14. März 2010, Woche 10/2010        Video
Print
CARGO Film/Medien/Kultur
  • Übersicht aktuell
  • Interviews und Features
  • Ratings
  • Blog

Aktuelle Ausgabe: CARGO Film/Medien/Kultur 04 vom 10. Dezember 2009

  • Quicklinks:
  • Abonnement oder aktuelles Heft bestellen /
  • Jahresratings /
  • Newsletter /
  • Links
 
  • Aktuelles Heft
  • Alle Ausgaben

CARGO 04/2009 Cover «Mad Men»
CARGO 05 erscheint am 25. März 2010.

  • Portofrei bestellen
  • Verkaufsstellen

  • Inhaltsverzeichnis von Heft 04/2009
  • Editorial

InkarNation - Lav Diaz im Gespräch

Der philippinische Regisseur Lav Diaz öffnet dem Weltkino ganz neue Dimensionen. Seine vielstündigen Filme sind zugleich Nationalgeschichte und melancholische Reflexion auf deren Unmöglichkeit. Wir haben im Oktober 2008 in Berlin mit ihm ein ausführliches Gespräch geführt. Hier die wichtigsten Passagen.


Lav Diaz on

Digital Cinema


Lav Diaz on: Long-Take Aesthetics

Lav Diaz on

Long-Take Aesthetics
Lav Diaz on: The True History of Philippine Cinema

Lav Diaz on

The True History of Philippine Cinema
Lav Diaz on: Lino Brocka: National Hero, Political Animal

Lav Diaz on

Lino Brocka: National Hero, Political Animal
Lav Diaz on: Mike de Leon: Filmmaker, Intellectual Bourgeois

Lav Diaz on

Mike de Leon: Filmmaker, Intellectual Bourgeois
Lav Diaz on: The History of Leftist Activism

Lav Diaz on

The History of Leftist Activism
Lav Diaz on: his most recent film Melancholia (2008)

Lav Diaz on

his most recent film Melancholia (2008)
Lav Diaz on: his Mindanao-Project

Lav Diaz on

his Mindanao-Project

Lav Diaz schreibt mit seinen Filmen an einer Geschichte der Philippinen

Eine Frau kommt in ein Dorf irgendwo auf den Philippinen. Sie trägt Lackstiefel, ein sehr knappes Kleid und einen leichten, schwarzen Mantel. Schweigend spaziert sie die Straßen zwischen den weit verstreuten Häusern entlang. Gelegentlich raucht sie, unterwegs trifft sie eine Nonne, die Geld für die Armen sammelt. Abends sitzt sie in einem Gasthaus, wo ein Mann auf sie zutritt, der sie wiedererkennt: „Alberta?" Doch sie weist ihn ab. Sie heißt Jenine Salvador. Sagt sie.

Die Identitäten der Figuren sind zweideutig in „Melancholia", dem neuen Film von Lav Diaz. Die Menschen, deren Wege einander hier kreuzen, spielen alle mindestens eine Rolle. Sie sind nicht einfach sie selbst, wie man von einer Nonne, einer Prostituierten, einem Zuhälter usw. erwarten würde. Sie machen sich mit ihrer Existenz ganz bewusst zu typischen Stellvertretern der philippinischen Nation. Um nicht weniger geht es Lav Diaz in allen seinen Filmen: um eine Nationalgeschichte im Modus der Meditation. Politische Analyse tritt dabei zuweilen zurück hinter den Versuch, die grundsätzliche Befindlichkeit der Menschen in einem Land zu verstehen, das aus seiner Ohnmacht nicht herauszufinden scheint. Er hat dafür eine originäre Form entwickelt, die ihn auf den Filmfestivals zu einem Außenseiter hat werden lassen - man ist an seinen Filmen interessiert, weiß aber nicht so recht, wie sich diese bis zu elfstündigen Werke, die manchmal wie Installationen wirken, am besten zeigen lassen.

Einer schon recht langen Geschichte mehr oder weniger gelungener, verstreuter Präsentationen in Venedig, Wien oder Berlin ließ das Arsenal - Institut für Film und Videokunst nun die einzig konsequente Form folgen: eine konzentrierte Werkschau in einem Kino. Nur so wird der narrative Charakter auch gewürdigt. Die Filme haben durchweg Anfang und Ende, sie bilden einen Erfahrungsweg, der sich nicht umkehren lässt, noch kann man beliebig in ihn ein- und aussteigen.

Vier große Blöcke gibt es von Lav Diaz, dazu der mit knapp sechs Stunden eher mittellange „Batang West Side" und einige kleinere, frühere Arbeiten. „Melancholia", der aktuelle Film, hatte erst kürzlich in Venedig Weltpremiere. Das Zentrum bildet dabei das längste dieser Epen: „Evolution of a Filipino Family", bei dem der an ein eher naturhistorisches Tempo gemahnende Begriff Evolution nicht falsch gewählt ist. Denn Lav Diaz erzählt darin tatsächlich eine Familiengeschichte, die zwar im Wesentlichen in der Zeit des Diktators Ferdinand Marcos spielt, aber tief in die Zeit einer ursprünglichen Ressourcenwirtschaft im Dschungel und der Landwirtschaft in den Barrios zurückreicht. Die komplexe Verschachtelung der Erzählung ist ein Indiz für das Interesse des Regisseurs, die Geschichte des Landes über dessen Ungleichzeitigkeiten zu begreifen - die Menschen gehorchen ganz alten Überlebensinstinkten und verfolgen gleichzeitig mit angespanntem Interesse eine Seifenoper im Radio, die Diktatur von Marcos beschwört die westliche Modernisierungsrhetorik und beruht gleichzeitig auf brutaler Repression.

In „Evolution" wie in nahezu allen seinen Filmen bezieht Lav Diaz sich auch ausdrücklich auf die Filmgeschichte seines Landes, dessen bekannteste Regisseure wie Lino Brocka oder Ishmael Bernal hin und hergerissen waren zwischen populären Formen und intellektueller Kritik. Häufig gelang eine Versöhnung dieser beiden Modelle, und auch vor diesem Hintergrund lässt sich gut erkennen, wie sehr sich Lav Diaz mit seinem Kino im eigenen Land marginalisiert. Eben erst wurde bekannt, dass die Prädikatisierungsbehörde seinem vorletzten Film „Death in the Land of Encantos" (einer halbdokumentarischen Feldforschung in einer von einem Tropensturm verwüsteten Region auf der Hauptinsel Luzon) eine Freigabe verweigert hat - einer Einstellung einer nackten Frau wegen gilt das Werk nun als pornographisch.

Dabei verhält sich die Sache doch gerade umgekehrt: Lav Diaz sucht nach einem Bild für die Idolatrie, die der weibliche Körper in einem Land erfährt, in dem Prostitution gleichzeitig allgegenwärtig ist. Auch in „Melancholia" eignet der Sexualität etwas Performatives, sie ist Show, Ausverkauf, aber auch Kunstwerk und Tanz, Skulptur und Kontemplation. Alberta ist Objekt und Zeugin in einer Person, ihr Tun lässt sich auf mehreren Ebenen - als intellektuelle Recherche, als religiöse Stellvertretung, als therapeutisches Reenactment - begreifen, es umgreift somit die ganze Methode von Lav Diaz, der mit seinem Kino eine Nationalgeschichte von unten entwirft, ausgehend von Individuen, die nicht einfach in ihrem Land leben, sondern es tatsächlich verkörpern.

breb

 


Mehr Artikel …

Mit Lav Diaz sprachen Ekkehard Knörer, Bert Rebhandl und Simon Rothöhler

 

Filmographie

  • Melancholia (2008)
  • Death in the Land of Encantos (2007)
  • Heremias (2006)
  • Evolution of Filipino Family (2004)
  • Jesus Revolutionary (2002)
  • Batang West Side (2001)
  • Naked Under the Moon (1999)
  • Burger Boys (1999)
  • The Criminal of Barrio Concepcion (1998)

 

weiterführende Texte
  • "The Decade of Living Dangerously"
    Interview mit Lav Diaz bei Senses of Cinema
  • Oggs Cruz über "Melancholia"
    in seinem Blog Lessons from the School of Inattention
  • Noel Vera über "Jesus Revolutionary"
    in Noelmoviereviews
  • Robert Koehler über "Death in the Land of Encantos"
    in CinemaScope
  • "Die Kunst muss stur sein"
    Ekkehard Knörer beim Perlentaucher

 

Ähnliche Artikel
  • Lukas Foerster: CARGO auf der Viennale

    Über Ferrara, Naderi, Hong Sang-soo, US-Komödien uvm.

  • Sense of Place - Brillante Mendoza im Gespräch

    Brillante Mendoza ist im internationalen Festivalbetrieb so etwas wie der Regisseur der Stunde. In den letzten eineinhalb Jahren wurden zwei seiner Filme (Serbis, 2008 und Kinatay, 2009) in Cannes und einer in Venedig (Lola, 2009) jeweils für den internationalen Wettbewerb ausgewählt.

  • Axel Estein (MAERZ): Welcome to Crocodile Country

    Ein Bericht aus Manila in der Regenzeit. Eine Tour d'horizon durch die höchst lebendige Gegenwart des philippinischen Kinos.

  • Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky: Option Brocka

    Ein Gespräch über Lino Brocka, dem im Rahmen der diesjährigen Viennale eine kleine Retrospektive gewidmet war.



© Cargo Verlag GbR 2008-2010 / Impressum / Anzeigen, Mediadaten / RSS / Hosting: classlibrary.net / www.cargo-film.de is a Django powered site.
    ISSN 1867-8750 (Website) ISSN 1867-8742 (Print)