14. März 2010, Woche 10/2010        Feature
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Aktuelle Ausgabe: CARGO Film/Medien/Kultur 04 vom 10. Dezember 2009

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CARGO 04/2009 Cover «Mad Men»
CARGO 05 erscheint am 25. März 2010.

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Axel Estein (MAERZ)

Welcome to Crocodile Country

Ein Bericht aus Manila in der Regenzeit. Eine Tour d'horizon durch die höchst lebendige Gegenwart des philippinischen Kinos.


In memoriam Alexis Tioseco, 1981 - 2009

 

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In den letzten fünf Jahren ist das ungemein lebendige,‭ ‬vielstimmige und kreative philippinische Kino durch seine zunehmende Präsenz und Erfolge auf den bedeutendsten internationalen Filmfestivals ins Blickfeld des am internationalen Kinogeschehen interessierten Publikums geraten.‭ ‬Damit ist es zum wichtigsten kulturellen Exportgut der Philippinen geworden.‭ ‬Den bisherigen Höhepunkt dieser Entwicklung markiert das Jahr‭ ‬2008.‭ ‬Besonders in Frankreich hat man das Potential des neuen philippinischen Kinos erkannt.‭ ‬Nicht nur wurden im vergangenen Jahr auf verschiedenen französischen Festivals mehr als‭ ‬60‭ ‬philippinische Filme gezeigt,‭ ‬es wurden sogar mehrere hochdotierte Kooperations-‭ ‬und Koproduktionsverträge geschlossen,‭ ‬an denen sich auch deutsche Geldgeber beteiligt haben.

In keinem anderen asiatischen Land ist die digitale Revolution von Filmemachern erfolgreicher umgesetzt worden und hat eine tiefgreifendere Veränderung der Filmindustrie bewirkt als auf den Philippinen.‭ ‬Eine neue,‭ ‬ganz eigene philippinische Filmkultur ist seitdem entstanden und entwickelt sich mit überraschender Geschwindigkeit weiter.

International bekannte,‭ ‬ihren ganz eigenen Sichtweisen verpflichtete Regisseure wie Lav Diaz,‭ ‬Brillante Mendoza,‭ ‬Jeffrey Jeturian oder Khavn de la Cruz filmen digital,‭ ‬mit bescheidenen finanziellen Mitteln,‭ ‬aber mit atemberaubender Flexibilität und Arbeitstempo.‭ ‬Bei den Drehs mit kleinen,‭ ‬schnell agierenden Teams unterwegs,‭ ‬ist das unerschütterliche Credo dieser Kinorebellen,‭ ‬unter allen Umständen die Kamera am Laufen zu halten und die sie umgebende Wirklichkeit möglichst genau einzufangen.‭ ‬Die Ergebnissen sind erstaunlich.‭ ‬Diese Künstler‭ ‬-‭ ‬so unterschiedlich und vielfältig ihr meist sehr persönlicher Stil auch sein mag‭ ‬-‭ ‬arbeiten alle unabhängig,‭ ‬weit weg vom Studio-Mainstream und den eingespielten Vertriebswegen und stoßen dabei politische,‭ ‬soziale und ästhetische Diskussionen an,‭ ‬die Publikum und Fachwelt gleichermaßen in Erstaunen versetzen.‭ ‬Die Filme dieser enorm kreativen und dynamischen Szene verändern die Sichtweise auf die Philippinen,‭ ‬auf ihre Bewohner,‭ ‬ihre Kultur und ihr Kino.

Den Verschiebungen im Gefüge des Produktionsgeschehens‭ (‬das sich bisher nahezu vollständig auf die Hauptstadt,‭ "Imperial Manila‭“‬,‭ ‬als Zentrum des politischen,‭ ‬sozialen und kulturellen Lebens konzentrierte‭) ‬trägt inzwischen eine weitere dezentralistische,‭ ‬man kann sagen,‭ ‬demokratisierende Entwicklungswelle Rechnung:‭ ‬Kaum sind die ersten positiven Schocks verarbeitet,‭ ‬drängt schon eine noch jüngere Generation von Digital-Arbeitern in die Öffentlichkeit.‭ ‬Nachwuchskünstler aus den verschiedenen,‭ ‬bisher immer unterrepräsentierten Provinzen beginnen,‭ ‬sich zu Wort zu melden,‭ ‬und beschreiben bislang wenig beachtete regionale Aspekte des Landes.

Für viele Beobachter ist dies Anlass und Bestätigung genug,‭ ‬von einem neuen goldenen Zeitalter für das philippinische Kino zu sprechen.‭ ‬Dies auch,‭ ‬weil es beginnt,‭ ‬seine nationalen Grenzen hinter sich zu lassen und dabei ist‭ ‬-‭ ‬wie schon einmal kurz zu Anfang der‭ ‬1980er Jahre‭ ‬-,‭ ‬das internationalen Publikum für sich zu interessieren.‭ ‬Sein Potential ist damit aber noch längst nicht erschöpft.

Die digitale Revolution im philippinischen Kino könnte leicht auch als tragfähiges Entwicklungsmodell für andere unterrepräsentierte Filmkulturen der sogenannten Dritten Welt dienen.‭ ‬Es gilt,‭ ‬die Möglichkeiten digitalen Filmens in neues Denken und Handeln über ökonomische und ästhetische Produktionszusammenhänge,‭ ‬die Schaffung neuer,‭ ‬unabhängiger Produktions-‭ ‬und Auswertungsstrukturen in selbsterhaltende Modelle zu übersetzen.‭ ‬Die Möglichkeiten hierfür sind‭ ‬-‭ ‬wie das Beispiel Philippinen zeigt‭ ‬-‭ ‬besser denn je.

Lav Diaz in Berlin

Lav Diaz in Berlin (Foto: Axel Estein)

Vorhang auf‭ ‬...

Es ist Regenzeit,‭ ‬Festivalzeit.‭ ‬In wenigen Tagen werden am Ende der fünften Auflage von Cinemalaya,‭ ‬dem wichtigsten Fest des philippinischen Kinos‭ ‬-‭ ‬und das heißt:‭ ‬junges,‭ ‬digitales Independent-Kino‭ ‬-‭ ‬die diesjährigen Sieger gekürt werden.

Ein schlaffes Sturmtief,‭ ‬bei mittleren Windgeschwindigkeiten von gerade einmal‭ ‬65‭ ‬km/h eher eine tropische Depression,‭ ‬mit dem unromantischen Kodenamen‭ "‬07W‭“ ‬arbeitet sich seit Tagen schon ab über Luzon,‭ ‬der im Norden gelegene Hauptinsel des Landes.‭ ‬Während eines‭ ‬36-stündigen Dauerregens sind‭ ‬200‭ ‬Liter und mehr auf den Quadratmeter gestürzt.‭ ‬Nun kriecht‭ "‬07W‭“ ‬nordwärts weiter,‭ ‬Hongkong und dem chinesischen Festland entgegen.

Was in Europas gemäßigten Breiten das öffentliche Leben zum Erliegen bringen und von hysterischen Medien mit eindringlichsten Weltuntergangsszenarien beschworen werden würde,‭ ‬lässt auf den Philippinen das Leben nicht auch nur eine Sekunde innehalten.‭ ‬Eine kurze Veränderung des hektischen Rhythmuses vielleicht‭ ‬-‭ ‬das ist aber auch schon alles.‭ ‬Der Eigensinn der Natur wird auf den Philippinen mit Gelassenheit genommen und bestmöglich durch Spontaneität und situatives Improvisationstalent gekontert. Schwer vorstellbar, wenn man in einem Land lebt, dem positiver Fatalismus so fernliegt wie Deutschland.

Zweifellos sind die Philippinen ein paradiesischer Flecken Erde.‭ ‬Aber die Tropen können auch traurig sein.‭ ‬Oft sogar.‭ ‬Von Erdbeben,‭ ‬Vulkanen,‭ ‬Taifunen und Springfluten ist dieser Archipel am Rand des pazifischen‭ "‬ring of fire‭“ ‬immer wieder umgepflügt worden.‭ ‬Unter solchen Dauerbedingungen entwickelten seine Bewohner die dazu passende Mentalität.‭ ‬Dazu gehört die Einübung von Gleichmut im Angesicht von Katastrophen.‭ ‬Seinen Ausdruck findet das in der allgegenwärtigen Floskel‭"‬hindi bale‭“‬,‭ ‬und der Gewissheit,‭ ‬dass doch‭ „‬alles halb so wild‭“ ‬ist‭ ‬-‭ „‬was soll’s‭?! ‬macht nichts.‭“ ‬Auf ein Neues‭ ‬...‭ ‬-‭ "‬Bahala na‭“‬,‭ ‬also,‭ "‬das wird schon‭“‬,‭ ‬ein weiteres geflügeltes Wort und unerschütterliches Motto aller Filipinos.‭ ‬Denn schlimmer kann’s immer kommen,‭ ‬selbst in der aussichtslosesten Situation.‭ ‬Man sollte also zufrieden sein,‭ ‬dass überhaupt noch was geht.‭ ‬Der Rest wird sich ergeben.

Der Regisseur,‭ ‬Musiker und Lebenskünstler Lav Diaz ist so einer,‭ ‬der weiß,‭ ‬was gespielt wird und was man dem entgegenzusetzen hat:‭ "‬Cool,‭ ‬man‭! ‬Rock‭ ‘‬n‭’ ‬Roll,‭ ‬man‭! ‬Wazak,‭ ‬man‭!‬“ Das ist ebenso aufrichtige Lebenshaltung wie es Taktik ist,‭ ‬die unzumutbaren Verhältnisse auszuspielen.‭ ‬Zum Beispiel mit dem Genrefilm HESUS THE REVOLUTIONARY‭ (‘‬02‭)‬,‭ ‬einer der wenigen ernstzunehmenden politischen Utopien,‭ ‬die bislang auf den Philippinen gedreht wurden.‭ ‬Gerade ist der berüchtigte Langfilmer‭ ‬-‭ ‬die Spieldauer seiner Echtzeitwerke bewegt sich zwischen‭ ‬5‭ ‬bis‭ ‬11‭ ‬Stunden‭ ‬-‭ ‬aus der Provinz Bikol zurückgekehrt,‭ ‬wo er am zweiten,‭ ‬vielleicht auch schon am dritten Teil‭ (‬so genau weiß er das selbst nicht,‭ ‬ist inspirationsabhängig‭) ‬seiner‭ ‬2006‭ ‬begonnenen Mamut-Trilogie HEREMIAS gearbeitet hat.

Szenenwechsel...

Metro Manila,‭ ‬Quezon City,‭ ‬tiefer Juli:‭ ‬In einer kleinen Seitenstraße,‭ ‬die den Hang hinauf führt und bald in einer Sackgasse endet,‭ ‬ist das Haus des Malers Dante Perez gelegen.‭ ‬Er ist ein alter Freund von Lav Diaz,‭ ‬der ihn nun schon zum zweiten Mal in einem seiner Filme besetzt hat.‭ ‬Unsere kleine Gesellschaft,‭ ‬eine‭ "‬Barkada‭“‬,‭ ‬eine Gruppe Gleichgesinnter‭ (‬auf den Philippinen ist man selten allein‭!)‬,‭ ‬zu der auch Raul Ardellano,‭ ‬ebenfalls Maler,‭ ‬der Experimentalfilmer und Comic-Künstler Roxlee,‭ ‬die Produktionsleiterin‭ "‬Kintz‭“ ‬Kintana und noch drei,‭ ‬vier weitere Bekannte,‭ ‬darunter der Nachwuchsregisseur Will Fredo und der enzyklopädisch beschlagene Filmologist und zweite Vorsitzende der nationalen Filmförderungskommission Teddy Co gehören,‭ ‬hat sich von einem der von Diaz ‬innig geliebten Coffee-Shops und später einer nahegelegenen Bar in Cubao,‭ ‬einem der vielen Shopping-‭ ‬und Vergnügungsviertel Manilas,‭ ‬zu Perez‭’ ‬Domizil bewegt,‭ ‬um dort weiter der Nacht entgegenzutrinken.

Man hat es sich auf irgendwelchen improvisierten Sitzgelegenheiten gemütlich gemacht‭ ‬-‭ ‬soweit das geht in einer Waschbeton-Einfahrt.‭ ‬Im Haus ist es zu heiß.‭ ‬Kein Luftzug streicht hindurch.‭ ‬Die Vorbesitzer haben es in einem Stil errichtet,‭ ‬der nicht den klimatischen Gegebenheiten entspricht.‭ ‬Warum‭? ‬Eines der vielen Mysterien der Philippinen.‭ ‬Vor dem Zaun,‭ ‬auf der Straße hängen junge Gestalten herum und versuchen,‭ ‬sich irgendwie die Langeweile der bevorstehenden Nacht zu vertreiben,‭ ‬bevor sie sich der Langeweile des kommenden Tages ergeben müssen.‭ ‬Es gibt nichts zu tun für sie.‭ ‬Und es wird für sie auch in absehbarer Zeit nichts zu tun geben.‭ ‬Zu den Gewinnern der Globalisierung gehören sie eindeutig nicht.‭ ‬Sie besitzen das zweifelhafte Privileg,‭ ‬vom freien Weltmarkt nicht gebraucht zu werden.‭ ‬Nicht mal auf dem heimischen Markt bleibt etwas für sie übrig.‭ ‬Wir sitzen hinter dem Zaun,‭ ‬schmiedeeisern,‭ ‬hat was Altes.‭ ‬Nicht dass der unüberwindlich wäre.‭ ‬Es ist eher eine Sache sich nur wenig überschneidender Lebenskreise.‭ ‬Der Traditionen.‭ ‬Des Respekts.‭ ‬Auf den Philippinen ist man eher als anderswo bereit,‭ ‬die Dinge hinzunehmen,‭ ‬wie sie sind.‭ ‬Aber nicht ewig.‭ ‬Manchmal ist das Maß voll.‭ ‬Dann kommt es zur Explosion.‭ ‬Aber nicht heute.‭ ‬

Es ist Regenzeit,‭ ‬und die Megalopolis von‭ ‬15‭ ‬bis‭ ‬18,‭ ‬vielleicht auch schon‭ ‬20‭ ‬Millionen Einwohnern‭ (‬genaue Zahlen will eigentlich niemand wissen‭) ‬ist mal wieder haarscharf daran vorbeigegangen,‭ ‬im Sturzregen abzusaufen.‭ ‬Nun funkeln die Sterne.‭ ‬Keine Wolke trübt den Himmel.‭ ‬Nicht in dieser Nacht.‭ ‬Noch hat sich die schwülwarme Hitze des Tages nicht verzogen.‭ ‬Auf der Haut beginnt der Ruß ungefilterter Verbrennung eine alchymische Verbindung mit dem Schweiß einzugehen.‭ ‬Da kann man nichts machen.‭ ‬Doch‭! ‬Draußen sitzen.‭ ‬Und trinken.‭ ‬Reden.‭ ‬Schwadronieren.‭ ‬Bei der Analyse der Machtverhältnisse heißlaufen mit der billigen Variante des Tanduay,‭ "‬the no.‭ ‬1‭ ‬Rum of the Philippines‭“‬,‭ ‬wie die Werbung behauptet,‭ ‬mit dem Nahfusel-Brandy Emperador und mit einem der besten Biere Asiens:‭ ‬San Miguel‭ ‬-‭ ‬selbstverständlich nur in der Pale-Pilsen-Variante‭ ‬-,‭ ‬dem‭ "‬einzigen Bier,‭ ‬das wahre Filipino-Freundschaft nährt‭“‬. Steht auf dem Etikett.‭ ‬Und es stimmt ‬-‭ ‬darüber ist die Runde sich einig.‭ ‬Auch leicht schwankend haben wir noch festen Boden unter den Füßen.‭ ‬Beton.‭ ‬Den haben andere in den Köpfen.

Ende Juli ist es in Manila wieder einmal soweit:‭ ‬Gloria Macapagal-Arroyo,‭ ‬kurz GMA,‭ ‬die Präsidentin,‭ ‬bei ihren Landsleuten noch unbeliebter als der gehasste Diktator Marcos,‭ ‬wird ihre Regierungserklärung zur Lage der Nation abgeben.‭ ‬Die sogenannte SONA‭ (‬die Philippinen sind das Weltzentrum der Akronyme,‭ ‬zum Erlernen der Bedeutung solcher Kunstwörter,‭ ‬deren man sich hier inflationär bedient,‭ ‬gibt es an den Schulen sogar ein eigenes Unterrichtsfach‭) ‬wird jeweils schon im Vorfeld heiß diskutiert. Und wer noch nicht weiß, dass heute der SONA-Tag ist,‭ ‬der erkennt es an den in diesem Jahr außergewöhnlich zahlreichen nächtlichen Straßensperren der schwerbewaffneten Sicherheitskräfte:‭ ‬Theatereffekte vor der großen Mumpitz-Show.‭ ‬Die ist für die meisten kaum mehr als eine große Lachnummer und nicht das Papier wert,‭ ‬auf dem sie geschrieben steht.‭ ‬Aber Kritik ist unerwünscht.‭ ‬Und daher dienen die Kontrollpunkte weniger der Sicherheit als der Abschreckung der Bürger.‭ ‬Die haben die Nase gestrichen voll von ihrer in fortdauernde Skandale verstrickten Regierung.‭ ‬Die Präsidentin spricht.‭ ‬Viele hören zu.‭ ‬Nur die Mitläufer und wenigen Nutznießer glauben ihr.‭ ‬Am Tag der SONA lassen sich daher Massenproteste vor dem Parlamentsgebäude nicht verhindern.

Und längst schon ist das Rennen um die besten Startplätze im Kampf um das im kommenden Jahr neu zu besetzende Präsidentenamt eröffnet.‭ ‬Auf einer Wahlkampfveranstaltung in Quiapo,‭ ‬dem beengtesten und zugleich quirligsten Stadtteil des alten Manila,‭ ‬bei der es schon den ganzen Tag lang wie aus Eimern gießt,‭ ‬wird der wegen Korruption und Ausplünderung des Landes aus dem Amt gejagte Joseph Estrada immer noch als "‬Mr.‭ ‬President‭“ ‬tituliert.‭ ‬Eigentlich sollte‭ "Erap‭“‬,‭ ‬der‭ "‬Kumpel‭“‬,‭ ‬wie er sich noch lieber als‭ "‬Mr.‭ ‬President‭“ ‬nennen lässt,‭ ‬lebenslänglich hinter Gittern sitzen.‭ ‬Aber das nimmt man hier nicht so genau.‭ ‬Vergeben und vergessen‭ ‬-‭ ‬auch,‭ ‬dass eine der Bedingungen für Estradas Begnadigung durch einen Erlass der Präsidentin war,‭ ‬dass er nie wieder ein politisches Amt anstreben dürfe.‭ ‬Schwamm drüber.‭ ‬Allein Volkes Wille sei es,‭ ‬der‭ "‬Erap‭“ ‬wieder in die Politik drängt.‭ ‬Selbst er,‭ ‬Estrada‭ ‬-‭ ‬in erster Karriere der schmissigste Haudegen des philippinischen Actionkinos‭ ‬-,‭ ‬einer jener Willensmenschen des eher gemütlich-explosiven Schlages,‭ ‬hat dagegen nichts in der Hand.‭ ‬Mit so etwas kann man zweifelsohne großes Kino machen.‭ ‬Jerold Tarong und Ruel Dahis Antipuesto haben das erkannt und für ihren gemeinsamen Debütfilm CONFESSIONAL‭ (‘‬07‭) ‬genutzt.‭ ‬In dieser großartigen Mocumentary,‭ ‬die das bis in die Knochen korrupte politische System der Philippinen mit seinen eigenen Mitteln bloßstellt,‭ ‬schwadroniert ein einflussreicher Kommunalpolitiker ohne jedes Schuldbewusstsein über seinen jahrzehntelangen schamlosen Amtsmissbrauch,‭ ‬der ihn zweifellos sofort lange hinter Gitter bringen müsste‭ ‬-‭ ‬allerdings nicht auf den Philippinen‭!

Die Übergänge von legal zu schwerkriminell sind im Archipel der‭ ‬7000‭ ‬Inseln fließend.‭ ‬Wie geschmiert funktionieren die Wege in beide Richtungen.‭ ‬Ohnehin wird,‭ ‬wer die Gesetze zu genau nimmt,‭ ‬als notorischer Querulant nicht nur der Haarspalterei bezichtigt,‭ ‬sondern oft gleich ganz aus dem Spiel entfernt‭ ‬-‭ ‬mit den Füßen voran.‭ ‬Inzwischen schon über‭ ‬900‭ ‬Menschenrechtler,‭ ‬Gewerkschaftler,‭ ‬politisch linksstehende Aktivisten und Journalisten mussten seit dem Amtsantritt von GMA vor rund‭ ‬neun‭ ‬Jahren ihr Eintreten für die Durchsetzung bestehender Gesetze oder von Reformen mit dem Leben bezahlen.‭ ‬Allein in den letzten beiden Monaten wurden vier Journalisten ermordet.‭ ‬Dem Militär und den Sicherheitsorganen nahestehende Gruppen erledigen dies nicht selten mit Kenntnis und Einverständnis lokaler politischer Eliten,‭ ‬die sich auf diese Weise gerne auch lästiger Konkurrenten um Ämter und damit verbundener nicht‭ ‬unerheblicher Zubrote entledigen.‭ ‬Doch die offiziell bestätigten Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs.

Allein in Davao City,‭ ‬der drittgrößten Stadt der Philippinen,‭ ‬auf der Insel Mindanao gelegen,‭ ‬Pulverfass und größtes der vielen permanenten Krisengebiete des Inselstaates,‭ ‬sind in den letzten‭ ‬zehn ‬Jahren über‭ ‬800‭ ‬Kleinkriminelle,‭ ‬Mitglieder von Jugendbanden und Straßenkinder von den örtlichen Bürgerwehren und Todesschwadronen hingerichtet worden.‭ ‬Die Aussagen des sich gerne autokratisch und martialisch gebärdenden Bürgermeisters Rodrigo Duterte hierzu sind kaum je widersprüchlich,‭ ‬zumeist unmissverständliche offene Todesdrohungen an in seinen Augen irgendwie verdächtige,‭ ‬dubiose Elemente.‭ ‬Eine solche Haltung wird durchaus akzeptiert.‭ ‬Denn das Land ist geprägt von einer enorm starken Macho-Kultur.‭ ‬Viele Volksvertreter und Gesetzeshüter lassen sich von Anhängern wie Gegnern gleichermaßen gern als eine Mischung aus‭ "‬Dirty Harry‭“ ‬und‭ "‬Punisher‭“ ‬beschreiben.‭ ‬Eine große Menge autobiographisch geprägter Selbstjustiz-Actionfilme wie HAGEDORN‭ (‘‬96‭) ‬oder PING LACSON SUPER COP‭ (‘‬00‭) ‬zeugen hiervon.‭ ‬Kein Wunder,‭ ‬dass es bei solchen medialen Attraktionsmomenten in jedem Provinzkaff von selbstgerechten Saubermannfiguren diesen Kalibers wimmelt.

Engkwentro

Still aus Engkwentro

ENGKWENTRO‭ (‘‬09‭) ‬greift dieses Problem auf.‭ ‬Pepe Diokno,‭ ‬der gerade einmal‭ ‬21‭ ‬Jahre alte Regisseur,‭ ‬hat sich während seiner einjährigen Recherchereise für einen Dokumentarfilm über philippinische Gefängnisse zu diesem Film inspirieren lassen.‭ ‬Verständlicherweise ist er beunruhigt.‭ ‬Seine Befürchtungen,‭ ‬selbst ins Schussfeld zu geraten,‭ ‬sind durchaus gerechtfertigt.‭ ‬Dennoch lässt er sich nicht einschüchtern.‭ ‬Wie viele Idealisten seiner Altersgruppe und viele seiner jungen Regiekollegen will er die untragbaren Zustände in seiner Heimat mit ihren permanenten massiven Verletzungen der Menschenrechte und den zahlreichen außergerichtlichen Exekutionen nicht weiter hinnehmen.‭ ‬Zumindest im Westen ist er mit seiner Kritik schon auf offene Ohren gestoßen:‭ ‬Noch vor dem Ende des diesjährigen Cinemalaya-Festival,‭ ‬auf dem ENGKWENTRO uraufgeführt wurde,‭ ‬bekam er eine Einladung zu den Filmfestspielen in Venedig.‭ ‬Die Bloßstellung der Missstände ist ein Novum.‭ ‬Sicher hat Lav Diaz‭’ ‬Riesenwerk DEATH IN THE LAND OF ENCANTOS‭ (‘‬07‭) ‬dazu beigetragen,‭ ‬dass nun auch typische Vertreter des Mainstreams wie der Regieveteran Mel Chionglo offene Kritik üben.‭ ‬In seinem Low-Budget-Film BENTE‭ (‘‬09‭)‬,‭ ‬spielt Jinggoy Estrada,‭ ‬Senator und Sohn des Ex-Präsidenten,‭ ‬einen Radiojournalisten,‭ ‬der wegen seiner brisanten Enthüllungen an oberster Stelle auf der Todesliste eines Politikers steht.‭ ‬Kein guter Film,‭ ‬dafür Zeichen einer ermutigenden‭ ‬Entwicklung.

Auf den Philippinen ist Politik ohnehin mehr als anderswo Showgeschäft‭ ‬-‭ ‬meist überdrehtes Melodram,‭ ‬oft unterstes Schmierentheater,‭ ‬nicht selten aber auch so blutig wie eine Grand-Guignol-Aufführung.‭ ‬Die Philippinen sind ein Operettenstaat‭ (‬1‭)‬.‭ ‬In diesem Klima gedeihen kontroverse und extreme Dinge.‭ ‬Wer sich über Filme wie Brillante Mendozas FOSTER CHILD‭ (‘‬07‭)‬,‭ ‬TIRADOR‭ (‘‬07‭) ‬oder SERBIS‭ (‘‬08‭) ‬wundert,‭ ‬sollte seinen Urlaub einmal nicht im touristenzahmen Thailand verbringen,‭ ‬sondern vor dem Einchecken im Strandressort zuerst in einen der lauten,‭ ‬grellen Ballungsräume der Philippinen eintauchen.‭ ‬Hier finden viele der jungen Regisseure ihre Themen:‭ ‬im Alltag der überwiegenden Mehrzahl ihrer Landsleute,‭ ‬erbärmliche Armut am Rand des Existenzminimums und von anderen Bedingungen geprägt, als es ihre Präsidentin gerne hätte,‭ ‬deren erz-neoliberales Wirtschaftsprogramm lediglich der wohlsituierten,‭ ‬winzigen Oberschicht in die Hände spielt.‭ ‬

Carnivore

Still aus Carnivore

Die große Mehrheit der Bevölkerung bleibt vom Wohlstand ausgeschlossen.‭ ‬Nur jene Familien,‭ ‬die eines oder mehrere ihrer Mitglieder als Billiglohnkräfte nach Übersee entsenden und von deren in die Heimat transferierten Einkünften leben können,‭ ‬ist es möglich,‭ ‬in kleinen Schritten das inländische Bruttosozialprodukt zu steigern.‭ "Filmreife Stories schießen unter solchen Verhältnissen wie Pilze aus dem Boden‭“‬,‭ ‬erklärt der Regisseur Brillante Mendoza.‭ ‬Ein weiterer Grund,‭ ‬warum die philippinische Independent-Filmszene derzeit so produktiv ist.‭ ‬Allerdings sollte man sich als Filmemacher nie zu weit aus dem Fenster lehnen.‭ ‬Auch das macht die Werke unerschrockener junger Filmer wie ANAK NI TINAPA‭ (‘‬05‭) ‬von Jon Red,‭ ‬ROTONDA‭ (‘‬06‭) ‬von Ron Bryant,‭ ‬CARNIVORE‭ (‘‬08‭) ‬von Ato Bautista oder jüngst den grauenerregenden KINATAY‭ (‘‬09‭) ‬von Mendoza so bemerkenswert.‭ ‬Alle drehen sich darum,‭ ‬wie Korruption und ihre oft extrem gewalttätigen Folgen alle Bereiche der Gesellschaft durchdringen und ihre Fundamente untergraben,‭ ‬wie der Mensch des Menschen Wolf bzw.‭ ‬Krokodil ist.

Verblendung und extreme Realitätsverleugnung haben auf den Philippinen eine lange Tradition.‭ ‬Schon die luxusgeile Gattin des früheren Diktators Marcos wollte um keinen Preis wahrhaben,‭ ‬dass die Nation darbt.‭ ‬Die Übel beim Namen zu nennen und zu zeigen,‭ ‬was auf den Straßen tatsächlich vor sich ging,‭ ‬war Tabu.‭ ‬Jene an den italienischen Neorealismus angelehnten,‭ ‬sozialkritischen Slum-Filme des Altmeisters Lino Brocka wie MANILA IN THE CLAWS OF NEON‭ (‘‬75‭)‬,‭ ‬INSIANG‭ (‘‬76‭) ‬oder JAGUAR‭ (‘‬79‭) ‬waren ihr daher ein Dorn im Auge und passten nicht zu dem von ihr persönlich angestoßenen und überwachten Verschönerungsprogramm der Hauptstadtstraßen.‭ ‬Das Elend sollte hinter potemkinschen Fassaden verschwinden.‭ ‬Unter drastischer Blickverengung leidet das Establishment offensichtlich noch immer,‭ ‬besonders die Präsidentin,‭ ‬wenn sie‭ ‬-‭ die Sprüche kennt man auch andernorts -‭ ‬ihren Landsleuten blühende Landschaften und den Anschluss an den Lebensstandard der Industrienationen innerhalb der kommenden‭ ‬zwanzigJahren verspricht.‭ ‬In diesem Land hat man sich daran gewöhnt,‭ ‬für den Augenblick zu leben und den Rest möglichst schnell zu vergessen.‭ ‬Etwas anderes als die Verheißungen eines strengen katholischen Glaubens,‭ ‬dem‭ ‬80‭ ‬Prozent der Bevölkerung anhängen, und der die Philippinen zu einer der stärksten Bastionen des Papstes machen,‭ ‬stand hier nie wirklich zur Debatte.‭ (‬Der Druck,‭ ‬mit dem hier römisch-katholische Ideologien durchgesetzt werden,‭ ‬würde selbst polnische Opus-Dei-Anhänger erzittern lassen.‭) ‬Was man dagegen haben möchte,‭ ‬ist der schöne Schein für den Augenblick‭ ‬-‭ ‬und den permanent.

Als Reaktion darauf ziehen ambitionierte junge und rebellische Regisseure los wie kleine Guerillatrupps und filmen ihre Sicht der Dinge.‭ ‬Und die ist nicht schön.‭ ‬Man kann diese Entwicklung unter dem Label Neo-Slumfilme zusammenfassen.‭ ‬Sie knüpft an den Brocka der‭ ‬70er Jahre und an bestimmte Tendenzen der für das philippinische Kino‭ ‬weitgehend unbedeutenden Zwischenzeit der‭ ‬90er Jahre an.‭ ‬Zu nennen wären das vielfach verkannte filmvisionäre Multitalent Mario O’Hara mit den Neo-Slum-Meisterwerken ANG BABAE SA BUBUNGANG LATA‭ (‘‬98‭) ‬und BABAE SA BREAKWATER‭ (‘‬04‭) ‬oder der gleichfalls unterschätzte Jeffrey Jeturian mit PILA BALDE‭ (‘‬99‭)‬,‭ ‬der Mediensatire TUHOG‭ (‘‬01‭) ‬und dem stilistisch richtungsweisenden KUBRADOR‭ (‘‬06‭)‬.‭ ‬Um sie herum gruppieren sich Junge Wilde und Brutes wie John Torres mit TODO TODO TEROS‭ (‘‬06‭)‬,‭ ‬Khavn Dela Cruz mit SQUATTERPUNK‭ (‘‬07‭)‬,‭ ‬Jim Libiran mit TRIBU‭ (‘‬07‭)‬,‭ ‬Adolf Alix jr.‭ ‬mit ADELA‭ (‘‬08‭)‬,‭ ‬Rolston Jovers mit BASECO BAKAL BOYS‭ (‘‬09‭)‬,‭ ‬magische Realisten wie Pablo Herras mit REKADOS‭ (‘‬06‭) ‬oder jene vom politischen Bildpoeten Lav Diaz inspirierte Schule zu der Sherad Anthony Sanchez mit seiner monumentalen Davao-Studio IMBURNAL‭ (‘‬08‭) ‬gehört.‭ ‬Sie sind ästhetische Aufrührer und können doch problemlos auch als Neo-Traditionalisten betrachtet werden.‭ ‬Insbesondere wäre hierzu auch der in den internationalen Filmfestivalzirkus schon bestens eingeführte junge Nachwuchsüberflieger Raya Martin zu zählen.‭ ‬Er widmet sich mit A SHORT FILM ABOUT THE INDIO NACIONAL‭ (‘‬05‭)‬,‭ ‬INDEPENDENCIA‭ (‘‬09‭) ‬oder zuletzt den gemeinsam mit Adolf Alix gedrehten MANILA‭ (‘‬09‭)‬,‭ ‬eine Hommage an die Manila-Filme der beiden Großmeister Lino Brocka und Ishmael Bernal,‭ ‬der Aufarbeitung eines schwierigen historischen Erbes.

Allerdings kann man das Konzept der Slumfilme schnell überreizen und jegliche soziale Relevanz über Bord gehen lassen.‭ ‬So wie ASTIG‭ (‘‬09‭)‬.‭ ‬Er stellt das Leben unter der Armutsgrenze mit beliebten Film-‭ ‬und Fernsehstars und immensem Produktionsaufwand im Stil von MTV-Clips nach.‭ ‬Sein Regisseur GB Sampedro ist ein erfolgreicher Werbe-‭ ‬und Musikvideofilmer.‭ ‬Nicht zu Unrecht bezeichnen manche ASTIG als Hochglanz-Slum-Pornographie.‭ ‬Vorausgesetzt,‭ ‬es lassen sich hierdurch tatsächlich die zahlungskräftigen,‭ ‬hippen Mittelklasse-Kids in die Kinos locken,‭ ‬könnten bald schon mehr Filme entstehen,‭ ‬die diesem Look entsprechen.‭ ‬Und auch der in Cannes uraufgeführte MANILA konnte nur entstehen,‭ ‬weil der Film-‭ ‬und Popstar Piolo Pasqual für die Hauptrolle gewonnen und dadurch überhaupt erst die nötigen Produktionsgelder eingesammelt werden konnten.‭ ‬Inzwischen ist es für viele aus dem Mainstream zu einem Trend geworden,‭ ‬ihre persönlichen Eitelkeiten durch die Mitarbeit an prestigeträchtigen Independent-Projekten zu befriedigen.‭ ‬Ein weiteres Ziel ist es,‭ ‬im In-‭ ‬und Ausland schnell jene künstlerische Beachtung zu finden,‭ ‬die durch auf den philippinischen Mainstream-Markt beschränkte Arbeiten verwehrt bleibt.

Dinig Sana KitaEine absurde Umkehrsituation ist entstanden:‭ ‬Die‭ ‬kreativen Kräfte des digitalen Kinos haben‭ ‬mit einem erheblichen Wahrnehmungsdefizit in ihrer Heimat zu kämpfen,‭ ‬während sie auf internationalen Filmfestivals gefeiert oder zumindest mit Überraschung zur Kenntnis genommen werden.‭ ‬Auf den Philippinen finden sie außerhalb kleiner universitärer,‭ ‬filmwissenschaftlicher oder kineastischer Zirkel so gut wie keine Aufmerksamkeit.‭ ‬So befruchtet die Szene zum Bedauern vieler‭ ‬sich nur selbst‭ ‬-‭ ‬aber dies mit einer erstaunlich hohen Fortpflanzungs-‭ ‬und Mutationsrate.‭ ‬Das führt zu Kontroversen,‭ ‬die die Szene zersplittern.‭ ‬Für Mike Sandejas,‭ ‬einen ‬eher publikumsorientierten unabhängigen‭ ‬Regisseur,‭ ‬der mit seinen Musikfilmen TULAD NG DATI‭ (‘‬06‭) ‬und DINIG SANA KITA‭ (‘‬09‭) ‬ausreichend Zuschauer in die Kinos locken kann,‭ ‬ist Filmemachen auf den Philippinen ein Extremsport,‭ ‬den man sich nur leisten kann,‭ ‬wenn man einen regulären Haupt-,‭ ‬zumindest einen lukrativen Nebenerwerb irgendwo in der Medienindustrie hat.‭ ‬Das ist nicht neu.‭ ‬Selbst in der langen Boom-Phase von den‭ ‬50er bis in die frühen‭ ‬80er Jahre,‭ ‬als jährlich oft weit über‭ ‬200‭ ‬Filme entstanden,‭ ‬war das philippinische Kino immer auf sich selbst fixiert und wurde nur in wenigen Ausnahmefällen von ausländischen Spezialisten wahrgenommen.

Unter der sehr scharfen Beobachtung eines ganz anderen Publikums stehen dagegen viele politisch engagierte Dokumentarfilmer.‭ ‬Man kann sich brisanten Themen von Außen nähern wie etwa die in den USA lebende Ramona S.‭ ‬Diaz.‭ ‬In ihrer fabelhaften Doku IMELDA‭ (‘‬03‭) ‬porträtiert sie die Gattin des gestürzten Diktators Marcos und geht auch den selbst nach einem Vierteljahrhundert nicht geklärten Hintergründen der Ermordung des charismatischen Oppositionsführers Benigno‭ "‬Ninoy‭“ ‬Aquino nach.‭ ‬Wie tief der Stachel der Verschwörung noch immer sitzt,‭ ‬zeigt Jun Reyes‭’ ‬THE LAST JOURNEY OF NINOY‭ (‘‬09‭)‬,‭ ‬in dem sich selten gesehenes Originalmaterial und nachgestellte Spielszenen zu einer sehr interessanten Doku über die letzten‭ ‬192‭ ‬Stunden im Leben Aquinos zusammenfügen.

Wird einem jedoch nicht von politisch höchst einflussreichen Oligarchenfamilien wie den Aquinos oder der Lopez-Mediendynastie der Rücken freigehalten,‭ ‬gerät man als Dokumentarist nicht selten selbst in die Schusslinie.‭ ‬So etwa Ditsi Carolino.‭ ‬In LUPANG HINARANG‭ (‘‬09‭) ‬hält sie den durch Gandhi inspirierten,‭ ‬1700‭ ‬Kilometer langen Protestmarsch von landenteigneten Bauern zum Präsidentenpalast in Manila fest und schildert den Widerstand der Landarbeiter gegen die Gewaltmaßnahmen der auch vor Mord nicht zurückschreckenden Zuckerbarone auf der Insel Negros.‭ ‬Bei solchem Engagement wird man schnell als Staatsfeind und Mitglied einer linken Rebellenbewegung diffamiert und potentielles Ziel ultrarechter Todesschwadronen.‭ ‬Die progressiven Medienaktivisten der Gruppe Southern Tagalog leben besonders gefährlich.‭ ‬Nicht nur werden ihre Filme regelmäßig von der Zensur verboten.‭ ‬Eines von vielen schrecklichen Beispielen sind die Erlebnisse des Filmemachers Virgilio‭ "‬King‭“ ‬Catoy.‭ ‬Er wurde während der Recherchearbeiten zu einer Dokumentation über Menschenrechtsverletzungen zusammen mit mehreren Aktivisten von Militärs gekidnappt,‭ ‬seine Kamera und das Bildmaterial zerstört.‭ ‬Zwar wurde er nach seiner Scheinexekution wieder freigelassen.‭ ‬Doch zwei seiner Begleiter aus der Menschenrechtsvereinigung Karapatan-Southern Tagalog wurden wenige Tage später ermordet und mißhandelt aufgefunden.

Lav Diaz in Manila

Lav Diaz in Manila (Foto: Axel Estein)

Abspann:

Der Morgen dämmert über der Aurora‭ ‬Boulevard in Quezon.‭ ‬Eine Nacht des Meinungsaustauschs und der sprühenden Inspiration neigt sich dem Ende.‭ ‬Doch die Debatte wird weitergeführt‭ ‬-‭ ‬überall.‭ ‬In zunehmend schärferer Form.‭ ‬Vor zwei Tagen ist Corazon Aquino,‭ ‬Witwe des ermordeten Ninoy,‭ ‬Ikone der friedlichen EDSA-Revolution,‭ ‬die zum Sturz des Diktators Marcos führte, und von Millionen noch immer verehrte Ex-Präsidentin der Philippinen gestorben.‭ ‬Das Land ist in Aufregung und Trauer.‭ ‬Die Hoffnungen vieler richten sich auf Ed Panlilio,‭ ‬einen Priester,‭ ‬der das höchste Amt des Volkes anstrebt.‭ ‬Er stammt aus der Provinz Pampanga.‭ ‬Dort lässt man sich zur Osterzeit gerne ans Kreuz schlagen,‭ ‬um Glaubensstärke zu beweisen.‭ ‬Ein seltsamer Widerspruch besteht,‭ ‬wenn Lav Diaz über all diese Dinge spricht:‭ ‬Er scheint gelassen,‭ ‬selbst wenn die Wogen seiner Empörung höher schlagen,‭ ‬ereifert er sich nicht.‭ ‬Dennoch spürt man einen heiligen Zorn:‭ "‬Mann,‭ ‬wir brauchen eine neue Revolution‭!“ ‬Daran besteht‭ ‬-‭ ‬nicht nur in unserem Kreis‭ ‬-‭ ‬keinen Augenblick ein Zweifel.‭ ‬Ist schon ein erster Hauch des Windes der Veränderung zu spüren‭? ‬Diaz jedenfalls hat mit seinem Film‭ "‬Jesus der Revolutionär‭“ ‬schon einmal die Richtung gewiesen,‭ ‬aus der er heraufziehen könnte.‭ ‬In zehn Monaten wissen wir mehr.‭ ‬Dann ist ein neuer Präsident in den Malacañang Palast eingezogen.

 

***

(‬1‭) ‬Ein illusteres Trüppchen das sich auf den oberen Stufen der Gesellschaftspyramide tummelt.‭ ‬Schon im Senat,‭ ‬der höchsten Kammer der Volksvertreter,‭ ‬beginnt das Possenspiel:‭ ‬Ramon‭ "‬Bong‭" ‬Revilla,‭ ‬dessen politische Karriere nicht von der als Filmschauspieler und Showstar zu trennen ist und genauso wie sein Kollege Jinggoy Ejercito Estrada,‭ ‬Sohn des gestürzten Präsidenten,‭ ‬es sich nehmen lässt,‭ ‬seine Wähler auch als Leinwandheld beeindrucken zu wollen.‭ ‬Neben diesen eher für Unterhaltungswert sorgenden Leichtgewichten beschattet aber auch die dunkle Seite der Macht die Reihen des Senats:‭ ‬Der notorische Umstürzler Gregorio‭ "‬Gringo‭“ ‬Honasan,‭ ‬ein Elitemilitär,‭ ‬der an mehreren misslungenen Staatsstreichen oder deren Vorbereitungen beteiligt war,‭ ‬und sein Ziehsohn Antonio Trillanes,‭ ‬ebenfalls Elitemilitär,‭ ‬dessen permanenter Aufenthaltsort trotz seiner Wahl zum Senator weiterhin eine Gefängniszelle ist,‭ ‬in der er wegen eines dilettantischen Putschversuchs sitzt,‭ ‬gehörten da noch zur harmloseren Sorte.‭ ‬Richtig finstere Gesellen sind dagegen der ehemalige Chef der gefürchteten Philippine Constabulary Panfilo M.‭ ‬Lacson,‭ ‬mit blutroter Weste ein Mann der eisernen Faust,‭ ‬gegen den nun endlich einmal eine stichhaltige Mordanklage aufgebaut zu werden scheint,‭ ‬und der langjährig frühere Verteidigungsminister Juan Ponce Enrile,‭ ‬einer der politischen Architekten der Marcos-Diktatur und des die‭ ‬70er Jahre bestimmenden Kriegsrechts,‭ ‬dessen Name sich als unsichtbares Wasserzeichen unter den Todesurteilen Hunderter Regimegegner findet.

So geht es zu in den höchsten Kreisen der politischen Willensbildung,‭ ‬die durch Diadochenkämpfe wechselnder Fraktionen und Allianzen gekennzeichnet ist,‭ ‬und setzt sich unter ähnlichen Vorzeichen fort bis in die Kommunalverwaltungen.‭ ‬Die skandalgeschüttelten Philippinen,‭ ‬immerhin die älteste Demokratie Asiens,‭ ‬einen plutokratischen,‭ ‬von Korruption,‭ ‬Vetternwirtschaft,‭ ‬Skandalen und fortgesetzten Menschenrechtsverletzungen gekennzeichneten Operettenstaat zu nennen,‭ ‬fällt da nicht schwer.

Am späten Abend des 1. Septembers 2009 wurde der Filmkritiker Alexis Tioseco zusammen mit seiner aus Slovenien stammenden Lebenspartnerin, der Filmjournalistin und Filmfestivalorganisatorin Nika Bohinc bei der Rückkehr in ihr Haus in Quezon City, Metro Manila, von drei unbekannten Räubern erschossen. Möglicherweise handelte es sich um einen nur vorgetäuschten Raubüberfall, und Alexis und Nica wurden zu Opfern in einem kurz vor der Klärung stehenden Streit um eine Immobilie. Trotz seiner erst 29 Jahre war Alexis ein hervorragender Kenner der philippinischen Filmgeschichte und einer der leidenschaftlichsten, artikuliertersten, differenziertesten und intelligentesten Kommentatoren des gegenwärtigen Filmschaffens seines selbstgewählten Heimatlandes. Nicht nur für die philippinische Filmgemeinde ist Alexis' Tod ein großer Verlust.


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