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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 41
vom 22. März 2019

CARGO 41 Cover, CARGO 40 Cover,

Hergestellt Echt
Eva Könnemanns Theaterfilm «Ensemble»

Von Ekkehard Knörer  

Eva Könnemann: Ensemble

Der Ort: Theater-Off-Szene, Zentrum. Kampnagel, Hamburg. Eine vom Intendanten (beziehungsreich besetzt mit Tom Stromberg) zusammengewürfelte DarstellerInnentruppe probt unter Regie von Nikola Duric für eine Aufführung von "Dantons Tod". So sieht das erstmal aus in Eva Könnemanns Film, der wiederum die Proben zu dieser Aufführung zu dokumentieren scheint. Was er auch tut, aber nicht einfach so. Es ist alles ein wenig komplizierter. Gewiss, es gibt die Proben, es gibt die Darstellertruppe und es wird am Ende auch die Aufführung des Stücks auf Kampnagel gegeben haben. Der Rahmen aber ist anders gezogen, als man auf den ersten Blick denkt. Tom Stromberg ist in seinem Leben vieles gewesen, sehr wichtig einst für die Gießener Schule etwa als Chef des Frankfurter Theaters am Turm, Kampnagel-Intendant jedoch war er nie. Arrangiert hat das, was man in/als Ensemble nun sieht, eben nicht, wie es im Film erzählt wird, Tom Stromberg, sondern die Regisseurin und – wenn man so sagen kann - Autorin des Films Eva Könnemann.

Spätestens mit Stromberg, der sich gegen Ende des Films vom Ergebnis der Proben entsetzt zeigt, tritt die Fiktion deutlich ins Bild. Zuvor ist sie die meiste Zeit gut camoufliert. Alle (fast alle) Darsteller tragen die Vornamen, die sie im wahren Leben auch tragen. Die enervierenden Probendialoge und -Streitereien, etwa die Diskussionen um Funktion und Rolle des Regisseurs, wirken aber sowas von echt. Das Bühnenbild, die recht gesamtkonzeptfreien Regieeinfälle mit Musik, Tanz, seltsam über den Oberkörper gestülpten Röhren und krakeliger Tafelanschrift: So ungefähr, nämlich als eher gefühlte denn gedachte Ideen-Melange, die am nun einmal vorgenommenen Stück geradezu programmatisch kein Interesse entwickelt, malt man sich als Außenstehender die Entstehung des schlechten und faulen Regietheaters aus, das sich in der diffusen Zone zwischen Drama und Postdrama breitmacht.

Nikola Duric ist im richtigen Leben, das sich in diesen Film hinein – jedenfalls als Fiktion - fortsetzt, Mitglied des aus der Gießener Angewandten Theaterwissenschaft hervorgegangenen Performer-Kollektivs "Showcase Beat Le Mot". Dieses wiederum hat die Schwäche, dass es in seinen leider nicht seltenen schlechten Momenten (zuletzt durchlitten: "1534") bloße Konzeptlosigkeit oft schon als taugliches antidramatisches Konzept begreift. Im Film spielt Duric nun den Regisseur, der das von Tom Stromberg zusammengestellte Ensemble mit seinen Darstellern recht unterschiedlicher Herkunft animieren, disziplinieren, jedenfalls dazu bringen soll, mit "Dantons Tod" etwas Spannendes anzufangen. Man wird nicht sagen können, dass ihm das gelingt. Man probiert miteinander dies und das aus, keine Idee zündet. Viel wird sich gezankt, mal laut und mal leise. Über Grundsätzliches wird diskutiert, Bankrott wird erklärt. Dann wieder Musik. Einer springt ab, ein weiterer kommt zufällig eher dazu, der Abgesprungene wird durch einen Mann mit Schauspielschulausbildung ersetzt und bekommt vom Regisseur Nikola gleich zu hören, dass er professionelle Schauspieler eigentlich nicht leiden kann.

Auf dem komischen Höhepunkt des Films begreift man, warum. Sven, der Mann von der Schauspielschule (Niels Bormann, der seinen eigenen Namen nicht in den Film hineinträgt), performt offenbar immer noch gelehrte klassische Sprecherziehung nach Egon Aderhold, also jene gründliche Austreibung des Lebens aus der Sprache durch eine die eigene Künstlichkeit ins Prononcierte packende Artifizialität. Die komische und durch Verzicht auf Übertreibung sehr gelungene Parodie deckt freilich gleich eine entschiedene Crux des Postdramatischen auf: Es ist nicht so schwer zu wissen, was nicht mehr geht. Was man aber über die Parodie hinaus anfängt, wenn man sich an die vierte Wand nicht mehr lehnen kann, ist eine andere, im besten Fall immer neu offene, spannende Frage. Von bloßem rampenfrontalem Ablesen der Dialoge über dann doch dramatheateraffines Schauspiel bis zur Überführung von Darstellungskunst in stückbezugfreies Gehampel wird in Ensemble mancherlei ausprobiert – zwischen dem Dies und Das, das man sieht, und dem Finden überzeugender neuer Formen für einen klassischen Text liegen allerdings Welten. 

Ensemble ist ein treffender Titel. Die hier versammelten Darsteller sind eben kein Kollektiv von Performern. Sie sind auch kein festes Ensemble, das französische Adjektiv ensemble schwingt hier sehr bewusst mit: Man fremdelt zwangsvergemeinschaftet auf der Suche nach Ideen für eine Inszenierung. Alle sind recht bereit, allerlei mitzumachen, man sträubt sich dann aber auch an je unterschiedlichen Stellen; eine gemeinsame und geteilte Vorstellung davon, was Theater oder Performance heißt, gibt es nicht. Schon darüber, wie man die gemeinsame Arbeit begreift, gibt es Streit: arbeitet man für Geld und im Auftrag - darauf insistiert Vanessa (Vanessa Stern) - oder ist die Person als ganze, das heißt: auch als private, im Spiel? Es geht in den nicht wenigen Metapassagen, und sei es in den Formulierungen noch so unpräzise, ums Ganze.

Ensemble ist nun einerseits: die Dokumentation der beschriebenen Probensituation. Andererseits aber ist Eva Könnemann die Regisseurin in einem sehr präzisen und ungewöhnlichen Sinn: Sie hat dieses "Ensemble"-Dispositiv als Versuchsanordnung selbst entworfen. Sie hat die Leute zusammengesucht, die dann Figuren darstellen, die ihnen selbst mehr oder weniger ähneln. Sie hat das Stück, den Aufführungsort – Büchner, Kampnagel – ausgewählt. Alle Beteiligten wissen, dass sie, was sie tun, für den Film, der ihr Tun dokumentiert, tun. Das Geschehen hat Könnemann dabei nicht komplett sich selbst – das heißt ihren Darstellern – überlassen. Bestimmte Wendungen hat sie, als Spielleiterin, Autorin in diesem Sinn, eingeführt. Etwa das Abspringen der einen, das Auftauchen der anderen Figur (eines Tänzers).

Was die DarstellerInnen mit diesen wie Stöckchen in einen Ameisenhaufen geworfenen Elementen anfangen, war dann aber wiederum ihre Sache. Was immer sie tun, schillert so zwischen authentischem Proben des Stücks (das am Ende eben wirklich vor zahlendem Publikum auf Kampnagel aufgeführt wurde) und Improvisation für den Film. Fast alles ist, anders gesagt, beides immer zugleich, echte Probe und improvisiertes Spiel, mithin hergestellt echt. Und dieses hergestellt Echte dokumentiert nun Ensemble. Aus rund 100 Stunden Drehmaterial hat Eva Könnemann, die die Kamera geführt und den Schnitt auch selber gemacht hat, eine 83 Minuten lange Fassung erstellt.

Heraus gekommen ist ein Balanceakt. Die Bilder sind genau kadriert, die Schnitte oft scharf, die Auslassungen klug gewählt, manchmal mit durchaus komischem Effekt, wenn etwa, was nicht selten vorkommt, eine Szene oder die Bewegung von der einen Szene zur nächsten implizit eine vorangehende Szene kommentiert. Vieles, was geredet wird, geht schwer auf die Nerven, aber der Film macht sich damit weder gemein noch führt er die Figuren/Darsteller (who/knows) in denunziatorischer Absicht vor. Die Form des Films ist streng, klar und eigen. Über die Nennung aus der Berliner Schule vertrauter Namen im Danksagungs-Abspann wundert man sich nicht. Mit den frei schwingenden Rhythmen, mit denen etwa Frederick Wiseman in seinem Werk mehrfach schon Theater- und Balletproben dokumentiert hat, hat Ensemble gar nichts zu tun. Es geht hier ganz anders zur Sache.

Der Film verbietet sich nach außen hin den Mund und wird einzig und allein aus dem Hinterhalt der gefundenen filmischen Form reflexiv. Er hat einen schönen Sinn fürs Abrupte, das immer wieder intelligent kontrapunktisch ins von den dramatis personae gepflegte diffuse Gerede hineinfährt. Ensemble dokumentiert, wie eine zu gleichen Teilen theatrale wie filmische Versuchsanordnung Wissen über das Dispositiv namens Theater hervorbringt. Weiter als in die Kulisse des Theaterstücks selbst geht der Film am Premierenabend nicht auf die Bühne des realen Theaters. Wir sehen nur den Regisseur, der von außen auf die dem Blick entzogene Szene dessen blickt, was er vor unseren Augen mit seinen DarstellerInnen angerichtet hat.

Der Film hat am 8. Dezember in den Hackeschen Höfen Berlin seine Premiere.