aus Elisa spricht die Göttin Yemoja. Sie weist ihm den Weg nach Bahia, er soll einen Ort namens Esmeraldo aufsuchen. Arnaldo, der Elisa gern heiraten würde, drängt sich als Begleiter auf, die Rivalität zwischen den beiden Männern wird später dramatisch aufgelöst.

    Schließlich erreichen Babatunde und Elisa den von einem "schlechten Zauber" bestimmten Ort Esmeraldo im Busch. Dort kommt dann der Zeitsprung, eher eine Trancerfahrung als eine Zeitreise auf der Linie der Reinkarnationen, im Kino macht das keinen Unterschied: es läuft auf eine Rückblende hinaus. Babatunde ist nun ein Sklave namens Oluyole, und Elisa heißt Amanda, sie muss im Herrenhaus aus dem weißen Patron zu ( auch sexuellen) Diensten sein.

    Indem Babatunde die Erfahrungen der Vorfahren noch einmal durchlebt, und das fehlende Glied der Familie wiedertrifft, schließt sich der Kreis. Mit dem Amulett der Yemoja endet der Film. Die Göttin hat sich als gute Führerin erwiesen.

    Das Arsenal zeigt ab heute die erhaltenen und restaurierten Filme von Ola Balogun. A Deusa Negra läuft am Samstag, 14.1., um 18.00 in einer 35mm-Kopie der Cinémathèque francaise

    Das Filmkollektiv Frankfurt hat sich entscheidend um das Werk von Ola Balogun bemüht und auch eine Publikation dazu vorgelegt

    Der Soundtrack von A Deusa Negra ist digital hier erhältlich

    Im Wikipedia-Eintrag zu Religion der Yoruba findet sich ein Link zu einer Vorlesungsmitschrift meines Freundes Hans Gerald Hödl, in dem mehr über Yemoja zu erfahren ist


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  • Berliner Schule, schnipp-schnapp

    12. Januar 2017, Ekkehard Knörer

    Nein, das geht so nicht. Einen faden, einfallslosen, ungenauen, dahergelaberten, lieblos gemachten Talking-Heads-Film über die "Berliner Schule" (wenn wir so sagen wollen) drehen. Denn das sind die Filme, um die es geht, nicht, was immer man sonst gegen sie haben will oder nicht: fad sind sie nicht, einfallslos nicht, ungenau nicht, dahergelabert nicht und erst recht sind sie nicht lieblos gemacht. Natürlich: Man kann Christian Petzold immer ins Bild setzen, irgendwie so, und er redet intelligente Sachen, kann gar nicht anders. Aber er sagt nur ein paar Sätze, dann ist wieder Schluss. Man kann Angela Schanelec immer ins Bild setzen, irgendwie so, und man sieht, wie sie denkt, und das heißt bei ihr, sich auf ein Problem einzulassen, sich in ein Problem zu verbeißen. Aber sie verbeißt sich nur kurz, denkt nur einen Gedanken, und darf den nicht mal zu Ende denken, dann ist wieder Schluss. Man kann mit Thomas Arslan durch Kreuzberg laufen wie in kreuzdummem Kulturzeit-Bebilderungsquatsch, kann man machen, aber das zeigt, dass man wirklich gar nichts kapiert hat davon, wie die Regisseurinnen und Regisseure, um die es geht, über die Welt nachdenken, die sie in jene Formen bringen, die ihre Filme dann sind. Dazu auf der überflüssigen Erklärspur nichts erklärender Ex-negativo-Unfug, der was von Authentizität faselt und mal wieder Gefühle vermisst, dazu eitel Rainer Gansera als visuelle Erklärspur, die mir dafür umso ungutere Gefühle verschafft. Und immer so: Schnipsel, Schnitt, weiter. Filmausschnitt. Satz. Dominik Graf sitzt blöd schräg im Bild. Sagt ein paar Sätze, kommt auf sein "Schneewittchenfilm"-Verdikt zurück und man merkt doch, dass er dazu noch etwas sagen will, dass er da im Gespräch noch etwas gesagt hat, dass da noch ein Gedanke kam, aber mit Gedanken will dieser Film nichts zu tun haben, also schneidet er das ab, wie er so vieles, schnipp-schnapp, an- und dann einfach abschneidet. Schade drum, richtig schlechte Laune macht das.

    Den Film kann noch fünf Tage lang in der Arte-Mediathek sehen, wer unbedingt will.


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  • Amateure, Dilettanten
    Filmhinweis für Paris: «Ginger e Fred» (1986) von Federico Fellini

    9. Januar 2017, Bert Rebhandl in: Italien

    Was weiß man eigentlich über die Entstehung des Steptanzes (italienisch: Tip Tap)? Pippo (Marcello Mastroianni) hat dazu eine Geschichte. Die „Negersklaven“ (so sprach man 1986 noch unbefangen) haben sich auf diese Weise verständigt, eine Art Morsealphabet, das später die Seite gewechselt hat, denn im klassischen Hollywoodkino, mit Stars wie Fred Astaire und Ginger Rogers, war eher Weiß die Leitfarbe.

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    In dieser Ära hatten auch Pippo und Amelia ihre große Zeit. Nun sollen sie noch einmal zusammen auftreten, in einer gänzlich veränderten kulturellen Situation, in einer Fernsehsendung zu Weihnachten, die den Titel Ed ecco a Voi trägt („Und jetzt zu Ihnen“). In einem der letzten Filme von Federico Fellini: Ginger e Fred.

    Bei Fellini denkt man an die große Zeit des europäischen Nachkriegskinos, hier gibt er seine Abdankungserklärung. Sein Medium ist Giulietta Masina, die Gelsomina aus La Strada. Sie wird in Ginger e Fred zu einem Teilchen in diesem Riesenauflauf, den das Fernsehen – das neue Leitmedium – veranstaltet. Ed ecco a Voi ist so etwas wie ein Kuriositätenkabinett, eine Kuh mit (angeblich) 15 Zitzen soll auftreten, eine Frau namens Pietruzza Silvestri (die gegen Geld ein Monat auf den Fernseher verzichtet hat und davon gründlich geschafft ist), zwei Männer, die einen essbaren Slip erfunden haben, den Galane vom Hintern ihrer Geliebten wegschnabulieren können.

    Zwischen all den „Liliputanern, Transvestiten“ (Amelia) und „Amateuren, Dilettanten“ (Pippo), vor allem aber: zwischen all den Doubles (Doppelgänger von Franz Kafka bis Ronald Reagan) taucht auch ein viel geliebter Komiker auf: „il nostro Totò“ ist der einzige, mit dem Amelia und der später hinzukommende Pippo etwas anfangen können. Die beiden sollen noch einmal ihren Act zeigen, aber sie haben einander 30 Jahre nicht gesehen, und zwischen ihnen liegt auch sehr viel Unausgesprochenes, das sich aber beim besten Willen jetzt nicht mehr sagen lässt.

    Im nostalgischen Universum von Fellini ist Ginger e Fred so etwas wie der Umschwung in den infiniten Regress. Einen originären Anfang gab es weder für das Tip Tap noch für die Tanzkunst von Ginger und Fred, die ja von Beginn an ein Imitat war (oder eine Würdigung), und das gefräßige Fernsehen nimmt nun alles in sich auf, verdoppelt es, macht den Unterschied zwischen Original und Kopie hinfällig. „La luce non torna piu“, das Licht kommt nicht mehr, sagt Pippo während eines Stromausfalls. Aber das Licht kommt natürlich zurück. Es ist das grelle Licht, in dem der Glaube an eine Pasta gedeihen kann, die schlank macht. Ginger e Fred endet mit Reklame.

    Die Cinémathèque francaise zeigt Ginger e Fred heute um 21.30 aus Anlass der 100. Ausgabe der Filmzeitschrift Trafic. Um 19.00 gibt es zwei Filme von und mit Serge Daney.


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  • Seoul Cinema
    Eine digitale Postkarte von David Wagner

    3. Dezember 2016, Cargo

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    Foto: David Wagner


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  • Grenzen im Fluss
    Filmhinweis für Berlin: «Beyond Boundaries - Brezmejno» von Peter Zach

    22. November 2016, Bert Rebhandl in: Dokumentarfilm

    Im blinden Winkel. Nachrichten aus Mitteleuropa hieß 1985 eine von Christoph Ransmayer herausgegebene Textsammlung, in der zum Beispiel Ruth Beckermann über eine Reise nach Czernowitz, Claudio Magris eine Banater Elegie und Martin Pollack über New Wave in Ljubljana schrieb. Die Idee von Mitteleuropa war so etwas wie die österreichische Version der deutschen Ostpolitik, wobei man von „österreichisch“ dabei auf eine bestimmte Weise sprechen muss: als einem nicht vollständig festgelegten Begriff, der vom Imperium bis zum Kleinstaat, von der zivilisatorischen Kraft bis zum völkischen Narzissmus der kleinsten Differenzen eine Menge enthält.

    Bei Peter Zachs Dokumentarfilm Beyond Boundaries – Brezmejno musste ich an diesen Begriff des „blinden Winkels“ denken. Als solchen könnte man die Region empfinden, die mit dem Staat Slowenien alles andere als identisch ist. Denn hier, wo es allenthalben Grenzen gibt, die aber durch die EU zu offenen geworden sind, gehen vielerorts Identitäten ineinander über, historische Konflikte wurden beigelegt („die Verbissenen sind inzwischen gestorben“, sagt eine Busfahrerin, die aber selbst noch auf einen Pfarrer aus Lavamünd traf, der eigentlich bei einer Frau nicht einsteigen würde – aber gut, das ist eine andere Verbissenheit), die Grenzen verlaufen so, dass man sich im Alltag darum keine großen Gedanken mehr machen muss.

    BB

     

    Das war bis 1989 anders. Vermutlich gibt es auch so etwas wie eine generationelle Grenze, denn man wird das heutige Europa anders erleben, wenn man noch selbst die Systemgrenze gekannt hat, die einmal zwischen Österreich und Jugoslawien verlief, wovon Slowenien wiederum eine Republik war, deren Nachbarschaft auch zu Italien und Ungarn und zu Kroatien alles andere als konfliktfrei war. Peter Zach war in dieser Gegend unterwegs, er hat Eindrücke gesammelt und mit Menschen gesprochen, er hat die „kreative Ladung“, die an Grenzen wie der zwischen Nova Gorica (Slowenien) und Gorizia (Italien, österreichisch: Görz) entsteht, aufgespürt.

    Man erfährt eine Menge, zum Beispiel war mir überhaupt nicht bewusst, was es mit der Firmengeschichte von Puch auf sich hat (ein Puch 500 war das erste Auto in unserer Familie in den späten 1960er Jahren): Janez Puh ist der ursprüngliche Name des Gründers Johann Puch. Heißt Peter Zach vielleicht in Wahrheit Petr Zah? Würde passen, stimmt aber nicht, er wurde in Graz geboren.

    Meine Lieblingsstelle in diesem im besten Sinne bewegenden Film ist ein Gespräch über die Mur: ein Fluss, der über große Teile als Grenzmarkierung dient, und der dabei etwas tut, was derzeit so vielen Menschen Sorgen macht - er migriert. In den Abspann seines Films hinein, der jetzt schon aus einer anderen europäischen Ära zu stammen scheint, lässt Peter Zach vernehmen, was sich geändert hat, seit er 2008 mit der Arbeit an Beyond Boundaries - Brezmejno begann: „technische Grenzen“ werden an der Grenze zwischen Österreich und Slowenien errichtet. Mit diesem Film haben wir ein starkes Dokument davon, was es in und mit Europa zu verteidigen gibt – allerdings nicht so, dass die Überwindung der kleinen Grenzen durch Fortifizierung und Isolierung des großen Europa erkauft wird.

    Beyond Boundaries - Brezmejno von Peter Zach hat am Mittwoch, 23. November, um 19.00 in der Akademie der Künste am Hanseatenweg Premiere. Ab 24.11. läuft der Film im Kino.

    Foto: Jana Cisar Filmproduktion


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