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Neue Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 40
vom 14. Dezember 2018

CARGO 40 Cover, CARGO 39 Cover,

Super Night Shot

Die Gruppe Gob Squad tanzt hoch elegant auf der Grenze zwischen Theater und Film.

Von Ekkehard Knörer  

Als wir das Foyer des Theaters betreten, ist der Film, den wir in der und als Aufführung des heutigen Abends sehen werden, noch nicht fertig. Sein Ende nämlich erleben wir live und eine Stunde später dann in der Aufzeichnung mit. (Siehe, da bin ich und da bist auch du im Bild.) Zu Beginn der Vorführung, als ihr Beginn, oder: auf der Schwelle zwischen Vorspiel und Beginn, in einem anfiktionalisierten Zwischenraum stehen wir herum und warten darauf, dass es losgeht. Und voilà, hier betreten die Performer das Theater, sie schwenken die Kameras, sie gehen auf das Zielbanner zu, auf dem steht "The End". Damit fängt alles an.

Kurze Beschreibung des außergewöhnlichen Aufführungsdispositivs: Um 20 Uhr 30, eine Stunde vor Vorstellungsbeginn, verlassen vier Performer der Gruppe Gob Squad das Theater. Weil das Theater in diesem Fall der Prater, die kleine Bühne der Berliner Volksbühne ist, heißt das: Sie stehen auf der Kastanienallee. Dabei haben sie: Videokameras (und Kameramänner/frauen). Im Kopf haben sie: ein Skript, das zu bestimmten Zeitpunkten bestimmte Handlungen vorsieht. Einen Steptanz mit dem Regenschirm etwa, ein bisschen wie in "Singing in the Rain". (Was immer im Skript stehen mag: Es regnet an diesem schönen Spätfrühlingsabend keineswegs.) Oder: das Aufsetzen von Tiermasken. Oder: Sie ziehen sich auf offener Straße aus und um. Jede/r der vier hat eine andere Aufgabe.

Simon Will ist der Held. Er quatscht Leute am Straßenrand an und fragt sie, ob er ihnen als Held, der er ist, helfen kann. Berit Stumpf ist die Casting-Frau: Sie muss jemanden finden, der oder die am Ende Simon Will küssen will (bzw. einen Hasen, unter dessen Maske Simon Will steckt). Bastian Trost ist der PR-Mann. Er macht Kopien von Simon-Will-Werbehandzetteln, er verteilt sie dann in der Straßenbahn. Er beklebt die Stadt, nach dem Abstreifen seiner Kleidung hat er einen paillettenbesetzten Glam-Anzug an. Sarah Thom fungiert als Location-Scout und sucht Ort und Stelle für das Happy End: den Kuss zwischen der oder dem von Berit Stumpf noch zu castenden Küssenden. Am Anfang werden die Uhren synchronisiert, nach einer Stunde, zu Vorstellungsbeginn, sind die Spieler als Figuren im unterdessen entstandenen Film, zurück. Was folgt, woraus der Theaterabend besteht: Auf der Bühne ist eine Leinwand, die aus vier Leinwänden besteht. Sie sind nicht zum Viereck (wie in Mike Figgis' gar nicht unähnlichem Film "Timecode"), sondern nebeneinander, Bild neben Bild neben Bild neben Bild, platziert und in jedem der Leinwandabschnitte läuft, völlig ungeschnitten, der genau einstündige Film, der soeben draußen enstanden ist, ab.

Die Performance "Super Night Shot" bewegt sich auf Grenzen:

Zwischen, zum einen, Dokumentation und Fiktionalität. Es gibt einen Plot und es gibt eine Spannung, die sich aus der Frage ergibt, ob es in der Wirklichkeit gelingen wird, das Happy End - Umarmung und Kuss -, das der "fiktive" Plot vorsieht, in der "Wirklichkeit" auch herbeizuführen. Es kann, das gehört irreduzibel zur Situation mit dazu, auch passieren, wie es mir hier passiert, dass ich eine der zufällig ins Bild laufenden Personen, aus dem richtigen Leben kenne. Das ist doch C. denke ich! Jetzt (nicht ganz)! Hier (nicht ganz)! In dieser Uraufführung und Finissage des heutigen Films!

Zwischen Einmaligkeit und Wiederholung. Technisch existiert nun, als festgehaltene Aufzeichnung, jederzeit wiederholbar dieser Film. Er wird aber nicht wiederholt. Dies, heute, ist, besondere Gelegenheit, die 100. Aufführung von "Super Night Shot". Nach immer demselben Skript sind seit dem Jahr 2003, der ersten Aufführung, auch in Berlin, an unterschiedlichen Orten 100 im Vergleich einander so ähnliche wie unterschiedliche Filme entstanden. (Ich kenne nur diesen.) Natürlich könnten Gob Squad alle 100 Filme ins Internet und so der Wiederholbarkeit anheimstellen. Sie tun das programmatisch nicht. Es wäre sogar konsequent, wenn sie jeden Film nach seiner Aufführung löschten. Vielleicht tun sie das, vielleicht auch nicht.

Zwischen Präsenz und Absenz. Haarscharf sozusagen, um ziemlich genau eine Stunde, verfehlen wir als Zuschauer das realzeitliche Dabeisein beim Geschehen. Nur am Endpunkt überschneiden sich - als Aufführung - das Ende des Films und der Anfang der Vorstellung, die diese Überschneidung als Film vorführen wird. Am Ende des Films kommen dann die vier Performer - und die gecastete Küsserin! - auf die Bühne und bekommen so am Ende des Films Theaterapplaus.

Zwischen Plot und Improvisation. Zwanglos geraten die Performer mit wem auch immer auf der Kastanienallee ins Gespräch. (Oder auch nicht.) Alles ist in diesen Momenten durchaus möglich. Zurückweisung, Desinteresse, Vorsicht oder auch, was heute Abend wirklich passiert: Eine als Statistin vorgesehene Frau im Café reißt für eine Weile den Film an sich, wird Akteurin mit hinreißend improvisiertem Verhalten und Text in Simon Wills Teil des Films. Diese Punkte der schieren Potenzialität wechseln, wie erwähnt, mit anderen Momenten, in denen sich das Geschehen skriptgemäß synchronisiert. (Timecode!) Gleichzeitig beginnen alle vier in ihren Segmenten mit Regenschirmen zu tanzen. Aus dem Off ertönt dann, und nicht nur an dieser Stelle, Musik. Überhaupt eröffnet diese Musik, live abgespielt während der Aufführung, einen weiteren, einen zur Gänze extradiegetischen Raum.

Und, zuletzt, natürlich, bewegt sich der Abend auf der Grenze zwischen Film und Theater. "Super Night Shot" ist nicht einfach ein Film, den man im Theater sieht. Es ist auch nicht einfach Theater - obwohl man es, gäbe es keine Aufzeichnung, auch als solches begreifen könnte: Ortsspezifisches Passanten-Improvisationstheater. In Wahrheit ist die Lage eben von Anfang an kompliziert. Die Entstehungsbedingungen des Films/der Performance verdanken sich vor allem einem: der Reflexion auf das Verhältnis von Theater und Film. Die Grenzlinie zwischen beidem ist nicht nur in die Aufführungssituation, sondern auch in die Entstehung des Films so eingezeichnet, dass sie trennscharfe Unterscheidungen gar nicht mehr zulässt. Darauf will diese Performance hinaus. Und haargenau da gelangt sie auch hin.