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  •   11. Februar 2016  

Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 28
vom 18. Dezember 2015

CARGO 28 Cover, CARGO 27 Cover,

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  • Zum Tode Jacques Rivettes

    29. Januar 2016, Ekkehard Knörer in: Französisches Kino

    Zum Tod Jacques Rivettes haben wir Armin Schäfers Essay zu OUT 1 aus Heft 19 online gestellt. Außerdem gibt es einen bislang unveröffentlichten Text, den ich vor ein paar Jahren als Einführung zuVORSICHT: ZERBRECHLICH! im Arsenal gehalten habe, zu lesen.
      


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  • Wassertretende Menschenkette
    Filmhinweis für Berlin: «Zaplyv» ("Die Schwimmer") von Kristina Paustian im Arsenal

    17. Januar 2016, Bert Rebhandl in: Dokumentarfilm Osteuropa

    Der Marxismus verstand sich als eine wissenschaftliche Weltanschauung, und in seiner offiziösen Verwirklichung, dem real-existierenden Sozialismus sowjetischer Prägung, gedieh gerade auch auf dem Feld der exakten Wissenschaften allerhand höherer Blödsinn. Den Physiker Boris Zolotov könnte man spontan da dazu zählen, wenn man ihn im Kreis von sechs Tänzerinnen sieht, die ihn umschmeicheln wie eine sakrale Figur. Doch Kristina Paustians Zaplyv (Swimmers), der im vergangenen November bei der Dokumentarfilmwoche Duisburg mit dem arte-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde, ist von der ersten Einstellung an viel zu komplex, als dass man mit einer bloßen Guru-Entzauberung rechnen könnte.

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    Allmählich wird zwar klar, dass Zolotov inzwischen einer Art Kommune vorsteht, die sommers am Meer mit bestimmten Übungen an der Verbesserung des Lebens, wenn nicht sogar an der Herbeiführung eines "Goldenen Zeitalters" arbeitet. Aber seine Ideologie, wenn es denn eine ausgeprägte gibt und nicht nur eine performativ immer neu entstehende und zerfließende, erscheint nicht als Heilslehre, sondern als praktische Anleitung, mit dem "Alien" in der eigenen Existenz halbwegs auskömmlich zu leben.

    Interessant ist Zaplyv denn auch nicht so sehr als ein (ohnehin ziemlich indirektes) Porträt, sondern als ein Film über Russland. "Wann wird das Glück nach Russland kommen?" "Wer ist glücklich in Russland?" Diese, an einer Stelle von Zolotov fast schon sinnlos umsichtig beantwortete Frage, steht im Mittelpunkt des heterogenen Materials. Die Montage verstärkt diesen Eindruck des Fragmentarischen noch. Zum Beispiel sieht man mehrfach Publikum bei einer Veranstaltung, der Gegenschuss bleibt aus, man hört nur Musik, und sieht Verzückung in Gesichtern, oder ruhige Konzentration.

    Zu diesen Bildern gibt es Entsprechungen aus den Archiven, alte Fernsehsendungen mit Zolotov, in denen ein "Wunder" an einer Streichholzschachtel gewirkt wird, und in denen die Menschen im Publikum sehr schön erkennen lassen, wo die Sowjetunion kurz vor ihrem Untergang ungefähr stand in der zentral geplanten Herstellung des allgemeinen Glücks. Dass eine Frau einmal vor laufender Kamera die fünfte Wurzel aus der Zahl 89 ziehen soll, ist aber reiner Zufall, obwohl man das Gefühl bekommt, hier hätte wirklich alles mit allem zu tun. Und die Sowjetunion, in der Figuren wie Zolotov gedeihen konnten, ging ja erst 1990 unter.

    Die Frage nach dem Glück in Russland wirkt zurück auf das, was in Zaplyv nicht zu sehen ist: das Russland, das wir aus den Nachrichten kennen, das Land der gestohlenen Modernisierung, das Land des imperialen Größenwahns, das Land der orthodoxen Renaissance. Zolotov bildet mit seinen Leuten eine Kolonie, die auf "Lieben und Lernen" beruht, und die ein Glück im Winkel (und im Sommer) sucht. Kristina Paustian erzählt davon mit einem dokumentarischen Gestus, der selbst wie ein Ausdruck der Netzwerktheorien des Meisters wirkt: eine unhierarchische Montage von Szenen, die keineswegs der wechselseitigen Erläuterung dienen, sondern die vielfach angemessen mysteriös bleiben.

    Ein Dostojewski-Zitat im Vorspann weist immerhin eine Spur: Zaplyv wäre danach ein Film über die Neigung russischer Menschen, sich "Götter" zu suchen, weil sie die Freiheit nicht aushalten. Allerdings erscheint Zolotov als zwar gelegentlich ungeduldig, aber insgesamt wenig autoritär. Anders herum: eine Menschenkette im Meer unter der Abendsonne ist als Form von Gemeinschaft sicher offener als die sowjetischen Massenornamente, die der Staatsräuberkapitalismus unter Putin in kleinteilige Notgemeinschaften aufgelöst hat. Kristina Paustian nimmt sich in Zaplyv die Freiheit, sich über ein Sinnexperiment kein Urteil zu bilden, sondern es in faszinierende Facetten aufzulösen.

    Zaplyv (Die Schwimmer) wird am Montag 18.1. um 20.00 im Arsenal gezeigt. Anschließend Diskussion mit Kristina Paustian

    Hier das Protokoll von der Diskussion auf der Dokumentarfilmwoche in Duisburg


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  • Kansas City, Trastevere
    Filmhinweis für Wien: «Un Americano a Roma» (1954) von Steno mit Alberto Sordi

    8. Januar 2016, Bert Rebhandl in: Italien

    Mit der Befreiung kam die Amerikanisierung, mit der Demokratie kam der Kaugummi. Das ist ein geläufiger Topos über die ersten Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, als eine Popularkultur entstand, die sich nicht mehr an die nationalen Grenzen hielt. Die italienische Komödie Un Americano a Roma von Steno aus dem Jahr 1954 gibt davon ein herrliches Beispiel. Der Amerikaner in Rom ist nämlich gebürtiger Italiener, er heißt Nando (Ferdinando) Mericoni, lebt in Trastevere, und hat sich Information über die Biographie des Baseballstars Joe DiMaggio oberflächlich zu eigen gemacht. Er hält ihn für einen Italiener, der nach Kansas City ausgewandert ist und das Herz von Marilina gewonnen hat. Marilina, das ist Marilyn Monroe. Wäre er in Kansas City gewesen, so hätte sie wohl ihm ihr Herz geschenkt, meint Nando, der ein echter "stronzo" ist, und der ganzen Welt mit seiner "ossessione" für Amerika auf die Nerven geht.

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    Die Pasta, die seine Mutter für den spätnachts aus einem Hopalong Cassidy-Film heimkehrenden Sohn bereitgestellt hat, schiebt er zur Seite, um ein echt amerikanisches Leibgericht aus "mamelata", Milch und Senf zuzubereiten, das er natürlich ausspuckt, gedankenverloren mampft er dann doch die "macaroni". Eine italienische Freundin, der ich von diesem Film erzählte, hatte die "Spaghetti-Szene" sofort parat, es handelt sich bei Un Americano a Roma um zentrales Kulturgut. Nicht zuletzt wohl wegen Alberto Sordi, der hier mit einer sprachlichen Rasanz arbeitet, die manchmal sogar Italiener überfordern dürfte. Nando hält sich nämlich viel auf seine Kenntnisse des amerikanischen Englisch zugute, de facto lässt Sordi unentwegt eine Mischung aus rabiatem Dialekt, unverständlichen Lehnwörtern und sinnlosem Zeug ab, die selbst Roberto Benigni überfordern dürfte. An ihn musste ich mehrfach denken, man sieht in Sordi einen offensichtlichen Vorgänger.

    Bei seinen Eltern gelingt es Nando nicht, sie zu "americanizzare", seine eigene Amerikanisierung reicht immerhin für einen neuen Namen: Santi Bailor. Die "Farce", als die sich der Film am Ende selbst ausweist, besteht weitgehend aus drei längeren Sketches, in denen sich wie in einer Entstellung auch Italienbilder des internationalen Kinos der frühen fünfziger Jahre ausnehmen lassen: Die Begegnung mit einem amerikanischen Paar, das im Auto über Land unterwegs ist, könnte einem grotesken Remake von Viaggio in Italia entstammen (nicht auszudenken, wie Ingrid Bergman auf Santi Bailor reagiert hätte), das absolut irrwitzige letzte Drittel, in dem Santi als "sehr klassischer" Römer für ein Gemälde des alten Nero Porträt sitzen soll und auf seine unfreiwillige Entkleidung mit einer Flucht über die Dächer der Via Margutta reagiert, die eine Live-Fernsehshow eines gewissen Fred Buonanotte sprengt, macht sich über Roman Holiday (1953) lustig.

    Und der dramaturgische Bogen entstammt einem Film von Henry Hathaway: In 14 Hours geht es darum, den Selbstmord eines Mannes zu verhindern, der von einem hohen Gebäude zu springen droht. Santi Bailor klettert, nachdem er das Plakat erblickt hat, auf das Kolosseum. In der Menge der Freunde und Schaulustigen finden sich die Zeugen, die in Rückblenden vom dem Wahn von Nando erzählen. Darunter ein wunderbarer Sidekick namens Cicalone, der schon seinen Namen in der Zeitung stehen sieht. Zur Sicherheit erfindet er einen, der etwas besser klingt: Pellacchioni Romolo - di Pasquale, fügt er dann noch hinzu. Man weiß ja nie. Un Americano a Roma ist extrem vergnüglich, ein unpoliertes Stück Unterhaltungskino, aus dem nicht zuletzt hervorgeht, dass das Italienische eine Sprache ist, in der sich alles bestens verballhornen lässt. Wenn man die entsprechend geschmeidige Zunge hat, wie Alberto Sordi.

    Un Americano a Roma wird heute, 8.1., um 18.30 und dann noch einmal am 20.1., 18.30 im Österreichischen Filmmuseum in Wien im Rahmen der Reihe Rom. Eine Stadt im Film 1945-1980 gezeigt


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  • CARGO #28 | Aboprämie

    17. Dezember 2015, Cargo

     




    * Im Gespräch: Todd Haynes

    * Serien 2015

     Kittlers Baggersee

    * Texte zu: Philippe Garrel, Apichatpong Weerasethakul, Andreas Voigts Leipzig-Filme, Cecilia Mangini, Guy Maddin, «Kiki de Montparnasse» uvm.

     

    Aboprämie: Pier Paolo Pasolini «Porcile» (DVD)


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  • Große kleine Filme: Ropert & Bozon im Arsenal

    11. Dezember 2015, Ekkehard Knörer in: Französisches Kino

    Seit gestern läuft im Arsenal eine Reihe mit Filmen von Axelle Ropert und Serge Bozon, zwei der aufregendsten Figuren des aktuellen französischen Kinos. Tirez la langue, mademoiselle ist am morgigen Samstagabend und am kommenden Dienstag zu sehen. Am Sonntag um 17 Uhr 30 gibt es ein Revolver-Live-Gespräch mit Ropert, ebenfalls im Arsenal.

    Ropert Tirez la langue

     
    Man soll die Sachen nicht vermischen, vor allem nicht das Berufliche und das Private. That's what the doctor ordered. Nur leider hält sich der Arzt nicht an das eigene Rezept. Der andere Arzt auch nicht. Sie sind Brüder, Boris und Dimitri Pizarnik, und Ärzte, die sich eine Praxis teilen, im asiatisch geprägten 13. Arondissement von Paris. Boris und Dimitri sind auch beste Freunde, meist kreuzen sie gemeinsam da auf, wo es brennt: bei einem Mädchen zum Beispiel mit schwerer Diabetes, ein Notruf. Aber wo ist die Mutter? Sie taucht bald auf, und da wird es dann fürchterlich kompliziert. Denn beide, Boris und Dimitri, verlieben sich in Judith, die Mutter, und den einen liebt sie zurück, den anderen nicht. Aber auch Boris' Weg zum Glück ist mit Hindernissen bestückt.

    Ebenfalls durcheinander gehen das Berufliche und das Private bei Dimitri, der bei den Anonymen Alkoholikern auf einen Mann trifft, dessen Kinder er in der Gemeinschaftspraxis behandelt. Das geht aber nicht unbedingt schlecht aus. Was nur zeigt, dass die Regel vermutlich nicht stimmt. Wege ins Unglück findet auch, wer die Sachen getrennt hält. Und im übrigen hält sich Axelle Ropert, Drehbuchautorin und Regisseurin, überhaupt nicht daran. Man könnte sogar sagen, dass es sehr gezielt ums Gegenteil geht. Den einen Arzt (Dimitri) hat sie mit dem befreundeten Regisseur Cédric Kahn treffend besetzt. Auch ihr Allzeitkollaborateur Serge Bozon (u.a. Regisseur von La Francezu dem Ropert das Drehbuch verfasste) spielt mit, die Kamera führt dessen Schwester, Céline Bozon. Sachen mit Freunden machen, das ist schöne Praxis, bei Ropert & Bozon, das war es bei den Diagonaleux um Paul Vecchiali, Jean-Claude Biette, Jean-Claude Guiguet und den andern, die für die Art des Filmemachens geliebte Vorbilder sind.

    Große kleine Filme sind das. Ein großer kleiner Film ist auch Tirez la langue, mademoiselle. Er beginnt mit einer Draufsicht, auf einen Platz. Im weiteren Verlauf sind dann Draufsicht und Dreinsicht charakteristisch gemischt. Man ist immer nah dran, wichtig sind die Nuancen, maliziöse Mikro-, aber auch sprunghafte Makroverschiebungen im Plot, denen kleine Blicke, ein Lächeln, ein Zögern bei den Darstellern korrespondieren. Nichts geht im Plot auf, der aber wichtig ist, weil er Anlässe gibt und Affekte heraufruft. Großes kleines Liebesdrama, das den Figuren das Geheimnis lässt und den Schmerz. Es gilt ihnen die unbedingte Liebe des Films. Aber die Devise ist auch: Zu viel zeigen und sagen sollte man nicht. Und immer auch das Komische sehen. Aber zugleich nichts an die Komik verraten. Auf Töne vertrauen. Und die tollste Szene ist wunderbar am Rande platziert: Die Patientin der Brüder und Tochter der liebesverwirrten Judith kommentiert im Gespräch mit dem chinesischstämmigen Eisverkäufer und Expatienten der Brüder die Sache sehr cool. Muss man gesehen haben. Wie diesen Film. Und überhaupt alle Filme von Ropert & Bozon.


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  • Oxhide II

    23. November 2015, Ekkehard Knörer

    Kurzer Hinweis: Auf der Artikelseite ist mein Text zu Liu Jiayins großartigem Film Oxhide II nachlesbar, Dokumentation meiner kurzen Einführung vor dem Film in der "Sehnsucht des Regens"-Reihe im Berliner Zeughaus.


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  • Schreckliches Interesse
    Fernsehhinweis: «Regeneration» (1915) von Raoul Walsh auf Arte

    22. November 2015, Bert Rebhandl in: Frühes Kino

    Zu Beginn des 20. Jahrhunderts muss die Bowery in New York eine ziemlich üble Gegend gewesen sein. Man kann das unter anderem aus der Tatsache schließen, dass eine karitative Einrichtung, die sich um die Verbesserung der Lebensverhältnisse bemüht, dort ein „settlement“ unterhält, einen Außenposten, wie ihn früher die Pioniere jenseits der „frontier“ errichteten. In Raoul Walshs erstem überlieferten Film Regeneration wird dieses Wohlfahrtsbüro zum zentralen Ort einer Geschichte, in der es dauernd darum geht, jemand „rauszuholen“ – aus einem brennenden Schiff, aus einer desolaten Familie, aus dem Leben eines Gangsters.

    Der Held, der von der falschen Seite auf die richtige wechselt, der sich (und stellvertretend das Milieu) also „regeneriert“, blickt zu Beginn aus dem Fenster einer Wohnung auf die Straße. Seine Mutter wird im Leichenwagen weggebracht, nun ist Owen Waise, und wird von dem Ehepaar nebenan aufgenommen. Die Welt, in der ihm sein Weg vorgezeichnet ist, charakterisiert Walsh geschickt durch die mehrfache frontale Einstellung auf das enge Treppenhaus, in dem betrunkene Männer über verdreckte Kleinkinder hinwegsteigen, wenn sie nach Hause wanken.

    RG

     

    Owen steigt schnell zum Boss einer Bande auf, mit der er genauso einen Tisch bei Grogan’s beansprucht wie die deutlich besser gestellte Familie von Marie Deering, zu deren Kreis auch ein District Attorney gehört, der (als „neuer Besen“) unter den Gangstern aufräumen will. Marie aber findet, sie wären „awfully interesting people“, womit man wohl in etwa das Publikumsinteresse an Regeneration bestimmt findet, einem typischen Sozialdrama der zehner Jahre, das mit „education, inspiration – and love“ die Exkursion in die „world where might is right“ rechtfertigt, also in eine Welt, in der das Recht des Stärkeren gilt.

    Marie gibt ihrem Interesse nach und bezieht Station in dem „settlement“, bald schon sieht man Owen dort am Tisch sitzen und das Rechnen lernen. Auch an der Tafel an der Wand stehen Zahlenkolonnen, und die Parole „God is Love“. Walsh (damals noch R.A. Walsh) inszenierte einige packende Massenszenen, vor allem, als das Schiff in Brand gerät und Panik ausbricht – die Massen quellen aus einer engen Luke nach oben, der Überlebensinstinkt bricht sich chaotisch Bahn. Interessant auch einige „sozialtheoretische“ Bildfolgen, vor allem deutet er an, dass die oralen Bedürfnisse des Kleinkinds sich das ganze Leben hindurch rücksichtslos durchsetzen (die Überblendung von einem Bierkrug mit einem Eis, an dem Owen als kleiner Junge schleckt, dazu immer wieder das Motiv, aus einem Topf zu trinken, der reihum geht, irgendwann sagt Owen sich davon los, sublimiert seine Prägung).

    Marie ist in dieser Welt gefährdet, sobald sie das „settlement“ verlässt, aber ihr ist ohnehin die Rolle eines „guten Geists“ vorgeschrieben, der schließlich in einer Doppelbelichtung eine andere Beziehung zu Owen eingeht, als das klassische Happy End. Der Klassengegensatz bleibt unaufgelöst, die „Regeneration“ führt den Helden an das Grab einer schönen Frau, die sich ganz der Caritas vermählt hatte – und ihrer Neugierde.

    Regeneration läuft am Montag 23.11. um 23.35 auf Arte. Das ZDF hat zu der Restauration, die Lobster Films auf Grundlage von Material vor allem aus dem MoMA hergestellt hat (einige herrliche Nitro-Effekte inklusive), in Zusammenarbeit mit der Komischen Oper einen sehr guten, jazzrockig-eklektischen Soundtrack produzieren lassen

    Bildrechte: ZDF/Lobster Films


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  • Trouble in Mind
    Filmhinweis für Berlin: «Bless Their Little Hearts» (1984) von Billy Woodberry im Arsenal

    18. November 2015, Bert Rebhandl in: US-Independent

    Müdigkeit ist das zentrale Wort in Billy Woodberrys Bless Their Little Hearts. Charlie Banks ist ein afroamerikanischer Familienvater in Los Angeles. Das erste Wort, das der Film mit ihm in Verbindung bringt, ist „Casual Labor“ auf einem Plakat am Arbeitsamt. Auf dem Heimweg sitzt er eine Weile auf Bahngleisen, er lässt sich offensichtlich Zeit, weil er nichts Neues zu verkünden hat daheim. Seine Frau Andais liegt im Bett, die drei Kinder passen auf sich selbst auf. Die Musik von Archie Shepp (von dem Album Trouble in Mind, 1980) setzt einen stark melancholischen Akzent.

    Die Spannung in der Familie wird in einer der interessantesten Szenen bildlich, als das ältere Mädchen eine Zange holen muss, um den Wasserhahn zu öffnen, nachdem der Vater sich rasiert hat. In der sehr einfach gehaltenen Erzählweise von Bless Their Little Hearts sind solche metonymischen Momente selten, in denen man förmlich noch spüren kann, wie der frustrierte Vater mit seiner überschüssigen Kraft das Wasser abdreht – halb unbewusst, aber vielleicht denkt er doch auch an die „utility bill“?

    Viele Parallelen zu Charles Burnetts Killer of Sheep sind unübersehbar, gerade was den Einsatz von Musik anlangt. Die Versuche von Charlie, zumindest mit Tagelöhnerei ein paar Dollar zu verdienen, stehen im Zeichen des Blues, man könnte im Grunde den ganzen Film in seiner undramatischen Eintönigkeit als eine Klage sehen. Eine Ausnahme gibt es allerdings: Einmal streiten die Eheleute in der Küche, nachdem Charlie spät nach Hause gekommen ist – er war bei einer anderen Frau, hatte sich dort aber mit seinem schwächlichen Versuch, zu einem „freebie“ zu kommen, eine Abfuhr geholt. Nun erwartet ihn Andais, sie ist geladen, und die ganze Auseinandersetzung kreist auf eine fast schon komische Weise um die Frage, wer mit welchem Recht mehr müde ist als der andere: „You got a right to be tired“, konzediert Charlie. Später sieht man ihn, nach einem Tag, an dem er etwas zu arbeiten hatte, in der Badewanne schlafen, so wie vorher einmal auf der Kühlerhaube eines Lastwagens.

    BH

     

    „I can’t make them people give me no job.“ Das ist die eine Seite der Angelegenheit, die andere formuliert ein Friseur, bei dem er sich Luft verschafft, und der ihn auf den heiklen Punkt seiner Qualifikation anspricht: „What can you do? „I can work.“ Das ist ein wenig zu allgemein.

    Gegen Ende deutet sich eine improvisierte Lösung an, die nicht von Dauer sein kann, aber so etwas wie einen Gemeingüteraspekt enthält. Charlie lässt sich auch darauf nicht vollständig ein, sodass schließlich offen bleibt, ob die Filmemacher (Burnett schrieb das Drehbuch und machte die Kamera, Woodberry den Schnitt und die Regie) ihn eher als Opfer der Verhältnisse oder als einen Mann sehen, der seiner Verantwortung (für die Familie, für die Community) auf ungenügende Weise nachkommt. "What's wrong with him?"

    Bless Their Little Hearts wird heute, 18.11., um 20.00 im Arsenal im Rahmen der Reihe L.A. Rebellion. Creating a New Black Cinema gezeigt. Billy Woodberry wird zu Gast sein, als Vorprogramm läuft sein Kurzfilm The Pocketbook (1980)


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  • Im Bronitzer Wald
    Filmhinweis für Berlin: «Der letzte Jude von Drohobytsch» (2011) von Paul Rosdy

    30. September 2015, Bert Rebhandl in: Dokumentarfilm Geschichte Shoah

    „In einem kleinen Café in Hernals spielt’s Grammophon mit leisem Ton an English-Waltz“, diesen Moment, der in einem Wienerlied von Hermann Leopoldi und Peter Herz beschworen wird, würde man wohl kaum mit einem der vielen Todesmärsche gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Verbindung bringen. Aber Alfred Schreyer erzählt davon, dass selbst in extremis etwas Tröstliches von der Musik ausging, und die Behauptung eines neben ihm gehenden Mannes, er wäre ein Opernsänger, hat ihm das Leben gerettet. Er wurde, zu Tode erschöpft, in einen Graben gestoßen und nicht erschossen. Damit wurde er zu einem Zeugen.

    Paul Rosdys Der letzte Jude von Drohobytsch ist vollständig Schreyer gewidmet, ein Film, der die persönliche und die Familiengeschichte eines Überlebenden zum Ausgangspunkt einer Erzählung von den Verlusten und historischen Umbrüchen nimmt. Rund um Drohobytsch, zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Zentrum der westukrainischen Ölindustrie, wurden Juden 1943 in vielen Fällen in den Wäldern erschossen. Schreyers Vater starb schon 1942 in Belzec, seine Mutter entkam einem Transport und starb im Bronitzer Wald.

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    Schreyer überlebte auch deswegen, weil er arbeiten konnte. Das Tischlerhandwerk hatte ihm der Dichter Bruno Schulz beigebracht, der in Drohobytsch als Lehrer tätig war und 1942 von der Gestapo erschossen wurde. Schreyer kam nach dem Krieg über das Baltikum in seine Heimatstadt zurück, und arbeitete danach lange als Sänger eines Kinoorchesters. Aber auch in der Sowjetunion hatte er unter Antisemitismus zu leiden, seine Frau wurde schikaniert, weil sie mit einem Mann verheiratet hatte, der einen Rabbiner in der Familie hatte.

    Der letzte Jude von Drohobytsch ist ein einfach gehaltener Zeugnisfilm, der nicht zuletzt von den vielen Fotografien lebt, zu denen Rosdy gelegentlich direkte Entsprechungen in der Gegenwart sucht: Wo früher eine „Apteka“ war, ist nun ein Adidas-Geschäft.

    Zum Schluss geht Schreyer in den Bronitzer Wald, und dann singt er noch ein Lied, das er über den „Bronyzkyj Lis“ geschrieben hat.

    Das Arsenal zeigt Der letzte Jude von Drohobytsch am Donnerstag, 1.10., zum Auftakt des zweiten Teils der Reihe Asynchron - Dokumentar- und Experimentalfilme zum Holocaust. Paul Rosdy wird als Gast erwartet

    Lektüreempfehlung: Martin Pollack, Galizien, Insel Taschenbuch enthält ein Kapitel über Drohobycz, das "galizische Pennsylvanien"


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  • CARGO #27 / Aboprämie

    18. September 2015, Cargo

     

    * Im Gespräch: Franz Müller

    * Warum Harun uns so teuer war

     Fotoreportage: Der Filmvorführer

    * Texte zu: Pedro Costa, Joshua Oppenheimer, Tsui Hark, Don Hertzfeldt Gilad Ratnam, «The Collaboration», «The Complete Little Nemo» uvm.

     

    Aboprämie: Klaus Wildenhahn: «Abendbier in flacher Gegend» (Buch)


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